Christian Göldenboog: Das Loch im Walfisch

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Bücher von Wissenschaftsjournalisten in Zukunft zu vermeiden: Die Erfahrungen in letzter Zeit waren mehr als durchwachsen (beispielsweise hier und hier nachzulesen). Diesmal aber hat es sich gelohnt, ein wirklich gelungenes, äußerst anregendes Buch.

Dabei mutet die Struktur ein wenig verwirrend an: Neben fünf ausführlichen Interviews am Ende des Buches (mit Größen wie Ernst Mayr, John Maynard Smith, Bert Hölldobler oder Francisco J. Ayala) werden in den Anfangskapiteln die philosophischen Implikationen der Biologie (und vor allem des Darwinismus) der akademischen Philosophie bzw. der theoretischen Physik gegenübergestellt. Dabei wird nicht immer ganz klar, wer da welche Meinung vertritt (etwas, das auch bei den Interviews negativ auffällt): Sind es die zitierten Biologen oder Physiker oder ist es der Autor selbst, der sich diesen Positionen anschließt. Außerdem passt der Abschnitt über Krankheit und Evolution nicht ganz in dieses Schema und wirkt wie ein Fremdkörper. Das Schöne daran: Er ist wie fast alle anderen Teile des Buches äußerst informativ und ansprechend geschrieben.

Die Forderung nach einer stärkeren Berücksichtigung des Darwinismus in der Philosophie stößt bei mir auf volle Zustimmung: Ich kann das Diktum Ernst Mayrs nur unterschreiben, dass es keine wichtigere naturwissenschaftliche Erkenntnis für die Philosophie gibt als die Theorie Darwins. Dass diese – gerade in epistemologischer Hinsicht – bahnbrechenden Erkenntnisse kaum ihren Niederschlag in der philosophischen Forschung finden, ist mehr als bedauernswert. Allerdings ist die Sichtweise (insbesondere von Mayr) durch die Tatsache getrübt, dass er offenbar keine Kenntnisse über die Evolutionäre Erkenntnistheorie besaß und von der Philosophie im allgemeinen ein etwas antiquiertes Bild hatte. Natürlich hat es seine Richtigkeit mit der Behauptung, dass gerade das Philosophieren in der Nachfolge des platonischen Idealismus ein Paradebeispiel für die Ignoranz sehr vieler Vertreter der philosophischen Zunft darstellt (indem von einem statischen Weltbild ausgegangen wird, dem der Darwinismus mit seiner dynamischen Betrachtungsweise diametral entgegensteht), allerdings ist diese Form des „klassischen“ Philosophierens (nebst dem vorgeblich tiefsinnigen Geschreibsel eines Heideggers, das Mayr schlicht „zum Kotzen“ findet – zu Recht) nicht die einzige und vorrangige Denkart. Auch im Bereich des Kritischen Rationalismus hat sich längst die Einsicht durchgesetzt, dass das Ignorieren wissenschaftlicher Erkenntnisse eine zeitgemäße Philosophie verunmöglicht.

Ein weiterer Kritikpunkt der meisten im Buch zitierten Biologen besteht darin, dass der reduktionistische Erklärungsversuch vieler Physiker (etwa von Richard Feynman) für unzulänglich gehalten wird; ebenso wird der Ansatz, dass eine Weltformel eine endgültige Erklärung des gesamten Daseins nach sich ziehen würde (wie von Stephen Hawking propagiert) zurückgewiesen. In dieser Kritik steckt allerdings auch verletzte Eitelkeit (die Summen, die von Staats wegen in die physikalische Grundlagenforschung investiert werden, stoßen vielen Biologen sauer auf) und so manche gewollt-ungewollte Missverständnisse. So sind nur wenige Physiker der Ansicht Feynmans, dass die genaue Kenntnis des atomaren Aufbaus einer Zelle auch das Leben erklären würde, sondern verweisen vielmehr auf die schlichte Tatsache, dass auch in der Biologie die physikalischen (chemischen) Naturgesetze ihre Gütltigkeit besitzen, etwas, das von keinem Biologen bestritten wird. Die Stellungnahmen zeigen vielmehr, dass diese Kontroversen auf mangelnde Bereitschaft, sich mit den Ansichten der Betroffenen auseinanderzusetzen, zurückzuführen sind, wobei manche Formulierungen (von Physikern) wohl bewusst provokativ gewählt wurden.

Und auch ein innerbiologischer Streit (zwischen Darwinisten und Molekulargenetiker) zieht sich durch das ganze Buch: Mayr (als Vertreter der Darwinisten und Gegner einer Genselektion, wie sie etwa Dawkins vertritt) steht dabei dem mathematisch orientierten Evolutionsgenetiker John Maynard Smith gegenüber. Auch hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass widersprüchliche Positionen häufig übertrieben werden und beide Seiten aus einer verqueren „Prinzipientreue“ heraus dem anderen unterstellen, von „wirklicher“ Biologie keine Ahnung zu haben. Das Großartige an diesem Buch ist gerade diese Gegenüberstellung der Meinungen und die konzise Beschreibung der jeweiligen Haltungen; diese werden nachvollziehbar und verständlich dargestellt und animieren den Leser dazu, sich mit der ausgezeichneten und kommentierten Literaturliste (die leider aufgrund des Erscheinungsdatums ein wenig veraltet ist) intensiver zu beschäftigen. Und so ist dieses Buch (trotz manch kontroverser oder gar fragwürdiger Ansichten) vor allem eines: Anregend – und Anstoß gebend, sich den zahlreichen diskutierten Ideen zuzuwenden. (Was mich veranlasst, endlich Mayrs Buch „Eine neue Philosophie der Biologie“ von seinem verstaubten Buchschnitt zu befreien.)


Christian Göldenboog: Das Loch im Walfisch. Die Philosophie der Biologie. Stuttgart: Klett-Cotta 2003.

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