Hermann Broch: Die Schlafwandler. Der zweite Roman: 1903 • Esch oder die Anarchie

So wenig Broch im ersten Roman der Schlafwandler-Trilogie das Wort Romantik in seiner umgangssprachlichen oder gar (literatur-)wissenschaftlichen Bedeutung verwendet hat, so wenig meint er hier im zweiten Roman mit Anarchie das, was Politik oder politische Philosophie darunter verstehen. Eher ist er hier nahe an einer umgangssprachlichen Verwendung, die zwar von seinen Figuren – allen voran von Esch, dem Protagonisten – auch nicht so verwendet wird. Esch, wenn er von Anarchie spricht, meint die sozialistisch-kommunistische Agitation seines Freundes Martin. Esch erlebt aber selber eine andere Form von „Anarchie“, die man oft umgangssprachlich so nennt: eine völlige Ziel- und Plan- und Regellosigkeit, was sein eigenes Leben betrifft, und die ihm von aussen aufs Auge gedrückt wird.

Das triffe Esch besonders hart, ist er doch mit Leib und Seele Buchhalter. Und nun muss er feststellen, dass im grossen Buch der Gerechtigkeit des Lebens ein kapitaler Buchungsfehler unterlaufen ist, der allen Versuchen trotzt, ihn zu korrigieren.

Der zweite Roman wird dem Begriff des Schlafwandelns beutend mehr gerecht als der erste. Tatsächlich finden wir – vor allem gegen den Schluss – immer wieder Passagen, die an Träume erinnern, an Alpträume oder an Schlafwandler-Sequenzen. War der erste Roman mit Handlungsort Berlin und Umgebung und Handlungszeit 1888 in Fontane’schem Stil gehalten, so erinnert der zweite – eben durch diese Traumsequenzen, aber sogar im Stil – mehr an Kafkas grosse Romane. Im Gegensatz zu Kafka allerdings sind die Handlungsorte von Esch oder die Anarchie recht real, zumindest auf den ersten Blick: Köln, Mannheim, Badenweiler. Aber diese Orte könnten gerade so gut anders heissen, woanders liegen. Oder – ganz kafkaesk – gar keine bestimmten Namen tragen. (Anders als bei Kafka – und anders als im ersten Roman der Trilogie – finden wir allerdings in diesem zweiten Roman durchaus Schilderungen sexueller Handlungen. Diese werden von verschiedenen Protagonisten ‘verübt’, auch der Buchhalter Esch ist alles andere als ein Eunuch. Ja, vieles in dem Roman dreht sich eigentlich um die Beziehungen von Männlein und Weiblein.)

So viel in aller Kürze. Der zweite Roman macht gespannt auf den dritten. Ich werde berichten.


PS. Ich habe festgestellt, dass ich den Roman in meiner Bibliothek doppelt habe. Da ist er einerseits in der Werkausgabe:

Hermann Broch: Die Schlafwandler. Eine Romantrilogie (= Hermann Broch: Die kommentierte Werkausgabe, herausgegeben von Paul Michael Lützeler. Band I) Frankfurt/M: Suhrkamp, 102017 (st 2636)

Andererseits in folgender Ausgabe:

Hermann Broch: Esch oder die Anarchie. Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Bernhard Fetz. Salzburg, Wien: Jung und Jung, 2018. (= Österreichs Eigensinn. Eine Bibliothek.) [Was allerdings dieser Roman – mit Ausnahme der Tatsache natürlich, dass Broch gebürtiger Österreicher ist – mit Österreich zu tun haben könnte, entzieht sich mir. Im Gegensatz zu Musils Mann ohne Eigenschaften wird hier – wenn schon – eher spezifisch Deutsches abgehandelt, nichts Österreichisches. Je nun. Die Ausgabe – Leinen mit Fadenheftung – ist handwerklich gut gemacht und wird vorläufig hier bleiben dürfen.]

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