Die Horen. Jahrgang 1796. Drittes Stück

“Habent sua fata libelli”, das wussten schon die alten Lateiner. Auch Zeitschriften haben ein Schicksal, ein Leben sozusagen. Dies sehen wir bei den Horen. Schiller hat die Zeitschrift ursprünglich gegründet, um ein Sprachrohr für seine philosophisch-ästhetischen Ansichten zu haben. Nachdem er nun diesbezüglich gesagt hat, was er sagen wollte, verliert er rasch das Interesse an seiner Zeitschrift und beginnt, sie mit mehr oder weniger valablem Zufallsmaterial zu füllen. So können wir mitverfolgen, wie aus dem philosophisch-ästhetischen Sprachrohr der Deutschen Klassik ein Container wird, in dem verschiedene Autoren Auszüge aus ihren Übersetzungen anderer Autoren deponieren, und wie zum Schluss mehr und mehr weibliche Autoren, denen sich ansonsten wenig Publikations-Möglichkeiten boten, den Raum zu füllen begannen.

In der N° 3 des Jahrgangs 1796 verschränken sich vorerst einmal Philosophie und Übersetzung. Den Beginn macht gleich eine Übersetzung. Karl Ludwig von Knebel liefert ein paar weitere Muster seiner Properz-Nachdichtung. Ich kann mich immer noch nicht so ganz damit anfreunden; immerhin liefert Goethes “Ur-Freund” trotz der Versform, zu der er sich verdammt, flüssig zu lesende Elegien ab. (Auch Übersetzungen haben ihre Moden: Es war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgemacht, dass, was im Original Versform aufwies, auch in der Übersetzung Versform aufzuweisen hatte.)

Dann folgt ein philosophischer Exkurs Schillers – hätte ich gern geschrieben. Tatsächlich aber schiebt der Herausgeber noch eine Fortsetzung von Gerbers Ritter von Tourville ein. Gerber, den ich in der ADB nicht finden konnte, scheint tatsächlich existiert zu haben – User Gontscharow in unserm Forum konnte u.a. folgende Informationen zu ihm auftreiben: Johann Friedrich Gerber (1761 – 1814); Erzähler; Gerichtssekretär in Reval; Geburtsort: Danzig; Sterbeort: Reval (Estland). Ein Este also. Das macht diese Geschichte nicht besser – formal und inhaltlich haben wir den bisherigen Tiefpunkt der Horen vor uns. Dass man dem Leser zum Schluss mit einer weiteren Fortsetzung droht, ist übel; dass diese dann nicht erfolgte, macht die Sache nur unwesentlich besser. Passons.

Schillers philosophischer Beitrag Ueber den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten ist dann leider auch der schwächste philosophische Beitrag, den sich Schiller in seiner Zeitschrift geleistet hat. Eine platt-aufklärerische Sittenlehre, ohne wirklichen Bezug zur Ästhetik. Selbst Freiherr Knigge konnte das besser. Passons.

So bleibt uns noch die zweite Übersetzung, die diese Nummer liefert. August Wilhelm Schlegel hat gerade begonnen, William Shakespeare zu übersetzen – ein weiteres Mal zu übersetzen, muss man sagen, gab es doch der Shakespeare-Übersetzungen am Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland schon zu Hauf. Ähnlich wie Knebels Properz-Übersetzung ist auch Schlegels Shakespeare-Übersetzung in vielem mehr Nachdichtung als Übersetzung. Die Meinungen über die Qualität der später “Schlegel-Tieck’sche” genannten Übersetzung gehen auseinander. Ich habe Shakespeare in dieser Form kennen gelernt, und so, wie “Homer” für mich bei aller Kritik bis heute “Voß” ist, ist “Shakespeare” halt “Schlegel-Tieck”. Warum allerdings Schlegel (und/oder Schiller?) aus Romeo und Julia ausgerechnet diese recht uninteressanten Passagen aus dem Beginn des Stücks ausgewählt haben und nicht einen wirklich ‘dramatischen’ Ausschnitt, will sich mir nicht erschliessen.

Etwas ratlos schliesst der Leser das dritte Stück.

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