Immermann: Merlin / Gedichte

Weil Die Epgonen zu kurz waren und nur ziemlich genau 1½ Bände im Format der von Harry Maync damals herausgegebenen historisch-kritischen Ausgabe umfassten, musste offenbar die restliche Hälfte von Band IV noch irgendwie gefüllt werden. Und obwohl Maync in seinen einführenden Texten selber die Qualität sowohl von Merlin wie der Gedichte an allen Ecken und Enden bemängelt, hat er sie eingefügt.

Merlin. Eine Mythe [1831]

Ein Gedankendrama nennt Maync den Merlin in seiner Einführung und will damit darauf hinweisen, dass das Ding nicht aufführbar sei. Heute, wo wir viel mehr und ganz andere Experimente auf der Bühne gewohnt sind, wäre das vielleicht anders; diesen Kritikpunkt lasse ich dahin gestellt.

Seinerzeit wurde Merlin als Gegenstück und Ergänzung zu Goethes Faust (vor allem dem zweiten Teil) gehandelt. Tatsächlich setzt Immermann ein mit einer Szene, die sehr an den Prolog im Himmel von Faust I erinnert: Luzifer besucht Satan an seinem Wohnort (Hohe Klippen und Landschaft. In der Ferne Gehöfte – Romantik pur). Satan ist, stellt sich heraus, so etwas wie der Demiurgos im gnostischen Sinn: Schöpfer der Welt, aber nicht der höchste und mächtigste Gott. Der hat gerade mit einer Jungfrau einen Sohn gezeugt (Christus), also will der eifersüchtige Satan dasselbe tun. Der Sohn der Verbindung von Satan und Candida ist – Merlin.

So weit, so gut. Doch nun setzt ein unappetitliches Kuddelmuddel ein: Immermann mixt gnostisches und zoroastristisches Gedankengut mit Elementen der Artus-Sage (v.a. dem Gral!), und den Erlösungsgedanken aus Faust II will er irgendwie auch noch unterbringen. Dazu gesellt sich eine grosse Unsicherheit in der Verwendung diverser Versmasse. Dass sich Immermann mit Goethe messen wollte, erweist sich als Hybris; das Drama ist heute zu Recht vergessen.

Gedichte

Verse liegen Immermann nicht. Harry Maync hat das schon beim Merlin bemängelt; das gilt erst recht für die im Laufe der Zeit entstandenen Gedichte Immermanns. Die Verse sind holprig; die Reime manchmal sogar unfreiwillig komisch. So sind Immermanns Gedichte allenfalls dort interessant, wo sich eine weitere Beschäftigung mit dem Merlin-Stoff erkennen lässt – aber auch diese bringen den Merlin nicht in höhere dichterische Regionen.

Eine Ausnahme möchte ich allenfalls für ein paar der Xenien machen, die Immermann verfasst hat. Kollegenschelte – das haben wir sowohl im Münchhausen wie in den Epigonen gesehen – liegt Immermann offenbar. Die Xenien wurden denn auch 1827 als Anhang zur Nordsee in Heinrich Heines Reisebildern veröffentlicht. Heine und Immermann schätzten sich zu jener Zeit gegenseitig hoch.

Alles in allem aber dennoch keine Lektüre, die ich weiterempfehle.

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