Panajotis Kondylis: Macht und Entscheidung

Kondylis geht es in diesem Buch um eine Darstellung der Genese unterschiedlicher Weltbilder und den damit verbundenen ethischen Implikationen. Wobei es sich hier nicht – wie in seinen Büchern über die Aufklärung oder die Metaphysikkritik – um eine philosophiegeschichtliche Studie handelt, sondern um einen originären Beitrag zur Philosophie der Macht bzw. den konstituierenden Merkmalen ethischer Orientierung.

Der von ihm dargestellte wertfreie deskriptive Dezisionismus will eine Alternative zum “militanten” Dezionismus als auch zu allen Formen des Normativismus bieten, indem er den Dezisionismus von seinem romantisch-anarchistischen Anspruch befreit, zum anderen aber auch das Unabdingbare einer normativistischen Struktur herausstellt. Und er will bei diesem seinem Vorhaben streng deskriptiv verfahren, alle präskriptiven Attitüden vermeiden. Eine Position, die m. E. einen Widerspruch birgt, einen Widerspruch, der dem Autor nicht verborgen bleibt, ihn aber am Verfassen dieses Textes nicht gehindert hat. So schreibt er auf den letzten Seiten: “[…] selbst die öffentliche Mitteilung der wertfreien, dezistionistischen Theorie bildet eine Inkonsequenz, die auf schriftstellerische Eitelkeit oder auf Lust an der Provokation zurückgeht.”

Der militante Dezisionismus wird von Kondylis einer normativen Komponente geziehen, denn er erhebt die individuelle Entscheidung zu einem Prinzip. In jeder Situation ist ein diesem Dezisionismus sich Verpflichtender zur eigenen, existentiellen Entscheidung gezwungen, er ist immer für sein Tun verantwortlich und vermeidet es, auf irgendwelche Normen zu rekurrieren, ja er sieht in einer solchen Bezugnahme die Verletztung einer Art existentieller Menschenpflicht. Eine solche anarchisch anmutende Haltung ist aber nicht zu verwirklichen: Zum einen wird sie selbst zu einer Norm, zum anderen sind Handlungen, Entscheidungen immer auch normierend und als Akte an sich auch nicht wertfrei (was sich schließlich für Kondylis’ eigenen Ansatz als fatal erweist).

Der Normativismus beruft sich zu seiner Fundierung auf außermenschliche Instanzen: Dies können in die Natur projektierte Ordnungsschemata sein (wie etwa von E. Topitsch in “Vom Ursprung und Ende der Metaphysik” beschrieben) oder metaphysische, theologische, geoffenbarte Wesenheiten. Man bedient sich – mehr oder weniger verborgen – eines naturalistischen Fehlschlusses, indem man die Natur oder in ihr auffindbare Strukturen als objektive, wahre, normgebende Entitäten begreift, die von den dazu berufenen Exegeten der Menschheit vermittelt und verbindlich gemacht werden. Diese “objektiv wahren” Normen sind allerdings mit den selben Inkongruenzen behaftet wie die ebenfalls einzigartigen und wahren Gottheiten: Es gibt ihrer zuviele und gerade die Tatsache, dass die Normativisten verschiedener Couleur sich untereinander bis aufs Blut bekämpfen, ist ein Hinweis auf die Fragwürdigkeit der vertretenen ewigen Wahrheiten.

Kondylis analysiert zu Beginn seiner Untersuchung, wie Weltbilder entstehen und welche Funktion sie in weiterer Folge übernehmen. Er konstatiert eine Art “Vorwelt”, in der das Subjekt grundsätzliche Ent-Scheidungen zu treffen gezwungen ist: So wird vor allem zwischen Relevantem und Irrelevantem unterschieden und dann versucht, eine kohärentes Weltbild zu erzeugen, ein Weltbild, das aber immer subjektiven Zuschnitts ist. Die Ent-Scheidung bestimmt die Identität des Subjekts, das Weltbild wird einer permanenten Probe unterworfen, wobei der Wunsch offenbar wird, eine Bestätigung für die einmal erfolgte Orientierung zu erhalten. Disparate Strukturen werden nach Möglichkeit integriert, alle subjektiven Elemente mit einem objektiven Anstrich versehen, um konkurrierenden Gruppen mit einer Art höheren Wahrheit gegenübertreten zu können. So folgt also auf die grundsätzliche Ent-Scheidung (die – wenn auch von Kondylis nirgendwo ausgesprochen – biologistisch-evolutionärer Natur zu sein scheint) die Wahl eines Weltbildes, das für das Subjekt von existentieller Bedeutung ist.

