Noch einmal Knigge

Er lässt mir gerade keine Ruhe, der Freiherr Knigge.

Knigge ist eine ungeheuer schillernde Persönlichkeit, und ich kann nicht allem zustimmen, was ich so über ihn lese. Vor allem bei zwei Dingen bin ich anderer Meinung als einige seiner Ausleger. Da ist die Geschichte mit dem Schuh, den er einer Hofdame stibitzt und ihr auf dem silbernen Präsentierteller gebracht haben soll, worauf ihn die Fürstin als Strafe zur Heirat mit ebendieser Hofdame verknurrt habe. Ich halte das für eine Legende – und sei es nur, weil damit auch die Hofdame gestraft worden wäre. Knigges Ehe war unglücklich, ja. Aber unglückliche Ehen waren damals beim Adel, wo man nicht aus Liebe heiratete, an der Tagesordnung. Die Ehe war eine Geschäftsbeziehung. Eine Heirat war das Pendant zu einer heutigen Firmenfusion und diente weder der Erfüllung von Liebesbedürfnissen noch der Erfüllung von Sexualität. Knigge muss aus der Sicht seiner Frau ein sehr schlechtes Geschäft gewesen sein – ein verarmter, seiner Güter beraubter Freiherr mit grosser Vergangenheit und ohne Zukunft. Ein Querulant ohne Karriere-Aussichten.

Das andere biografische Detail ist der Gebrauch (oder eben Nicht-Gebrauch) des adligen ‚von‘ in seinem Namen: Adolph Freiherr Knigge – oder doch Adolph Freiherr von Knigge? Viele Germanisten gehen offenbar davon aus, dass es ursprünglich von Knigge geheissen haben müsste, der Freiherr aber von sich aus und aus Sympathie mit dem Gedankengut der Französischen Revolution auf seinen Adelstitel verzichtet habe. Ich wage diese Interpretation in Zweifel zu ziehen. Tatsächlich wird ‚Adel‘ im deutschen Sprachraum sehr stark mit der Verwendung eines ‚von‘ im Nachnamen assoziiert. Davon hat Beethoven am Wiener Hof ausgiebig Gebrauch gemacht, wenn es darum ging, den dortigen Irrglauben, sein ‚van‘ weise auf adlige Herkunft hin, für sich auszunützen. Das ‚von‘ als Adelsprädikat existiert sowieso nicht überall: Der russische Adel kennt es z.B. nicht; und so wissen viele Leser gar nicht, dass Puschkin oder Tolstoi Mitglieder des russischen Hochadels waren. Graf Tolstoi. Graf Puschkin. Aber eben nicht: Graf von Tolstoi oder Graf von Puschkin. Auch im deutschen Sprachraum gibt es Adelsgeschlechter, die kein ‚von‘ im Namen führen – und die Knigge sind eines davon.

Die Knigge gehören zum niedersächsischen Uradel, das ‚von‘ im Namen des 1233 als ersten des Geschlechts erwähnten Henricus de Knigk bezeichnet im Mittelalter eher die Herkunft oder einen Besitz und ist kein Adelsprädikat. Entsprechend nennen sich spätere Generationen dann auch meist nur ‚Knigge‘. Die Zugehörigkeit zum Adel wurde vor dem 17. Jahrhundert eher durch das Führen eines Wappens, Anreden wie ‚miles‘ (Ritter) oder ‚Herr‘, sowie durch die Zugehörigkeit zur korporierten Ritterschaft eines Landes dokumentiert, als durch ein Adelsprädikat. Ein fehlendes ‚von‘ war also eher ein Hinweis auf das hohe Alter des Geschlechts und somit etwas, womit ein Knigge prahlen durfte.

