+++ abgebrochen +++ Harald Braem: Magische Riten und Kulte

“Mancherorts scheint wirklich die Zeit stehengeblieben zu sein, was einem Forscher mit Zugang zur Zeitmaschine (sprich: Talent zu Imagination und vorurteilsfreiem Hineinversenken in deutlich spürbare ‘Kraftfelder’) die Reise zurück sehr eleichtert. Auf den Kanarischen Inseln ist Taras Geist, die Macht der Großen Göttin und ihrer Dienerinnen und Diener, überall spürbar, und die Tarnkappe, mit der sich die Göttin vor den Auswüchsen der modernen, hektischen Welt schützt, weist zahllose Schlupflöcher auf.” Diese Sätze nach ungefähr der Hälfte des Buches in ihrer paradigmatischen Einfalt war dann Grund genug, das Buch endgültig wegzulegen, nachdem ich schon wiederholt mit diesem Gedanken gespielt hatte.

Dabei ist es nicht nur dieser esoterische Nonsens, der das Buch völlig unlesbar macht: Denn hier ist kein “Forscher” (im Sinne eines Wissenschaftlers) am Werk, sondern ein Laie, in seinem Brotberuf Professor für Kommunikation und Design (u. a. hat er farbpsychologische Untersuchungen veröffentlich), der in seiner Begeisterung für steinzeitliche Kunst durch ganz Europa dingelt und uns an diesen Reisen und seinen Erkenntnissen teilhaben lässt. Schon auf den ersten Seiten fällt auf: Da wird behauptet, festgestellt und mit Nachdruck vertreten, ohne dafür Zitate zu liefern, ohne jedwede Belege (die wenigen Literaturhinweise sind ein schlechter Witz), ohne auch nur sich ansatzweise um wissenschaftlich fundierte Arbeitsweise zu bemühen. Der gute Mann ist auf der Suche nach der “Urmutter”, einer vorgeschichtliche Gottheit, die er – weil er von dieser Existenz ohnehin überzeugt ist – auch überall und in jeder Felszeichnung, jeder Geschichte zu finden pflegt. Dabei werden weder Kulte und Riten beschrieben, sondern vielmehr die eigenen, abstrusen Ideen des Autors ob all des Gesehenen; Ideen, denen er durch “performative Sprechakte” Faktizität zu verleihen versucht. Mit Wissenschaft oder auch nur Information hat das Ganze so gut wie gar nichts zu tun, es sind Erlebnisberichte eines von sich selbst begeisterten Hobbyarchäologen, der zwar die christliche Religion vehement kritisiert, dabei aber nicht merkt, dass sein Gefasel über die Allmutter um nichts klüger ist als die von katholischen Theologen gefeierte Jungfrauengeburt.

Bemerkenswert ist die Selbstgefälligkeit, Selbstsicherheit solcher Menschen: Sie scheinen nirgendwo zu bemerken, dass ihre Behauptungen auch der Belege bedürfen, dass die Widerlegung anderer Meinungen auf rational-logischer Kritik beruht, sondern sie “spüren” – und sind von diesem ihrem Gefühl (und von sich selbst) derart angetan, dass sie jeden hanebüchenen Unsinn (so sie ihn “gespürt” haben) für der Weisheit letzten Schluss halten. Das endet dann in einem “vorurteilsfreiem Hineinversenken in deutlich spürbare ‘Kraftfelder'” – womit sich dann jede weitere Diskussion erübrigt (und ja: Natürlich sind Marienerscheinungen für den davon Betroffenen wahr; allerdings würde die solcherart “Schauenden” ein Besuch bei einem Arzt ihres Vertrauens gut tun). Wobei dieses Buch noch (manchmal) den Anschein zu erwecken sucht, dass es sich weit über das übliche, esoterische Getöns erheben würde. Was mitnichten der Fall ist. Es kann bestenfalls nach seinem Brennwert beurteilt werden.


Harald Braem: Magische Riten und Kulte. Das dunkle Europa. Stuttgart, Wien: Weitbrecht 1995.

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