Die Horen 12/1797 – mit einem Rückblick auf 3 Jahre „Horen“-Lektüre

Ich mag Die Horen, ehrlich gesagt, nicht mehr mit ins neue Jahr schleppen, und da die letzte Nummer des Jahres 1797 (und allerletzte Horen-Nummer überhaupt) erst im Juni 1798 in Jena ausgeliefert wurde, bin ich so oder so zu früh dran. Und da an der letzten Horen-Nummer auch nicht viel dran ist, kann ich gleich einen kleinen Rückblick auf unser Leseprojekt im Forum hinzu geben.

N° 12/1797

Viel ist an der letzten Nummer, wie schon gesagt, nicht. Haufenweise Gedichte von der bis anhin noch nicht in Erscheinung getretenen Louise Brachmann. Es wäre auch nicht schade darum gewesen, wenn diese Gedichte weggelassen worden wären – es handelt sich bei ihnen um sentimentalen Kitsch in Reinkultur.

Eine Übersetzung aus dem Griechischen (ohne dass der Leser erführe, wer da übersetzt wurde) von Friedrich August Eschen, der ebenfalls zum ersten Mal auftritt, ist nicht besser.

F. H. von Einsiedel beendet seine Utopie Die Feste der Arramanden mit einer Schilderung der (ausschliesslich weiblichen) Priesterschaft, ohne dass der Leser erführe, was denn nun genau die Aufgaben dieser Priesterinnen wären und warum es denn von Vorteil ist, dass nur Frauen als Priester amten. Immerhin wirkt Einsiedels Deutsch natürlich und ungezwungen, was man nicht von vielen Prosa-Texten sagen kann, die im Laufe der drei Jahren in den Horen erschienen sind.

Schliesslich gibt Hirt noch einen Nachschlag zu seiner Laokoon-Besprechung. Das ist nun zwar der relevanteste Artikel in dieser letzten Horen-Nummer, aber von wirklichem Interesse allenfalls für den Kunstgeschichtler bzw. den Wissenschaftsgeschichtler, der die Geschichte der Kunstgeschichte aufarbeiten möchte. Dem allgemein interessierten Leser bringt er wenig – und sei es nur, weil er am allgemeinen Übel jeder Kunstkritik der damaligen Zeit krankt: Es gibt keine Illustrationen zum Thema.

Das lange Warten auf diese Nummer muss sich für die paar Abonnenten, die noch waren, nicht gelohnt haben.

3 Jahre Horen-Lektüre

Mit diesem Beitrag ziehe ich auch einen Schlussstrich unter drei Jahre regelmässiger Lektüre von Schillers Horen. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass eine intensive und regelmässige Auseinandersetzung mit Schillers Vorzeigeprojekt dazu geführt hat, dass der eine oder andere Beitrag in mein Blickfeld gerückt ist, den ich sonst überlesen bzw. nicht beachtet hätte. Was bleibt, ist aber auch die Erkenntnis, dass die meisten Beiträge einer Lektüre kaum wert gewesen sind.

Sicher, wir haben von Herausgeber Schiller und seinem Berater Goethe einiges an Wertvollem vorgefunden: Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen haben in den Horen das Licht der Welt erblickt. Ebenso Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten, wo vor allem das Märchen hervorsticht. Ebenfalls von Goethe die Römischen Elegien, die einiges vom Besten sind, das die deutsche Lyrik zu bieten hat. Im Lyrischen dann auch Hölderlins Eichbäume, mit dem der Schwabe zu seinem eigenen Ton findet. Ich fürchte allerdings, dass das Gedicht im Wust des übrigen Mediokren unterging – jedenfalls hat niemand zu der Zeit wirklich auf diese Veröffentlichung reagiert.

Alles in allem hat Schiller seine grossmundige Ankündigung, dass hier einige der Besten der deutschen Literatur sich zusammentun würden, nicht umsetzen können. Einige der von ihm Aufgezählten haben gar nie Beiträge geleistet. Andere hat Schiller aus dem Autorenkreis herausgedrängt – Fichte zum Beispiel, weil der ihm in seinem eigenen Spezialgebiet, der Ästhetik, zu nahe kam. A. W. Schlegel hat ausgezeichnete Beispiele von Literaturkritik geliefert, vor allem zu Dantes Commedia. Danach hat er immer mal wieder Auszüge aus seiner aktuellen Übersetzungs-Arbeit an Shakespeares Werken beigebracht. Auf dem Gebiet der Literaturkritik konnte ihm allenfalls Herder das Wasser reichen, mit seinem Aufsatz zu Ossian. Die ebenfalls zu findenden Gedichte Herders haben nicht immer das Niveau, das man sich von einem Klassiker wünscht. Friedrich Schlegel ist vielleicht der grosse Abwesende in den Horen. Im Gegensatz zu den Schlegel-Brüdern durften von den Humboldts beide beitragen. Alexander von Humboldts symbolüberfrachtete Geschichte wirkt heute zwar eher unfreiwillig komisch, gehört aber dennoch zum Besseren, das die Horen aufzuweisen haben, und wurde von Alexander auch noch Jahrzehnte später der Aufnahme in ein eigenes Werk für würdig befunden. Wilhelm von Humboldts Aufsätze sind ebenfalls nicht uninteressant; er hat sich aber aus den Horen zurückgezogen in der durchaus richtigen Einsicht, dass seine Art zu schreiben vom anvisierten Publikum der Horen wohl als zu trocken empfunden wurde.

Daneben natürlich viel Füllmaterial – auch von den beiden Dioskuren. Vor allem die über rund ein Dutzend Folgen abgespulte Publikation von Goethes Übersetzung aus dem Englischen, Benvenuto Cellini, ermüdete. Schillers historische Publikationen ganz zu Beginn der Horen gehören ebenfalls nicht zu den Höhepunkten der deutschen Klassik.

Lesenswert übrigens Rolf Michaelis‘ Einführung Schillers »Titanic«, die sich im Supplementband meines Reprints (Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger, 2000) findet.

Drei Jahre Horen – ich möchte sie nicht missen. Allerdings auch nicht wiederholen.

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