Knigge war Freimaurer. Einer der berühmtesten Freimaurer deutscher Sprache, wohl der berühmteste als Freimaurer berühmt gewordene Freimaurer. Sicher: von den deutschen Klassikern waren Goethe, Herder und Wieland ebenfalls Maurer. (Schiller wohl eher nicht, auch wenn die Freimaurer selber dessen Mitgliedschaft reklamieren.) Was aber ist an Maurerischem von unsern Klassikern überliefert? Von Goethe ist es seine Rede auf den Tod des Logenbruders Wieland von 1830 – von Herder oder Wieland gar nichts Bedeutendes. (Und ich habe von beiden je über 30 Bände umfassende Werkausgaben durchgeackert.) Wieland war übrigens weit über 70 Jahre alt, als er noch der Anna-Amalia-Loge in Weimar beitrat.

Sicher: Mozart war ebenfalls Freimaurer. Von ihm gibt es tatsächlich ein paar Kompositionen – Lieder, die er für seine Loge geschrieben hat. Und natürlich gibt es die Zauberflöte. Diese Oper weist durchaus freimaurerische Bezüge auf. Bekannt, ist die Arie des Sarastro In diesen heil’gen Hallen kennt man die Rache nicht, die von den Freimaurern als Quintessenz und moralischer Wegweiser für alle Tempelarbeiten betrachtet wird. Viele maurerische Bezüge in der Oper bleiben aber vage, und die meisten sind sowieso dem Verfasser des Libretto, Emanuel Schikaneder, zu verdanken.

Knigge hingegen war schon den Zeitgenossen bekannt als Freimaurer. Selbst seine öffentliche Absage an die Maurerei in seinem Buch Über den Umgang mit Menschen änderte daran nichts. Dabei war es Knigge durchaus ernst damit, dass er schrieb:

Ich habe mich lange genug mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung reden und jeden jungen Mann, dem seine Zeit lieb ist, abraten zu können, sich in irgendeine geheime Gesellschaft, sie möge Namen haben, wie sie wolle, aufnehmen zu lassen.

Knigges Über den Umgang mit Menschen zeichnet sich dadurch aus, dass es angewandte Soziologie ist, eine Art Verhaltens- und Karriere-Ratgeber – einer, an den sich sein eigener Urheber nicht gehalten hat. So auch mit der Maurerei. Knigge war ein von der Maurerei enttäuschter Freimaurer. Deswegen konnte er trotzdem nicht von ihr lassen, oder von anderen Geheimgesellschaften. Knigges Enttäuschung hat ihre Wurzel darin, dass es ihm mit den hehren Zielen der Maurerei ernst war. Diese Ziele waren für ihn keine leeren Worte, kein gedankenloses und sinnentleertes Gebrabbel im Ritual seiner Loge. Als er feststellte, dass die Logen mehr Sauf- und Debattierklubs, bestenfalls eine Stütze geschäftlicher Beziehungen waren, keine hehren Zielen verpflichtete Gemeinschaft, verliess er die Maurerei. Ein zweiter Versuch, seine Ziele bei der geheimen Gesellschaft der Illuminaten zu erreichen, scheiterte ebenso am Menschlich-Allzumenschlichen – hier an der Auseinandersetzung mit dem Oberhaupt der Illuminaten, Adam Weishaupt. Selbst ein dritter Anlauf, ein kurzes Techtelmechtel mit der „Deutschen Union“ des Theologen Carl Friedrich Bardth, einer Mischung aus Buchclub, Lesegesellschaft und Geheimbund zur Beförderung kritischer Aufklärung, scheiterte an der Trägheit seiner Mitunionisten.

Knigge und die Maurerei: eine verzweifelte Liebesgeschichte, ebenso wie die zwischen Knigge und der Französischen Revolution. Bei aller Brüderlichkeit dachte Knigge nämlich durchaus elitär. Er redete durchaus einer Zweiteilung der Loge das Wort. Seiner Meinung nach sollten die ‚gewöhnlichen‘ Brüder keineswegs in die Ziele und Absichten der Loge eingeweiht sein. Dies sollte vielmehr den Oberen vorbehalten bleiben. Ja, die ‚gewöhnlichen‘ Brüder sollten ihre Oberen nicht einmal kennen. Über die seiner Meinung nach naive Form einer demokratischen Total-Aufklärung (die, wenn es sein musste, von oben verordnet und mit Gewalt ausgeführt werden sollte) hat er sich in seinem grossen satirischen Roman Josephs von Wurmbrand, Kaiserlich abyssinischen Ex=Ministers, jezzigen Notarii caesarii publici in der Reichsstadt Bopfingen, politisches Glaubensbekenntniss, mit Hinsicht auf die französische Revolution und deren Folgen gehörig lustig gemacht. Der abessynische Kaiser, ein nicht ungewitzter Realpolitiker, ist der Meinung, dass seine Untertanen keineswegs und schon gar nicht sofort in alle Geheimnisse der Staatsführung eingeweiht werden sollten. Seine – deutschen – Minister führen ihren Plan trotzdem aus – mit katastrophalen Folgen fürs Land und für sie selber.

