Rüdiger Vaas: Vom Gottesteilchen zur Weltformel

Das Ganze ein Buch zu nennen ist im Grunde verwegen: Es handelt sich um einen 500seitigen Artikel aus einem populärwissenschaftlichen Magazin. Da gibt es Kästchen mit „Exkursen“ (häufig eine ziemlich sinnfreie Aneinanderreihung von Fachbegriffen), zahlreiche Fotos, auf denen man irgendwelche technische Apparaturen sieht (die ebenso aus einer Kläranlage oder der Schaltzentrale eines Sesseliftes stammen könnten) und typisch journalistischen Schnipsel. Das liest sich dann in etwa so (S. 375): „‚Es gibt noch Spielraum‘, betont Sandra Kortner vom Max-Planck-Institut für Physik in München, […] Sie hofft, dass der LHC vielleicht Anzeichen für ein stop-Teilchen findet. […] ‚Wir werden bald mehr wissen.'“. Kaum ein Absatz oder eine Seite, auf der nicht in dieser Weise auf irgendeinen Forscher verwiesen wird, der dieser oder jener Hoffnung Ausdruck verleiht, dazu höchst rudimentäre Erklärungen von seiten des Autors, die ohne Vorwissen unverständlich bleiben.

Dazu fehlt es dem Buch an jeglicher Struktur, der Autor wiederholt sich, vergisst Begriffe einzuführen (wenn man schon mit solch unsäglichen Exkursen wie in einem Lehrbuch arbeitet, so hätte man doch ein wenig Mühe darauf verwenden können, dort mehr unterzubringen als eine Begriffssammlung), man wird einmal mit Banalitäten konfrontiert, ein ander Mal mit sinnfreien Aufzählungen aus dem „Teilchen-Zoo“, mit den hypothetischen Partikeln aus den verschiedenen Supersymmetrie-Modellen und diversen Varianten der „großen vereinheitlichten Theorie“ (GUT); die Grafiken sind entweder überflüssig oder unzureichend kommentiert und der oft bemühte sprachliche Witz bestenfalls peinlich. Wobei – auf wenigstens einen Fettnapf verzichtet der Autor konsequent: Keine esoterischen Anwandlungen (dann hätte ich das Buch mit Sicherheit abgebrochen).

Ich halte dieses Elaborat für einen typischen Schnellschuss: Das Higgs-Teilchen musste journalistisch verwurstet werden – und das möglichst schnell. Keine Zeit für einen vernünftigen Aufbau, für ein Konzept (mir ist nicht klar, an wen das Buch sich eigentlich richtet: Der Laie, der noch nie etwas von Supersymmetrie (ein Beispiel für viele) gehört hat, versteht kein Wort, für den Fachmann sind es weitgehend sinnfreie Aufzählungen von Fachtermini, Theorien und Vermutungen*, die teilweise durch die neuen Daten am LHC bedingt sind), viel Gerede, Anekdotisches, auf jeder zweiten Seite eine Kapitelüberschrift (mit aussagekräftigen Titeln wie „Achtung“ oder „Zu neuen Ufern“) und – wie erwähnt – stilistisch platt. In dieser Sprache kann man einen Artikel von drei bis fünf Seiten verfassen, aber kein Buch. Frech auch der Hinweis am Schluss, dass „aus Platzgründen“ auf die Angabe von Fachliteratur verzichtet werden müsse: Und das bei solch ungeheurer Redundanz im Text und den unzähligen, völlig sinnfreien Fotos (die wohl an die 30 – 40 Seiten umfassen dürften). Meine Empfehlung: Geld sparen. (Wobei ich mir vorstellen könnte, dass der Autor in der Lage gewesen wäre, ein passables Buch zu verfassen: Das aber dauert eben Jahre und nicht ein paar Wochen.)

*) Ein beliebig herausgegriffenes Beispiel: „[…] Das Bild vom Kosmos […] könnte sich radikal ändern. Ein weiterer Erfolg der M-Theorie ist nämlich: Auch der E8 x E8-String, dessen Chiralität nicht aus elf Dimensionen ableitbar schien, konnte auf die M-Theorie zurückgeführt werden. Witten und Petr Horava von der Princeton University fanden heraus, dasss die zusätzliche Raumdimension der M-Theorie statt zu einem Kreis auch zu einer begrenzten Linie zusammenzuschnurren vermag. Dann befinden sich an ihren beiden Enden zehndimensionale Branen, die durch eine elfdimensionale Raumzeit verbunden sind, also eine Extradimension zwischen sich haben.“ Dazu gibt es „Exkurse“, die das alles klarer machen: „[…] Interpretiert man bestimmte p- bzw. D-Branen als Schwarze Löcher, ergeben sich außerdem interessante Perspektiven. So könnten offene Strings geschlossene sein, die teilweise von einer schwarzen Membran (black brane) verdeckt sind. Schwarze Löcher wären dann schwarze Branen, die siebendimensional eingerollt sind.“ Was ein p-Bran ist? „Das Konzept der p-Bran, also p-dimensionaler Unterräume des Basisraums von neun oder mehr Dimensionen […]“. Gefolgt von Zitaten „das macht uns große Hoffnung“ sagt der Physiker xy und einer einseitigen Zeichnung von Strings, deren Erklärungswert null ist, allerdings zur Famlie der Babababas gezählt werden kann. Als Text zur Zeichnung steht dann, dass auf diese Weise (Babamama) sich der Theoretiker die Strings vorstellt.

Dieser flapsige Umgang mit höheren Dimensionen erinnert an Michael Esfelds metaphysische Interpretation des Blockuniversums: Solche Konzepte erfordern, so sie nicht auf ihre Mathematik beschränkt bleiben, eine ungemein kreative Darstellungsweise, ansonsten verkommt es – wie bei Vaas – zu einem theoretischen Name-dropping ohne Erklärungswert.


Rüdiger Vaas: Vom Gottesteilchen zur Weltformel. Urknall, Higgs, Antimaterie und die rätselhafte Schattenwelt. Stuttgart: Kosmos 2013.

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