Klaus Nüchtern: Kontinent Doderer. Eine Durchquerung

Eigentlich mache ich seit vielen Jahre einen weiten Bogen um Bücher von Literaturkritikern (oder den bestallten akademischen Entsprechungen), weil mich diese Form der Analyse langweilt, auch abstoßt: Wenn etwa, wie auch in diesem Buch zitiert, Wendelin Schmidt-Dengler zur Erhellung des Dodererschen Werkes Wortformen zählt oder Henner Löffler die Häufigkeit der Erwähnung stehender Gewässer im Gesamtwerk des Genannten mit allerlei feinsinnigen Überlegungen bedenkt. Wobei ich mich immer eines Gespräches mit einem Professor für neue Literatur in seinem Büro erinnere, der, gequält aufsehend von seinen mit unzähligen Zettelchen versehenen Büchern, mit melancholischer Stimmte gestand, schon seit vielen Jahren kein Buch mehr zum bloßen Vergnügen gelesen zu haben. Und das merkt man diesen unzähligen Essaybänden, diesem Wust an Sekundärliteratur, der Jahr für Jahr die Schreibtische von Dozenten und Kritikern verlässt, immer auch an: Da wird interpretiert, analysiert und verglichen, wo im Grunde genossen werden sollte – und all dieser vergossene Germanistenschweiß trägt keineswegs bei zum Verständnis der so traktierten Autoren und Werke.

Insofern war ich von Nüchterns Buch positiv überrascht: Denn dass ihm Doderer Vergnügen bereitet – und nicht zu knapp – wird alsbald deutlich. Natürlich – es sind Essays, keine wissenschaftlichen Arbeiten, die er hier vorlegt, aber sie sind unterhaltend (was eine Seltenheit ist), geistreich (dito) und sprachlich gewandt (wobei Nüchtern hier ein gefährliches Spiel spielt, das zumeist ganz fürchterlich danebengeht: Er bedient sich ganz ungeniert bei Stil und Duktus Doderers, ohne aber in das ansonsten übliche sprachliche Fettnäpfchen zu treten und zu übertreiben oder aber eine ganz schlechte Kopie anzuliefern). Und das Buch ist auch keine unkritische Hommage (bzw. kein Verriss, der auf ganz persönliche Animositäten zurückzuführen ist, etwas, das sich bei Doderer, einem NSDAP-Mitglied und Katholiken mit sadistischen sexuellen Neigungen, fast aufdrängen würde), sondern würdigt die Sprachgewalt des Schriftstellers, den Witz, die schlicht großartigen Bücher, ohne die mehr als fragwürdigen Charaktereigenschaften desselben schönzureden (bzw. von ihnen auf mangelnde Qualität zu schließen).

Freude an diesem Buch wird allerdings nur der haben, der mit dem Werk Doderers einigermaßen vertraut ist: Es ist keine Einführung in dieses Werk, auch keine Biographie (die von Wolfgang Fleischer “Das verleugnete Leben” wird wohl noch für lange Zeit unübertroffen bleiben), sondern beleuchtet Schaffensprozesse, einzelne Figuren (im übrigen gibt es im Anhang ein “Who’s Who” der Personen aus “Strudlhofstiege” und “Dämonen”: Überaus gelungene Kurzbeschreibungen, die so manche, weniger wichtige Gestalt wieder in Erinnerung bringen) oder immer wieder auftauchende Konzepte aus dem Dodererschen Kosmos. Wobei einmal auch Nüchtern mit seiner Interpretation im Sinne der obgenannten Kritiker übers Ziel hinausschießt – nämlich dort, wo er die allenthalben (in den “Dämonen” und den “Merowingern”) auftretenden Gruppen, welche ihre Umwelt mitunter durch rohe Gewalt tyrannisieren, zu einer Faschismuskritik hochstilisiert. Ich halte diese Szenen vielmehr für eine Art anarchisch-subversives Ventil des Autors, der einfach jener Lust Ausdruck verliehen hat, die – fast jedem – Erdenbürger angesichts der Blödheit und Borniertheit der Welt anwandelt. (Das Bedürfnis, einem selbstgefälligen Wichtigtuer mit bloßer Hand auf die säuberlich polierte Glatze zu klatschen und ihm auf diese Weise unverhohlen das eigene Missfallen auszudrücken, scheint mir zutiefst menschlich und muss nun nichts mit den SA-Horden zu tun haben.)

Dass das “nicht harmlos” wäre, sei zugestanden: Man schlägt keine sonoren, älteren Männer auf offener Straße (und auch nicht in schlecht beleuchteten Seitengassen), aber wenn die inkriminierten Herren in den Büchern auch zuweilen zur Tat schreiten und ihr Tun keineswegs zu tolerieren ist, so steht es mit dem Wunsch nach solchen Handlungen eben ganz anders. Diesem Wunsch in eine sprachliche Fassung gebracht zu haben ist Doderer hervorragend gelungen und die humorige Schilderung hat vielleicht so manchem jene Befriedigung verschafft (und damit ein ruhigeres Gemüt), die sich ansonsten in unannehmbaren Taten geäußert hätte. Wie auch immer – das Buch macht insgesamt Lust auf Doderer – besser: Auf sein Werk (wobei – mit Abstrichen: Dort, wo Doderer in theoretischem Gefasel sich ergeht (seine “Schicksalslehre”, die sich aus den zweifelhaften Erkenntnissen Hermann Swobadas über die Periodizität (eine Art Erfinder des Biorhythmus) speist), ist er fast unlesbar, wobei er in diesen Schriften auch stets bemüht ist, die Bedeutung des Autors (oder seines biographischen Hintergrundes) für einen Roman herunterzuspielen: So das Wunschdenken des Autors ausdrückend, man möge doch ihn nicht hinter dieser oder jener Figur erkennen. Was allerdings von wenig Erfolg beschieden war und – ja genau – Wunschdenken blieb: Hierhin ist Doderer niemand gefolgt. Im übrigen ist Doderer eine jener Begabungen, denen selbst die eigene – dubiose – Literaturtheorie nichts anhaben konnte: So dämlich manche Konstruktionen auch sind (im “Mord, den jeder begeht” aber auch in der “Strudlhofstiege”), so verlieren diese durch seine Sprachkunst weitgehend an Bedeutung. Auch das ist eine Kunst.


Klaus Nüchtern: Kontinent Doderer. Eine Durchquerung. München: Beck 2016.

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