Werfen wir einen Blick in den Briefwechsel Knigges mit Johann Caspar Lavater. 1783 – als Lavater noch als Aufklärer gelten konnte und noch nicht völlig in seinen esoterischen Gespinsten abgetaucht war, versuchte Knigge über ihn, den bekannten Theologen, weitere Mitglieder für seine Illuminaten zu rekrutieren. In einem Brief entwickelt er die oben skizzierte Theorie der stufenweisen Hinführung zur Wahrheit, der auch intern geheimen Ziele und Zwecke einer geheimen Gesellschaft. Lavater – und ich mag ihn sonst nicht besonders, aber hier muss ich ihm Recht geben – antwortet:

Aber mit der Offenheit und Redlichkeit, die ich, will’s Gott, bis zum letzten Odem behalten will, muß ich Ihnen sagen, daß ich auf allen solchen weitaussehenden, menschlichen Machenschaften, Reformations Plänen, und künstlichen lichtscheuen Maschienen, das Menschengeschlecht zu verbeßern, als Christ und Psycholog nicht viel halte, und Ihnen im voraus zu sagen mich verpflichtet halte, daß dabey nichts reelles herauskommen wird […] – (Adolph Freiherr Knigge: Briefwechsel mit Zeitgenossen 1765-1796, S. 56)

Eine höfliche, aber knallharte Absage.

Es ist dieses auf der Unterscheidung von esoterischem und exoterischem Wissen, von Draussen und Drinnen, von Hoch und Nieder beruhende Denken Knigges, das mich zögern lässt, Knigge eine derart grosse Begeisterung für die Ideale der Französischen Revolution beizumessen, dass er auf sein Adelsprädikat ‚von‘ verzichtet haben sollte. Nicht nur wäre eine so ostentative Haltung äusserst ungeschickt von ihm gewesen, weil er als Verwaltungsbeamter darauf angewiesen war, sein Brot im Dienste anderer Adelshäuser zu verdienen. Sie hätte auch dem maurerischen Wesen, wie er es interpretierte, gar nicht entsprochen. Im Übrigen habe ich in seinem Briefwechsel keinen Hinweis darauf gefunden, dass er sich die Anredevon Knigge, die tatsächlich schon Zeitgenossen unterlief, verbeten hätte – genauso wenig wie eine als ‚Freiherr‘ oder ‚Baron‘. Und als A. Fh. Knigge, also ‚Adolph Freiherr Knigge‘ unterschrieb er seine Briefe noch in seinem Todesjahr 1796. Es wäre doch viel logischer gewesen, zuerst einmal auf diesen Titel zu verzichten.

Literatur:

  • Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen. Augsburg: Bechtermünz, 2000.
  • Adolph Freiherr Knigge: Benjamin Nordmanns Geschichte der Aufklärung in Abyssinien. Frankfurt/M: Eichborn, 2006
  • Adolph Freiherr Knigge: Briefwechsel mit Zeitgenossen. Göttingen: Wallstein, 2015
  • Karl-Heint Göttert: Knigge oder: Von den Illusionen des anständigen Lebens. München: dtv, 1995
  • Martin Rector (Hrsg.): Zwischen Weltklugheit und Moral. Der Aufklärer Adolph Freiherr Knigge. Göttingen: Wallstein, 1999
Dieser Beitrag wurde unter Biografie abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.