Carlo Rovelli: Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint

Bücher über Kosmologie, Quantenphysik oder die Relativitätstheorie leben häufig von der Kreativität der Bilder, mit denen der Autor dem Leser verschiedene kontraintuitive Aspekte der Wirklichkeit nahebringen willl. Und gerade die von Rovelli ausführlich behandelt Quantenwelt bietet ein breites Panorama für solche Aspekte, diese Welt im Kleinen will so gar nicht dem vermeintlich gesunden Hausverstand genügen.

Rovelli gelingt es auf eindrucksvolle Weise, seine Interpretation der Quantenphysik dem Leser näherzubringen (und dass Rovellis Version mit meinen eigenen Vorstellungen weitgehend korrespondiert, macht mich zu einem vielleicht nicht ganz objektiven Kritiker). Die von ihm favorisierte Schleifen-Quantengravitation folgt einem sehr einfachen Prinzip: Ausgehend von der Planck-Skala werden die lästigen Unendlichkeiten beim Versuch, Quantenphysik und Relativitätstheorie in Einklang zu bringen, durch die Annahme einer diskret aufgebauten Wirklichkeit vermieden (dass damit natürlich längst nicht alle Probleme gelöst sind und dass sich auch diese Theorie sich als falsch herausstellen könnte, versteht sich von selbst). Mir liegt, wie auf diesen Seiten bereits mehrfach erwähnt, eine pragmatische Herangehensweise an diese Schwierigkeiten näher, eine Herangehensweise, die zur Legion werdende Unendlichkeiten und Parallelwelten vermeidet. Über die Richtigkeit dieser Ansätze darf allerdings nicht mittels Hausverstand entschieden werden (von Feynman stammt der Satz, dass die Quantenphysik niemand wirklich verstehe), hier zählt einzig die experimentelle Praxis, mathematische Berechenbarkeit (die unter der Annahme, dass wir in einer gesetzmäßigen, wunderfreien Welt existieren, gegeben sein sollte). Die Schleifen-Quantengravitation ist jedenfalls ein Konzept, das mir gefällt, weitgehend spekulationsfrei (sofern das in diesem Bereich möglich ist) und getragen vom Wunsch, die bisherigen Erkenntnisse zu integrieren anstatt der Phantasie die Zügel schießen zu lassen.

Das Abtauchen in einen Bereich, in dem weder Zeit noch Raum existieren, sondern durch eine Art Quantenschaum erst erschaffen werden, in dem völlig verrückte Dinge nachweislich geschehen, hat für mich über all die Jahrzehnte nichts an Faszination verloren, seit jener Zeit, als ich die zu Anfang der 70er Jahre erschienenen Bücher von Hoimar von Ditfurth mit Begeisterung und Hingabe gelesen habe. Heute wie damals war es die potenzielle Erklärbarkeit dieser Phänomene, die Freude am (teilweisen) Verstehen von dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, die mir im Gegensatz zu religiös-mythischen Modellen imponiert haben. Ich konnte und kann nicht nachvollziehen, dass man ein billiges Märchen der absolut faszinierenden Welt der Physik im Kleinen und Großen vorziehen kann, obschon ich auch mit Vergnügen Märchen oder Kosmogonien jedweder Provenienz lese. Mit dem ansatzweisen Verstehen der Welt in ihren obskur anmutenden Ausprägungen kann diese Mythenwelt aber nicht mithalten, der Moment, in dem eine physikalische Formel (wie einfach sie auch immer sein mag) dem Geist einleuchtet, war und ist für mich dem Vergnügen am bloßen Geschichten-Lesen vorzuziehen.

Zurück zu Rovelli: Das Buch ist im Grunde eine historische Darstellung der Physik bzw. Naturphilosophie, beginnend mit Anaximander (hier macht Rovelli allerdings etwas, das ich für gefährlich und verfänglich halte: Indem er dessen apeiron eine “moderne” Erklärung im Sinne der Quantenphysik zuteil werden lässt; solche Interpretationen post festum haben etwas Mutwilliges, das dem ursprünglichen Gedanken meist nicht gerecht wird), mit Demokrit fortsetzend (wobei Rovelli das Problem der unendlichen Teilbarkeit, das Demokrit umgetrieben hat, im Gegensatz zu vielen anderen Autoren klar erkennt) und über Kopernikus, Galilei und Newton zu Einstein, Bohr, Heisenberg & Co. gelangend. Diese Darstellung unterscheidet sich wohltuend von vergleichbaren Büchern, weil Rovelli sich sehr viel besser in die Problemwelten der angeführten Forscher einzufühlen imstande ist, ohne dabei allzu schwatzhaft zu werden (wie oft in entsprechenden Werken). Am besten gelungen sind aber seine Beschreibungen die Allgemeine Relativitätstheorie bzw. die Quantenwirklichkeit betreffend. Vieles entzieht sich dabei einer rein deskriptiven Darstellung, weshalb die verwendeten Bilder entscheidend sind: Und diese sind etwa dem ansonsten hochgelobten Hawkings weit überlegen. – Für mich eine vergnügliche, anregende und intelligente Lektüre – und ein Autor, von dem ich noch mehr zu lesen mir vornehme.


Carlo Rovelli: Die Wirklichkeit, die nicht so ist, wie sie scheint. Eine Reise in die Welt der Quantengravitation. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 2016.

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