Weltbild und Identität sind vorläufig, können Änderungen erfahren, wobei für Kondylis das Weltbild des Feindes, des anderen insofern von großer Wichtigkeit ist, weil dadurch das eigene Weltbild erst jene feinen Konturen erhält, die es schließlich unterscheidbar macht. Dabei ist der rational-logische Charakter eher zweitrangig: Durch den oben schon angedeuteten Versuch der Objektivierung ist man imstande, sich auf Höheres zu berufen, das vor allem dort als Argument eingesetzt wird, wo der logisch-rationale Diskurs versagt. In diesem gesamten Ent-Scheidungs bzw. Weltbildentstehungsprozess wird historisch häufig eine Trennung zwischen Erkenntnis- und Willensakt postuliert: Eine Trennung, die Kondylis für willkürlich hält, da beide Akte ineinander verschmelzen. So kann man von einem erkennenden Wollen bzw. einem wollen Erkennen sprechen, die erwähnte (künstliche) Trennung hat ihren Grund im dualistischen, christlichen Weltbild, das der Vernunft einen volitiv-emotionalem (und zumeist negativ konnotierten) Aspekt gegenüberstellt. Dieser gesamte Vorgang der Weltbildentstehung ist in drei Bereiche untergliedert: Die Gattung trifft grundlegende (evolutionär bedingte) Entscheidungen, während Gruppen- und Einzelentscheidungen bereits im Hinblick auf die Herrschaftsstrukturen getroffen werden.

Dass die grundlegenden Ent-Scheidungen der Natur der Dinge weitgehend entsprechen wird durch den Selbsterhaltungstrieb gewährleistet. (Auf dieser Ebene folgt Kondylis – unausgesprochen – weitgehend der Evolutionären Erkenntnistheorie: Ein Weltbild, das seine Umwelt unzureichend widerspiegelt, wäre nicht überlebensfähig.) In der Kultur wird schließlich die Natur ins Ideelle übertragen (und gleichzeitig auch der Anspruch der Idee objektiviert), das Einzelweltbild wird dem Gruppenweltbild untergeordnet, wobei diese Weltbilder vom Machtanspruch niemals zu trennen sind. Das kollektive Weltbild wird zu einer Art Sinn des Lebens (ansonsten wäre nach Kondylis eine solche Unterordnung nicht möglich, wobei er nach meinem Dafürhalten soziale, für den Einzelnen überlebenswichtige Gründe (etwa der Zusammenarbeit) völlig vernachlässigt), eine Art wissenschaftliche “Sinnlosigkeit” allen Seins wird dabei als Gefahr empfunden, da diese Sinnlosigkeit sich auch auf den Machtanspruch erstrecken würde. Solche Zweifler gelten als “Kriminelle des Geistes”, die die Grundlagen des sozialen Lebens untergraben.

Das kollektive Weltbild muss dabei zwangsläufig um Objektivierung bemüht sein, weil die subjektive Grundlage der Entscheidung verborgen werden muss. Nur auf einer objektiven Grundlage können feindliche Weltbilder bekämpft werden, eine pragmatische oder utilitaristische Weltsicht, die die Metaphysik auf ihre Brauchbarkeit reduziert, wäre der Untergang von Weltbild und Machtanspruch: Denn für den Gläubigen ist der Glaube nützlich, weil er wahr ist, er wird nicht wahr, weil er nützlich ist. Die eigene Gruppe nimmt für sich eine Form der ontologischen Überlegenheit durch das Sein in Anspruch: Mögliche Niederlagen können so dem Schein zugeschrieben werden (all diese Objektivierungsversuche, Abgrenzungen gegenüber dem Feind, dem ontologische Inferiorität unterstellt wird, finden sich beispielhaft im klassischen Marxismus). Insbesonders wird dem Herrscher oder einer auserwählten Gruppe ein exklusiver Zugang zur Wahrheit (oder aber der Interpretation entsprechender Schriften) zuerkannt, wobei die Ziele schon deshalb vage formuliert werden müssen, um ein solches Interpretationsmonopol aufrecht erhalten zu können.

