Karl Philipp Moritz – Popularphilosophie

Weil nur wenige der theoretischen Schriften Moritz‘ handschriftlich erhalten sind, ist es – so die Herausgeber meiner kleine Werkausgabe (ich bin mittlerweile in Band 2, d.i. Bibliothek der Klassiker 145) – schwierig, diese Schriften chronologisch zu ordnen. Deshalb haben sie sich für eine Ordnung nach Themen entschieden. Das verschiebt die Problematik allerdings nur auf eine andere Ebene. Wir haben schon bei Moritz‘ Schriften zur Erfahrungsseelenkunde gesehen, wie breit Moritz seine Themen angeht, wie oft nicht ganz das im Artikel abgehandelt wird, was die Überschrift verheisst.

Was die Herausgeber unter dem Begriff ‚Popularphilosophie‘ gesammelt haben, lässt sich allerdings sogar zeitlich meist recht gut einordnen: Moritz‘ erste Berliner Zeit nämlich, als er unter dem Einfluss der dortigen Popularaufklärung und -philosophie stand. In dieser Hinsicht sollte sich bei Moritz vieles auf seiner Italienreise und durch seine Begegnung mit Goethe ändern.

In puncto Religion ist der Popularphilosoph Moritz ein Deist, ein platter Physikotheologe: Der liebe Gott hat die Kuh geschaffen, damit sie dem Menschen Milch gibt. Seine popularphilosophischen Schriften versuchen, diesen Standpunkt vor allem Kindern weiterzugeben. Daneben findet sich auch Sozialkritisches, so, wenn er sich über die übertrieben devoten Titulaturen im Deutschen aufhält. Freimaurerreden sind enthalten, auch Sprachphilosophisches, z.B. ein Versuch Moritz‘, aufzuzeigen, dass der Übergang vom Zeichen (d.i. ein Handzeichen oder auch eine Hieroglyphe) zur Wortsprache mit einer Erhöhung der Denkkraft einher gegangen sei, die wiederum der letzte Zweck unseres Daseins ist. Ein nachgerade kindlicher Glaube daran, dass die Menschheit letztlich immer Fortschritte zum Guten machen wird, ist Moritz nicht abzustreiten.

Am Eindrücklichsten ist wohl Moritz‘ Kinderlogik. Anhand diverser Kupferstiche entwickelt hier Moritz – nein, keine Logik, sondern – eine Kosmologie. Faszinierend daran ist, dass die Kupferstiche für einmal vor dem Text existiert haben – und nie für diesen Text gedacht waren. Sie wurden nämlich für eine lateinische Kindergrammatik gestochen und sollten grammatische Phänomene illustrieren wie den Unterschied von transitiven und intransitiven Verben. Moritz nimmt diese Bilder und baut darauf ein ganzes Weltbild auf, das – mit Ausnahme vielleicht des Schlusses – durchaus kindgerecht formuliert ist. In dieser seiner Technik kann man wohl einen Einfluss von Pestalozzi feststellen. Wer sich für das Weltbild der Berliner Popularphilosophe um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert interessiert, sollte Moritz Kinderlogik lesen. Besser kann man die hochfliegenden und oft revolutionären Gedanken der Aufklärung, die in Berlin mit devotem Christentum vermischt worden sind, nicht darstellen.

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