Joseph Maria Bochenski: Europäische Philosophie der Gegenwart

Ein mehr als zweifelhaftes Lesevergnügen. Nun kann man – mit Recht – fragen, warum ich die Philosophiegeschichte eines Dominikaners lese und ob damit dieses Missvergnügen nicht vorprogrammiert war? Ein Einwurf, der seine Berechtigung hat und auf den ich nur erwidern kann, dass ich Bochenskis Buch über die “zeitgenössischen Denkmethoden” in recht guter Erinnerung hatte und dessen Lektüre manchmal sogar empfohlen habe.

Das vorliegende Buch ist aber keinesfalls eine Empfehlung wert. Sind die anfänglichen Beschreibungen des Neopositivismus (der allerdings mit dem Materialismus/Positivismus des 19. Jahrhunderts weitgehend gleichgesetzt wird und gemeinsam mit dem dialektischen Materialismus behandelt wird, was selbstredend ein Unding ist) und der Phänomenologie Husserlscher Prägung (subsummiert unter “Philosophie des Wesens”) noch von dem Bemühen geprägt, tatsächlich Verständnis für diese Richtungen zu erwecken und ihnen eine einigermaßen objektive Bewertung zukommen zu lassen, ist hingegen all das, was unter Philosophie der Existenz und Philosophie des Seins angeführt wird, eine Zumutung. Zum einen gelingt es Bochenski nicht ansatzweise, die Existenzphilosophie in einer Sprache zu beschreiben, die deren Hauptpunkte dem Leser einer “Einführung” (und als solche versteht sich das Buch) verständlich machen würde (so beschreibt er Heidegger in heideggerscher Terminologie, sodass man auf Sätze stößt wie folgt (die das “Da” explizieren sollen): “Das Dasein ist nicht nur in der Welt, sondern es ist auch wesenhaft durch das In-der-Welt-Sein konstituiert: es ist sein “Da”. Es ist dieses “Da” als erleuchtet durch sich selbst, d. h. es ist seine Erschlossenheit. […]”), zum anderen werden seine metaphysischen Sehnsüchte bei der Auseinandersetzung mit der Seinsphilosophie allzu offensichtlich (so entblödet er sich nicht, den Neuthomismus mit all seinen teleologischen Seltsamkeiten und den kruden Ansichten über die nicht-materielle Seele, dessen Unsinnigkeiten schon seit Descartes bekannt sein müssten, als das einzig “ausgewogene, nüchterne und rationale System” zu bezeichnen). Wobei – zu meiner Überraschung (weil ich die “zeitgenössischen Denkmethoden” eben ganz anders, nämlich klar und gut geschrieben in Erinnerung habe) – auch die Vorstellung dieser Seinsphilosophien als wirr und konzeptlos empfunden habe.

Das Buch lässt sich aber als philosophiehistorisches Dokument lesen (es entstand bald nach Ende des Zweiten Weltkrieges): Bochenski ist ein Vertreter jener Technikfeindlichkeit, die sich für diese Haltung auf zwei Weltkriege meinte berufen zu können (und damit stand er bei weitem nicht allein: Heidegger bediente sich ebenso wie Horkheimer, Adorno und später Habermas dieses abstrusen Arguments, wohl weil deren eigene, wenn auch unterschiedliche ideologische Einstellungen keinesfalls Ursache für die Kriege gewesen sein durften). “Unsere Zeit ist noch schwer belastet durch die unheilvollen Folgen eines metaphysikfremden Denkens” lässt sich Bochenski vernehmen und unterstellt implizit ausgerechnet den Nationalsozialisten ein technisch-rationales Weltverständnis (wie das Horkheimer, Adorno ebenso taten). Dabei kann man dem deutschen Faschismus viel vorwerfen, nicht aber, dass er nicht mythologisch überfrachtet und voll metaphysischer Versatzstücke gewesen wäre. Es waren gerade die so verächtlich gemachten Neopositivsten, unter denen sich absolut niemand mit einem Naheverhältnis zum Nationalsozialismus fand und meines Wissens hat auch niemand – wie Adorno – einen Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumkammer gestellt. Aber dieser Topos ist bis zum heutigen Tage nicht umzubringen: Wäre man doch bloß religiöser, metaphyisischer, “tiefer” gewesen … Dabei war es eben genau diese Irrationalität, die un- und antiwissenschaftliche Haltung, die unhaltbare rassistische Ideologien, Weltverschwörungstheorien oder anderen phantastisch-mythischen Klimbim im Gefolge hatten. Es war die bemühte Emotionalität im gesellschaftlichen Diskurs, die die Menschen zur Erkenntnis brachten, andere als vernichtenswerte Parasiten zu betrachten und nicht rational-empirischer Forschungsgeist.

Bochenski scheitert mit dieser Philosophiegeschichte auch in prognostischer Hinsicht: Alle diejenigen, von denen er zutiefst überzeugt war, dass ihnen die Zukunft der Philosophie gehören würde, sind heute – mit Recht – vergessen. Den von ihm hochgelobten Alfred North Whitehead kennt man nur als Mitautor der Principia Mathematica, aber nicht wegen seiner späten, metaphysischen Schriften, Nicolai Hartmanns Name wird noch in Fußnoten erwähnt, andere wie Réginald Garrigou-Lagrange oder Alexander Horvath sind vollkommen vergessen, Paul Häberlin oder Samuel Alexander kennt man (vielleicht) in ihren Heimatländern. Er lässt sich in diesen seinen Einschätzungen einzig von seinen Hoffnungen und Wünschen leiten und gibt sich schlicht der Überzeugung hin, dass eine metaphysisch-religiöse Neubesinnung unabdingbar ist. Und weil diese Haltung gegen Ende des Buches immer stärker in seine Urteile einfließt, lässt sich nur festhalten: Diese Philosophiegeschichte ist über weite Strecken bloßes Machwerk und ist zitatfähig nur dort, wo man auf die verqueren geistigen Einstellungen nach dem Zweiten Weltkrieg hinweisen will.


Joseph Maria Bochenski: Europäische Philosophie der Gegenwart. Bern: Francke 1951.

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