Die anschließende Behauptung, dass zwischen feindlichen Gruppen eine Verständigung über gleiche Begriffe unmöglich ist (Kondylis betrachtet den Freund-Feind-Antagonismus als konstituierend für die Aufrechterhaltung der Weltbilder), entbehrt allerdings einer Begründung. Antagonismen werden zwar nur selten abgebaut, zumeist zwecks eigener Legitimation aufrecht erhalten, es ist aber (wie beispielsweise die deutsch-französische Verständigung nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt) nicht völlig unmöglich zu einem Ausgleich zu gelangen. (Das scheint überhaupt einer der Schwachpunkte in Kondylis’ Theorie darzustellen: Er unterschätzt die soziale Komponente, den durch den Selbsterhaltungstrieb entstehenden Impetus der Zusammenarbeit – über ideologische Grenzen hinweg.)

Die Grundlage für den Machtanspruch als solchem liegt im “Geist”, denn animalische Triebe erfahren sehr viel leichter und früher eine Befriedigung. Der Geist ist nicht Widersacher der Triebe, sondern kompensiert Mängel des Instinkts, er steht nicht “über den Emotionen”, sondern dient diesen (im Sinne Humes) als ein verlängerter Arm. So konkurrieren auch nicht Ideologien miteinander, sondern immer nur die dahinter stehenden Menschen. Dennoch können die Ideen, der Idealismus nicht abgeschafft werden, da nur die Idee eine Berufung auf eine objektive Wahrheit erlaubt, Ideen sind Mittel zum Zweck und müssen auch keineswegs – wie bereits erwähnt – einem logisch-rationalen Anspruch genügen. Im übrigen instrumentalisieren auch Rationalisten die Vernunft, sie unterstellen, dass jemand, der richtig argumentiert, ihre Position bestätigen würde, vergessen aber dabei, dass auch diesem Rationalismus eine Entscheidung voran geht und dass vor allem logische Argumentation und inhaltliche Belange getrennt werden müssen (je nach Inhalt wird auch die logische Argumentation eine andere sein). Ob allerdings theoretische Positionen tatsächlich immer aus Gegenpositionen entstehen (hier wird wieder das Freund-Feind-Denken des Autors spürbar) darf bezweifelt werden: Viele mythologische Entwürfe waren erste philosophische Erklärungsmodelle, die auf simple Warum-Fragen eine Antwort boten und in diesem Zusammenhang auch prognostische Hoffnungen erfüllen sollten.

Theorien erleiden seltsame Schicksale: Zum einen werden sie aufgrund von Angriffen rationaler (um diese Angriffe abzuwehren, wobei sich auch irrationale Theorien immer einer solchen Argumentation bedienen oder einfach an einem bestimmten, frei gewählten Punkt dekretieren, dass nun die Vernunft nicht mehr zuständig sei (wie das etwa Heidegger oder auch Habermas gemacht haben)) und weil sie sich nach Kondylis in der Polemik (im Sinne der geistigen Auseinandersetzung verstanden) bewähren müssen. Aber nachdem aus – zumeist trivialen – Ideen komplizierte metaphysische Gebilde geworden sind, setzt eine Gegenbewegung ein: Um die entsprechende Philosophie in die Praxis umzusetzen, muss diese wieder – häufig zum Leidwesen der Philosophen – trivialisiert werden.

Der letzte Abschnitt des Buches widmet sich der Verteidigung der Wertfreiheit – und er ist, wie bereits eingangs ausgeführt – der wahrscheinlich schwächste Teil. Völlige Wertfreiheit ist ein Ding der Unmöglichkeit, im Grunde ist jeder volitive Akt, jede Lebensäußerung mit einer Vorform von Bewertung verbunden. Denn der Akt als solcher wird (wenn vielleicht auch unbewusst, also auf physiologischer Ebene) durchgeführt oder unterlassen im Sinne eines Vorteils des Überleben. Noch viel mehr als auf dieser noch “evolutionären” Ebene ist jede geistige Äußerung mit einem Bewerten verbunden, einer Wertstruktur, die niemals objektiven Charakter beanspruchen kann. Allerdings ist es hier von äußerster Wichtigkeit, zwischen diesen Werten und der Zweck-Mittel-Relation zur Erreichung bestimmter Ziele zu unterscheiden: Letztere kann wissenschaftlich-rational erfolgen (vgl. hierzu die Ausführungen zu Keuths beeindruckender Aufarbeitung dieses Themenkomplexes), während aller Normativismus immer subjektiv und daher auch dezisionistisch ist. Gerade die Erkenntnis dieses Umstandes und die Ablehnung aller objektivierenden, “wahren” Theorien bietet Chancen: Nur dadurch kann man den Fehlentwicklungen steuern, auf der Basis einer rationalen Diskussion zu einem neuen (anderen) Wertekanon finden. Von der Übereinstimmung bezüglich dieser grundlegenden Werte ist jede Diskussion, jede Interaktion abhängig: Wer seinen eigenen Wertekanon entwirft (wie etwa Hitler) entzieht sich jedem Dialog.

