Johann Heinrich Merck: Briefwechsel. Band 4

Der vierte und, vom Kommentarband abgesehen, letzte Band des Briefwechsels von und mit Johann Heinrich Merck ist der disparateste. Das liegt zum Teil sicher an der Tücke der Überlieferung – daran, dass Merck mit Männern korrespondiert, für die er nur ein kleiner Fisch unter vielen war, nicht der Freund und der Starkritiker seines „Teutschen Merkur“, was er für Wieland war, und entsprechend geringer war wohl das Interesse daran, die Briefe aufzuheben, zumindest auf Empfängerseite. Denn Mercks Lebenszentrum ist nun definitiv die Osteologie und Paläontologie. Er lässt sich das Skelett eines Bären schenken, der als überzählig im Berner Bärengraben erschossen werden musste. Er skizziert, er übt sich selber in der Technik des Kupferstechens, um die Resultate zu haben, die er wünscht.

Die relativ geringe Zahl überlieferter Briefe liegt aber sicher auch daran, dass Merck in seinem letzten Lebensjahrfünft, von Krankheit und Depressionen heimgesucht, monatelang wenig bis gar nicht geschrieben hat. Umso wichtiger werden die Kommentare der Herausgeberin, Ulrike Leuschner. Es erweist sich als kluge Entscheidung, den Kommentar jeweils sofort auf den Brief folgen zu lassen, weil nicht nur Wort- und Sacherklärungen darin stehen, sondern jeder Brief, jeder Korrespondenzpartner, eingebettet werden in Mercks Leben. So wird vor allem der Band 4 auch zu einer Biografie im besten Sinne.

Merck ergeht es übel in seinen letzten Jahren. Jedenfalls auf den ersten Blick, und für einen depressiv Veranlagten wie Merck sowieso. Seine Schwiegereltern sind gestorben und die Erbschaftsangelegenheiten im Waadtland drohen in Familienzwistigkeiten auszuarten. Merck gibt seine Tochter Adelheid für ein Jahr im Waadtland in eine Art Mädcheninternat und -pension. Er bringt sie hin und holt sie dort wieder ab, was ihm Gelegenheit gibt, die Angelegenheit Auge in Auge mit seinem Schwager zu regeln. So gelingt es ihm nicht nur, den familiären Frieden aufrecht zu halten (dies übrigens mit kluger Mithilfe seiner siebzehnjährigen Tochter, die sein diplomatisches Talent geerbt zu haben scheint), er kann auch persönlichen Kontakt mit Horace Bénédict de Saussure, dem berühmten Genfer Naturforscher, herstellen.

Die Tochter wird noch zu Mercks Lebzeiten ihren Verwandten Johann Anton Merck heiraten. Johann Antons Vater war der ältere Bruder Johann Heinrich Mercks. Dieser ältere Bruder stammte aus des gemeinsamen Vaters erster Ehe, Johann Heinrich aus der zweiten. Johann Anton teilte mit seinem Onkel den naturwissenschaftlichen Enthusiasmus und gehörte ebenfalls zu dessen Korrespondenzpartnern. Ein Sohn aus der Ehe von Johann Heinrich und Adelheid, Emanuel, gilt als Gründer des pharmazeutischen Unternehmens „Merck“ in Darmstadt. (Die dem Unternehmen zu Grunde liegende sog. Engel-Apotheke in Darmstadt war allerdings schon seit 1668 in Familienbesitz.) Johann Heinrich Merck sollte die Geburt seines Enkels Emanuel noch erleben. Allerdings hinterlässt sie keine Spuren in seiner überlieferten Korrespondenz.

Mercks Versuche, Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Gesellschaften zu werden, und so auf dem Gebiet seines Steckenpferds die Anerkennung einzufahren, die ihm als Staatsangestellter letztlich verwehrt blieb, sind von unterschiedlichem Erfolg gekrönt. Vor allem die Engländer wollen so gar nichts wissen von ihm. Es bleibt ihm die ganz grosse Anerkennung verwehrt. Man wird den Eindruck nicht los: Er bleibt den Grossen des Fachs gegenüber letztlich in der Rolle des Schülers, des Bei- und Zuträgers, verhaftet. Wenn er seinen alten Freund Goethe anlässlich des Zwischenkieferknochens gegenüber Soemmerring und Camper fast geringschätzig als Amateur abtut, so muss er erleben, dass man ihn im Grunde genommen ebenso behandelt und betrachtet.

Ausserdem versucht sich Merck Ende der 80er Jahre als Unternehmer. Er baut eine Baumwollspinnerei und -druckerei auf. Aber Merck, der als kameralistische (heute würden wir sagen: nationalökonomische) Kapazität gilt, dessen Rat noch vor ein paar Jahren ein Carl August von Weimar eingeholt hatte – Merck wird übers Ohr gehauen. Sein eigener Landesvater, den er um eine Art Defizitgarantie angeht, weiss es mit seinen Beratern so einzurichten, dass Mercks guter Ruf einseitig dem Landesherrn dient – nämlich dazu, die stark angeschlagene landesherrliche Bonität aufzupolieren, während Merck in ein System von Spekulationen verwickelt wird, das dazu führt, dass in kürzester Zeit die Fabrik Konkurs geht. Die sowieso nur halbherzig in Aussicht gestellte Defizitgarantie des Landesherrn entpuppt sich als Illusion. Merck gerät in Panik. Er sieht sein Haus und seine bürgerliche Ehre in Gefahr – davon, dass Adelheid ihre gute Partie (eben jenen Johann Anton) verlieren würde, nicht zu reden. In dieser Situation erweist sich Goethe – aller vorhergehenden Unstimmigkeiten zum Trotz – als echter Freund. Er organisiert in Windeseile eine Garantie des eigenen Herzogs, und der gemeinsame Freund und Bankier Willemer aus Frankfurt akzeptiert sie für ein Darlehen an Merck. Wobei es bei näherem Hinsehen so schlimm nicht um Merck gestanden haben kann. Offenbar kann er seine Baumwollvorräte mit Gewinn verkaufen; das Darlehen Carl Augusts wird zwar in seiner vollen Laufzeit in Anspruch genommen, ja der Zeitrahmen leicht überzogen – aber es dient  schlussendlich gar nicht zu einer Schuldentilgung, sondern Merck kauft sich ein Haus damit. (Und, nebenbei: Ja, es handelt sich um eben den Willemer, dessen Frau Marianne – die er allerdings erst 1814 heiratete – als „Suleika“ im West-Östlichen Divan bis heute berühmt ist.)

Anfang der 90er Jahre kann sich Merck sogar noch einen Lebenstraum erfüllen und nach Paris reisen. Er wird Mitglied der Jakobiner, sogar mit der Berechtigung, in Darmstadt weitere jakobinische Clubs zu gründen. Er wird davon allerdings keinen Gebrauch mehr machen, sondern sich am 27. Juni 1791 das Leben nehmen.

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