H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau

Ein Klassiker der SF, auf den ich während meiner Wells-Lektüre vor zwei Jahren vergessen hatte. Die Handlung ist allgemein bekannt (immerhin erlebte das Buch drei, allerdings mäßig erfolgreiche Verfilmungen): Ein Schiffbrüchiger landet auf einer Insel und muss zu seinem Schrecken feststellen, dass Dr. Moreau und sein Gehilfe Montgomery chirurgische Experimente an Tieren vornehmen, indem sie sie zu Menschen umzuformen versuchen. Etwa 60 solcher Mischwesen bevölkern bereits die Insel, wobei ihnen auch ein Moralkodex impliziert wird: U. a. dürfen sie keinesfalls Fleisch essen (aber auch nicht auf allen Vieren gehen, kein Wasser schlürfen etc.) Doch der letzte Versuch Dr. Moreaus an einem Puma geht schief: Das Tier entkommt den Qualen (die Umgestaltung erfolgt ohne Narkose), der ihn verfolgende Doktor wird getötet, Montgomery, der eine gewisse Nähe zu den Tiermenschen entwickelt hat, findet ebenfalls den Tod, als er ihnen Alkohol zu trinken gibt. Der Schiffbrüchige entkommt schließlich auf einem kleinen Boot, seine Notizen werden vom Neffen veröffentlicht, da der Onkel Angst hatte, aufgrund der geschilderten Erlebnisse als verrückt eingestuft zu werden.

Das Buch kann eine gewisse Aktualität für sich in Anspruch nehmen: Es wird häufig als ein Beleg für das zu erwartende Horrorszenario der Genforschung missbraucht. Der Dr. Moreau des Buches kann als Paradebeispiel eines kalten Wissenschaftlers ohne jedes Mitgefühl dienen, er lebt einzig seiner Leidenschaft, ihn treibt nicht der Wunsch, durch seine Forschungen das Los der Menschheit zu verbessern, sondern nur seine Wissensgier. Er tut das, was er tut, weil er es tun kann. Moralische Einwände haben in seiner Welt keinen Platz, keine Berechtigung, der Wunsch nach neuen Erkenntnissen ist das Movens seines gesamten Tuns. Wissenschaftsfeinden kommt diese Karikatur eines Forschers natürlich entgegen, um undifferenziert von einer technisierten, kalten Welt sprechen zu können, die man gerne – womit genau bleibt zumeist ungeklärt – durch alternative Lebensmodelle ersetzen möchte. (Dass aber die Wissenschaft die Voraussetzung für diese Art der Kritik ist, dass ohne dieses Wissen die Zahl der Menschen auf dem Planeten um 80 % verringert werden müsste (wobei sich immer die Frage stellt, wer denn dann zu den restlichen 20 % zählen darf bzw. wie das entschieden wird), dass auf sehr viele Annehmlichkeiten Verzicht geleistet werden müsste (etwa auf die viel kritisierte Apparate-Medizin, die man im Zweifelsfall dem Heiler und Schamanen dann doch vorzuziehen pflegt), bleibt dabei stets unerwähnt. Das bedeutet selbstredend nicht, dass der status quo nicht verbesserungsbedürftig wäre oder aber die Wissenschaft alles dürfe: Allerdings dürften Lösungen für unsere heutigen Probleme einzig aus der wissenschaftlichen Forschung kommen und nicht aus einem gefühlten Unbehagen an der Technik. Wobei diese immer nur das Mittel darstellt – in guter als auch schlechter Hinsicht: Die Probleme selbst sind menschengemacht – wie eben auch die Technik.)

Ein anderer Aspekt ist die Darstellung der Tierwesen bei Wells: Ihre menschliche und tierische Natur werden gegenübergestellt, wobei diese als böse und auf Blut und Gewalt gerichtet dargestellt wird, jene hingegen als der Teil, der uns zu höherem befähigt – in moralischer und intellektueller Hinsicht. Das wirkt angesichts des Dr. Moreau ein wenig kurios, ist aber wohl auch eine der Auswirkungen des damals aufkommenden Darwinismus. Wenn dieser denn akzeptiert wurde, dann im Sinne eines Kampfes ums Überleben und auch unser eigenes, tierisches Erbe (bzw. die Tatsache, dass der Mensch schlicht ein Tier ist) wurde verdrängt oder aber kaum thematisiert. So blieben denn Humanität oder Altruismus dem Menschen vorbehalten, einzig der Kampf, die Aggression ließen Verwandtschaft mit dem Tierreich erkennen. So fallen die Mischwesen aus Tier und Mensch durch mangelnde Kultur, die beginnende Nichtberücksichtigung der ihnen eingeimpften moralischen Normen wieder in ihre tierische Natur zurück, sie gieren nach Blut, nach dem Tod der anderen (interessanterweise sind davon auch Pflanzenfresser nicht ausgenommen: Schon kurze Zeit nach dem Tod des Doktors herrscht ein Kampf alle gegen alle). Das mag wohl auch den sozialdarwinistischen Überzeugungen Wells’ entsprochen haben, denn er war nicht nur von dem tiefen Abgrund zwischen Tier und Mensch überzeugt, sondern teilte auch die menschlichen Rassen in höhere und weniger wertvolle (immer wieder werden Vergleiche dieser Mischwesen mit indigenen Völkern angestellt).

Dass solche Vorstellungen in der Zeit um 1900 eher die Regel als die Ausnahme waren sei zugegeben: Häufig aber dient der krude Sozialdarwinismus in Verbindung mit Wissenschaft (und einem negativ konnotierten Materialismus) noch heute vielen Kulturkritikern als Ausgangspunkt für ihre recht einfältigen Gleichsetzungen von Unmenschlichkeit und rationalem, naturwissenschaftlichen Denken. (Die Frankfurter Schule hat solche Gleichungen nach dem Zweiten Weltkrieg (siehe Adorno, Horkheimer und ihre seltsame Vorstellung von Aufklärung) aufgestellt und gerne auch den Nationalsozialismus durch ein solches Denken erklärt – darauf vergessend, dass im Dritten Reich einzig Esoterik und Mythen hochgehalten wurden, Rationalität aber als eine typisch jüdisch-zersetzende Eigenschaft desavouiert wurde.) Diese Muster haben sich bis heute erhalten und leider auch in zahlreichen Umweltbewegungen Einzug gehalten: Wodurch sie sich der einzigen Mittel berauben, die dieser Zerstörung unserer Welt Einhalt gebieten könnte. Mit gefühlten Wahrheiten wird man weder die Erderwärmung aufhalten noch für eine größere Verteilungsgerechtigkeit sorgen können: Dazu bedarf es der logischen Analyse, des rationalen Denkens. Irrationalität (oder dümmlichen Egoismus, Opportunismus) hat die Welt – von Trump bis Kurz und Strache – längst genug.


H. G. Wells: Die Insel des Dr. Moreau. Wien: Zsolnay 1976.

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