Ferdinand Beneke: Die Tagebücher. III/1: 1811-1813

Bekanntlich haben die Herausgeber der Beneke-Tagebücher beschlossen, die Abteilung III vor der Abteilung II zu veröffentlichen. Das habe seinen Grund darin, dass die hier aufgezeichneten Ereignisse sich jetzt gerade zum 200. Mal jähren. Es ist auch richtig: In gewissem Sinne waren die Jahre von 1811 bis 1816 Benekes beste. Zumindest sind es die Ereignisse dieser Zeit und was Beneke darin geleistet hat, die ihm bis heute einen Platz in der Hamburger Lokalgeschichte sichern.

1811, das Jahr mit dem Abteilung III einsetzt, stellt für Hamburg eine Zäsur dar. Am 1. Januar wird die Stadt, die schon seit 1806 von den Franzosen unter Napoléon besetzt ist, zur Hauptstadt des Département des Bouches de l’Elbe (Departements der Elbmündung). Hamburg war – definitiv, so glaubten alle – französisch, und Beneke – sehr gegen seinen Willen – französischer Staatsbürger geworden. Die Franzosen räumten mit der noch mittelalterlich ständisch geprägten Hamburger Verwaltungs- und Rechtsordung auf und führten darin nun französische Sitten und Gebräuche ein (sprich z.B. den Code Civil oder das Geschworenengericht). Eine längst überfällige Reform, müsste man aus heutiger Sicht sagen. Beneke sah das nicht so. Er trauerte seinem alten Hamburg nach. Dennoch geht er – unterdessen ein Enddreissiger, verheiratet und zweifacher Familienvater – nicht in Opposition oder gar ins Exil. Er schlägt sich schlecht und recht mit seiner privaten Anwalts-Praxis durch. Einladungen oder Ernennungen in die Verwaltung oder Rechtssprechung des neuen Hamburg schlägt er höflich aber bestimmt aus. Erst, als die Russen im Juni 1813 die Stadt vorübergehend befreien, exponiert sich Beneke wieder in der sofort reinstallierten alten Ordnung. Da diese Befreiung nur vorüberehend war, musste er, als die Franzosen Hamburg zurück eroberten, dann tatsächlich ins Exil, nach Mecklenburg. Er ist dort nicht untätig, sondern bildet – u.a. zusammen mit Perthes – das Direktorium, die Hamburger Exilregierung. 1813, mit dem Ende dieses Bandes, zeichnet sich zwar Napoléons endgültiger Niedergang in Europa ab; Hamburg sollte aber erst 1814 befreit werden. Wir verlassen Beneke also noch im Felde, bei der Belagerung seiner Heimatstadt.

Ihm geht es in dieser Zeit im Übrigen schlecht, sehr schlecht. Er sieht schwarz für die Zukunft – für die seine sowohl wie für die Hamburgs. (Denn, das muss gesagt sein: Der aus Bremen Zugezogene ist unterdessen Hamburger Patriot wie nur ein Eingeborener.) Zwar ist er glücklich verheiratet und seine merkwürdigen Liebesgeschichten haben ein Ende. Er ist Vater zweier Töchter und in Band III/1 kommt noch sein Sohn Otto Aldabert zur Welt – der später als Genealoge und Familiengeschichtler, Vorsteher des Hamburger Senatarchivs mit Publikationen (z.B. von Hamburgischen Geschichten und Sagen) auf eigenes Recht bekannt wurde und bis heute ist.

Beneke ist Hypochonder und notorischer Schwarzseher. Die politische Situation seiner Heimat belastet ihn gesundheitlich. Auch ist er nicht in der Lage, die möglichen negativen Implikationen einer Nachricht auszublenden. Die Nachricht z.B. von Napoléons Niederlage vor Moskau bedeutet für ihn eine Schwächung – nicht Frankreichs und seiner Truppen, sondern des Russischen Reichs – und er versinkt fast buchstäblich in ein Meer von Tränen. (Fast) alles macht ihn also krank, er kann nicht gehen und nicht reiten – ein merkwürdiger Major der Hanseatischen Bürgerwache. (Die übrigens nach kurzer Zeit in Hamburger Bürgerwache umbenannt wurde, als sich nämlich abzuzeichen begann, dass die Beneke’schen Träume eines wiederbelebten Hanse-Bunds sich nie verwirklichen würden, weil Lübeck, Bremen und Hamburg in ihren Interessen bereits weit auseinander gedriftet waren.)

Literarisch arbeitet er an seinen Hochgebirgsgedanken – einer Zusammen- und Aufstellung seiner religiösen Gedanken und Gefühle. Beneke neigt zusehends zur Schwärmerei. Träume – er träumt zeitweise viel von seinem verstorbenen Vater – werden ihm ominös. In seiner Lektüre – so lange er noch in Hamburg lebt, nachher hat er kaum Zeit zum Lesen, auch fallen die gemeinsamen Lektüre-Abende mit seiner Frau weg, die in Hamburg geblieben ist – fällt er auf Fouqué. Ausgerechnet dessen Zauberring ist es, der ihm so grossen Eindruck macht, dass er mit Perthes‘ Vermittlung den brieflichen Kontakt mit dem Autor sucht und findet. Aber es ist wohl weniger die literarische Qualität dieses merkwürdigen Machwerks, die ihm gefällt, sondern Fouqués Geist dahinter, die Idee eines christlichen Europas mit den Deutschen als Mittelpunkt. Jean Paul, der frühere Stern seiner Lektüre, ist nur noch in ein paar Reminiszenzen anwesend.

Daneben finden wir natürlich in den Tagebüchern seitenweise Einträge, die heute wohl kaum einen Leser mehr interessieren. Denn diese Tagebücher sind echte Tagebücher: Jeden Tag – selbst im Exil – macht Beneke brav seine Einträge, dies selbst dann, wenn nach menschlichem Ermessen nichts Interessantes vorgefallen ist. Und seine Einträge fallen auch keineswegs kurz aus. Dennoch – oder deswegen – eine Lektüre, die zu faszinieren versteht. Allerdings braucht der Leser einen langen Atem…

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2 Kommentare zu Ferdinand Beneke: Die Tagebücher. III/1: 1811-1813

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