Kondylis bietet in diesem Buch eine wirklich eingehende, philosophisch fundierte Analyse von Machtanspruch und Ethik, wenngleich er in seinen Ausführungen dem Kampf, der Freund-Feind-Dichotomie nach meinem Dafürhalten eine zu große Bedeutung eingeräumt hat. Das Brilliante aber an den Werken dieses Denkers ist das komprimierte Ideenfeuerwerk in seinen Büchern: Nirgendwo Passagen oder Sätze, die man einfach so überlesen kann, die bloßes Füllwerk oder redundantes Gerede sind, kein Satz ohne einen dahinterstehenden Gedanken. Das macht das Buch zu einer sehr anstrengenden und aufwändigen Lektüre (obwohl vom Umfang her mit 130 Seiten bescheiden), aber einer Lektüre, die äußerst lohnenswert ist. Kondylis war ein Philosoph, der zu Unrecht heute kaum noch gelesen wird (einzige Ausnahme sein Buch über die Aufklärung). Viele seiner Werke wurden nicht mehr aufgelegt, einiges aber ist auf der Homepage noch kostenlos abrufbar (meiner Erinnerung nach gab es da mehr: So auch das vorliegende Buch, allerdings auf Englisch. Bei Interesse bitte melden).


Panajotis Kondylis: Macht und Entscheidung. Stuttgart: Klett 1984.

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5 Kommentare zu Panajotis Kondylis: Macht und Entscheidung

  1. kempowski sagt:

    Siehe nun auch zu “Macht und Entscheidung” und dem darin zentralen Begriff Selbsterhaltung dieser Artikel

    http://www.momo-berlin.de/leitartikel-detail-seite/hauptsache-selbsterhaltung.html

  2. kempowski sagt:

    Es gibt hier noch weitere Texte von Kondylis: http://www.kondylis.net/Neues.html

    Reszensionen finden sich unter http://www.kondylis.net/rezensionen.html

    • Ja, genau die Links hatte ich gemeint. Eigentlich bin ich erstaunt (bzw. erfreut), dass Texte über Kondylis überhaupt gelesen werden. Er ist ein weitgehend unterschätzter Philosoph, der zu Unrecht in ein konservatives Eck gedrängt wird: Sein Denken ist einfach nur konsequent, wobei er auch vor unpopulären Ansichten nicht zurückschreckt. So führt er etwa in Macht und Entscheidung aus, dass manche Vertreter des Kritischen Rationalismus ihre liberale Ideologie in ebenso naturalistischer Weise begründen wie andere ihre absoluten, metaphysischen Ansprüche: Tatsächlich kommt aber niemand ohne eine grundlegende, dezisionistische Entscheidung aus, die – wie positiv sie sich auch ausnimmt – ein kontingentes, willkürliches Moment beinhaltet. Erst auf der Grundlage dieser Entscheidung ist eine Auseinandersetzung möglich, die Entscheidung für ein bestimmtes Weltbild aber bleibt willkürlich. Deshalb ist – auch wenn sie häufig bloß “totes Papier” sind – die grundsätzliche Anerkennung gemeinsamer Werte (z. B. der Menschenrechte) doch von großer Bedeutung: Sie bilden die gemeinsame Basis für Argumente. Gibt es diese Basis nicht, läuft jede Diskussion ins Leere.

  3. kempowski sagt:

    Danke für die kritische Würdigung dieses herausragendes Buches …

    … auf welchen Link beziehen Sie sich mit dem Satz ” einiges aber ist auf der Homepage noch kostenlos abrufbar”? Herzlichen Dank!

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