Steve Brusatte: Aufstieg und Fall der Dinosaurier

Es ist schwierig, einigermaßen lesbare Literatur zum Thema Dinosaurier zu finden: Entweder sind es Kinder- oder Jugendbücher – oder aber reißerisch geschriebene Sachbücher, die dem Verkaufserfolg schon mal das eine oder andere Faktum opfern. Ganz ist auch das vorliegende Buch von solchen Verfehlungen nicht freizusprechen: Vor allem T. rex muss sich Epitheta wie “Schlächter” oder “Tötungsmaschine” gefallen lassen. Und auch die hochgerechneten Werte bei der Nahrungsaufnahme sind wenig vertrauenserweckend: T. rex habe etwa 111 kg Fleisch täglich gefressen, was der Nahrung entspräche, die “drei oder vier ausgewachsene Löwen zu sich nehmen”. Für den Saurier weiß ich es nicht und will es nicht beurteilen, dass aber Löwen täglich mehr als 30 kg Fleisch zu sich nehmen halte ich für übertrieben (das Geo-Lexikon gibt 7 bis 10 kg an).

Davon abgesehen aber ist das Buch sehr lesenswert: Es gibt einen gelungenen Überblick über die Entwicklung der Dinosaurier in den einzelnen Perioden des Mesozoikums, ihre taxanomische Gliederung, die vermuteten Gründe für das Riesenwachstum in der Kreidezeit und beleuchtet die problematische Situation knapp vor dem Einschlag des Asteroiden vor 66 Millionen Jahren (dem Autor zufolge ist der Streit über die Ursache des Aussterbens weitgehend beigelegt, ohne diesen Einschlag würden wohl noch heute die Nachfahren der Saurier unsere Welt bevölkern, obgleich gerade zu diesem kritischen Zeitpunkt ihre Vielfalt zurückgegangen war). Und völlig ausgestorben sind sie ohnehin nicht, jeder Spatz auf der Fensterbank, jede Taube in der Großstadt zeugt von ihrem teilweisen Überleben (am engsten verwandt sind die Vögel im übrigen mit den Theropoden, den Fleischfressern, die bereits teilweise mit Federn bedeckt waren, Federn, die selbstredend noch nicht zum Fliegen dienten).

Letzteres dient dem Autor zu einem Ausflug in die Geschichte der Evolution: Diese kann immer nur auf bereits Vorhandenes zurückgreifen, eine teleologische Interpretation ist unsinnig (Federn entstanden nicht, um zu fliegen). In diesem Zusammenhang sind Überlegungen spannend, die die Saurier nicht aussterben lassen: Sie waren nach Meinung des Autors sehr intelligent (insbesondere die Fleischfresser – wahrscheinlich, weil die Jagd komplexere Abläufe voraussetzt als das Abweiden von Pflanzen) und sie hatten teilweise auch den für die Entwicklung des Menschen als konstituierend angesehenen aufrechten Gang entwickelt (die vorderen Gliedmaßen waren oft nur Stummel, hätten sich aber zur Manipulation von Gegenständen geeignet). Derlei bleibt natürlich Spekulation (Brusatte geht darauf gar nicht ein), wäre hingegen als Vorlage für SF geeignet.

Eingestreut in die chronologische Darstellung sind Erzählungen über die Feldarbeit des Paläontologen, Anekdoten über vergangene Größen der Wissenschaft als auch Schilderungen lebender Berühmtheiten (wobei – berühmt ist relativ: Kaum einer der Namen wird dem Normalbürger bekannt sein – vielleicht mit der Ausnahme von Walter Alvarez, der über die Iridiummessungen im Gestein von Gubbio die Einschlagshypothese entwickelt hat – und dieser ist Geologe). Überall spürbar ist die Begeisterung Brusattes für sein Fach, seine Liebe für Fossilien (die er schon in jungen Jahren entwickelt hat) und die sich im Buch angenehm widerspiegelt. Manche Abschnitte sind – wie erwähnt – für meinen Geschmack ein wenig zu reißerisch oder romanhaft, allerdings kommt dabei die Vermittlung von Fachwissen nicht zu kurz. Eine Empfehlung für alle Interessierten, da Bücher über bestimmte Abschnitte der Erdgeschichte recht selten sind (sehr viel öfter findet man Übersichtsdarstellungen wie bei Harari oder Bryson, die dann aber kaum etwas Neues bieten).


Steve Brusatte: Aufstieg und Fall der Dinosaurier. München: Piper 2018.

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