Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze

Keine Autobiographie, sondern eine Sammlung von Gesprächen (wobei sich Heisenberg auf Thukydides beruft: Er habe alles so dargestellt, wie es den jeweiligen Umständen am ehesten gerecht werden würde), beginnend mit dem jugendlichen Heisenberg, der sich im Rahmen der “Wandervogelbewegung” auf Ausflügen über philosophische Fragen unterhält – endend im Jahre 1965 mit ebenfalls philosophischen Gesprächen: Diesmal mit Hans-Peter Duerr und Carl Friedrich von Weizsäcker im Münchner Max-Planck-Institut.

Heisenberg war kein Schriftsteller: Die Unterhaltungen, noch mehr die Einleitungen, wirken hölzern und schwerfällig, der Inhalt der Gespräche ist aber faszinierend und vermittelt einen lebendigen Eindruck einer im Aufbruch begriffenen Physik. Dabei hätte der Autor ruhig noch mehr ins Detail gehen können, oft wird Interessantes, Tiefergehendes einem breiteren Publikum zuliebe ausgespart. Und die philosophischen Ausführungen muten ein wenig naiv an, ebenso die Kommentare zur Religion, wobei den Äußerungen von Bohr noch das größte Interesse zukommt.

Über die politische Situation zwischen 1933 und 1945 wird man kaum bzw. nur mit Aussparungen informiert: Ein Gespräch Heisenbergs mit Planck ist überliefert, wobei Heisenberg dessen Einschätzung der politischen Situation weitgehend übernimmt und sich – angeblich – dadurch veranlasst sieht, in Deutschland zu bleiben. Nichts erfährt man über die Anfeindungen seitens der “Deutschen Physik” von Stark und Lenard (vielleicht auch deshalb, weil Heisenberg diesen Problemen nur durch die Bekanntschaft seiner Familie mit der Himmlers entgehen konnte), noch viel weniger über das berühmte Gespräch mit Bohr im Jahr 1941, das Anlass für ein vieldiskutiertes Theaterstück als auch für verschiendenste Vermutungen bezüglich der Verwicklungen Heisenbergs und Carl Friedrich von Weizsäckers in den Nationalsozialismus war.

Erst die 2002 veröffentlichen Briefentwürfe Bohrs, insbesondere 1, 6, 7, 10 und 11, bringen hier einige Klarheit: Heisenberg scheint von einem Sieg Nazideutschlands ausgegangen zu sein (Weizsäcker hatte ohnehin eine starke Affinität zu elitär-antidemokratischen Strukturen und war über seinen Vater, der als NS-Kriegsverbrecher in Nürnberg verurteilt wurde, in das Regime involviert), berichtete von den eigenen Forschungen bezüglich Atomwaffen und hielt aufgrund der politischen Lage die Bohrsche Zurückhaltung gegenüber Nazi-Deutschland für wenig ratsam. Dass diese Briefe nichts Neues zur Diskussion beitragen bzw. nur von der freundschaftlichen Haltung Bohrs zeugen würden (wie hier festgehalten) mag für den Sohn so gewesen sein: Meines Erachtens kann man aus diesen Dokumenten sehr viel mehr den Wunsch Bohrs nach Klarstellung erkennen, seine Weigerung, die verharmlosende Interpretation Heisenbergs anzuerkennen, aber auch seine Skrupel, da er sich dessen bewusst war, damit den ehemaligen Freund in große Schwierigkeiten zu bringen. So zwischen Wahrheit und Loyalität hin und hergerissen hat er sich schließlich dafür entschieden, die Briefe nicht abzuschicken bzw. die Entwürfe im dänischen Außenamt hinterlegt. Wenn sie auch aus Heisenberg keinen Nazi machen so zeigen sich doch das Ausmaß seines Arrangements mit den jeweils Mächtigen in einem zweifelhaften Licht.

Trotz dieser teilweisen Geschichtsklitterung (eigentlich wird mit wenigen Phrasen über die “unterschiedlichen Auffassungen” im Buch hinweggegangen: “Bald hatten wir beide [Heisenberg und Bohr bei einem späteren Gespräch] das Gefühl, es sei besser, die Geister der Vergangenheit nicht mehr weiter zu beschwören”, ein Wunsch, der – verständlicherweise – Heisenberg auch bei der Niederschrift des Buches noch umtrieb) ist das Buch vor allem in Bezug auf die spannende physikalische Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg äußerst lesenswert. Und es ist andererseits auch ein typisches Dokument der Nachkriegszeit: Wie sehr man darauf bedacht war, alle prekären Themen zu vermeiden, politisch-menschliche Verantwortung einzugestehen.

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