Betty Smith: Ein Baum wächst in Brooklyn

Das vorliegende und auch bekannteste Buch der Autorin wurde für den Pulitzer-Preis nominiert und führte die Bestenliste in den USA an, die Verfilmung durch Elia Kazan erhielt mehrere Oscars. Das kommt – wenn man das Buch liest, nicht wirklich überraschend: Die Milieustudie einer Einwandererfamilie aus dem New York des beginnenden 20. Jahrhunderts mit weitgehend glücklichem Ende und einem impliziten Lobgesang auf die Tüchtigkeit und den Durchsetzungswillen ist prädestiniert für einen solchen Erfolg.

Das klingt wenig verheißungsvoll, ist aber nicht ganz so schlimm. Denn es gelingen der Autorin einige eindrucksvolle Charaktere, zwar nie ganz frei von Sentimentalität, aber originell und klug gezeichnet. Die eigentliche Hauptfigur ist Francie, die mit ihrem um ein Jahr jüngeren Bruder in Brooklyn aufwächst, der Vater ein liebenswerter, aber unzuverlässiger und dem Alkohol zugeneigter “Singkellner” (eine Kombination aus Sänger und Kellner, von der ich zuvor noch nicht gehört hatte), die Mutter zupackend und die Familie als Putzfrau über Wasser haltend. Schon deren Mutter verwies auf die Bedeutung der Bildung für ihre Kinder und Katie, Francies Mutter, hat dies übernommen und ihren Kindern weitergegeben. Als der Vater aufgrund seiner Alkholexzesse stirbt, ist die Lage der Familie prekär: Die erst 14jährige Francie muss trotz aller Vorbehalte die Schule abbrechen, beweist aber ihren Lebensmut in der Arbeitswelt und schafft es schließlich, die Zugangsprüfungen zur Universität zu bestehen. Und auch der Bruder, Neely, zeichnet sich durch Verstand und Tüchtigkeit aus, geht auf’s Gymnasium und spielt – ohne die Neigung seines Vaters zum Alkohol zu übernehmen – für kleines Geld in Bars Klavier.

Am Ende heiratet Katie erneut (einen angesehenen Polizisten des Viertels, der in die Politik geht), sie ziehen aus Brooklyn weg und können zum ersten Mal ganz ohne finanzielle Probleme ihre Zukunft planen. Das Buch lebt weniger von dieser Handlung (die recht voraussehbar ist), als von einigen kleinen, gut beobachteten Szenen (die die Armut der Einwanderer jener Zeit unaufdringlich darstellen) und den klug gezeichneten Figuren (die liebestolle Tante Sissy verdient besonders hervorgehoben zu werden). Leider schien der Autorin manchmal der Mut zu fehlen, um auf allenthalben durchschimmernden Kitsch zu verzichten, dem Verkaufserfolg dürfte dies jedoch zuträglich gewesen sein. Aber das Buch macht weitgehend den Eindruck, “erlebt” worden zu sein (ohne Smiths Biographie zu kennen dürfte sie für Francie Pate gestanden haben), es wirkt authentisch und ohne künstlerisch-philosophische Allüren. Hier wird keine mühsam erfundene Geschichte erzählt, sondern schlicht das Leben geschildert – und gerade dieses Frei-sein vom Bemühen, tiefsinnige Literatur schaffen zu wollen, macht die Qualität des Buches aus. Keine Weltliteratur, aber ein angenehm zu lesender Roman.


Betty Smith: Ein Baum wächst in Brooklyn. Zürich, Wien: Büchergilde Gutenberg 1947.

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