Georg Forster: Werke in vier Bänden. Dritter Band: Kleine Schriften zu Kunst, Literatur, Philosophie, Geschichte und Politik

Zwar klingt der Titel von Band 3 der Forster-Werkausgabe, als ob der Herausgeber, Gerhard Steiner, Forsters Aufsätze thematisch geordnet hätte, mindestens, was Band 2 und 3 betrifft. In Tat und Wahrheit aber entspricht die thematische zugleich einer chronologischen Sortierung. In Band 3 haben wir die Aufsätze aus Forsters letzten Lebensjahren, von 1788 bis 1793, vor uns – sogar chronologisch sortiert innerhalb des Bandes. Dass man Forsters Aufsätze chronologisch und thematisch zugleich ordnen kann, zeigt (oder zumindest will es die Auswahl der Texte für die vorliegende Ausgabe zeigen), dass Forster sich mehr und mehr der Politik zuwandte. Wenn man die Aufsätze von Band 3 liest, wird man auch feststellen, dass sich der ehemalige Naturwissenschafter zusehends politisch radikalisierte.

Band 3 beginnt mit einem Aufsatz mit dem harmlos klingenden Titel Über Leckereyen. Forster hebt an mit:

Unter dieser Aufschrift simd wir keineswegs gesinnet, einen Beytrag zu einem Kochbuch zu liefern, wenn es gleich seit einiger Zeit üblich ist, daß unser Geschlecht dem andern ins Handwerk fällt und sich mit Dingen beschäftigt, welche unsere ernsthafteren Vorfahren mit stolzem Selbstgefühl dem Weiberregiment überließen. (S. 11)

Anschliessend geht Forster über zum globalen Problem der Produktion und Konsumation von Esswaren. Schon zu seiner Zeit begann das Problem aufzutauchen, dass, was wir heute Dritte Welt nennen, Nahrungsmittel für die sowieso saturierte Erste produziert und sich selber vernachlässigen muss dabei. Somit ist – von der Komposition der Werkausgabe her – der Übergang von Band 2, dem eher naturwissenschaftlich und völkerkundlich ausgerichteten Forster, zu Band 3, dem politischen Forster, hergestellt.

In Fragment eines Briefes an einen deutschen Schriftsteller, über Schillers Götter Griechenlands geht es weniger um Kunst oder Literatur, wie der Titel des Bandes suggeriert, sondern darum, dass Forster seine eigene, von der deutschen Klassik unabhängige Position sucht. (Was für Forster umso wichtiger ist, als er eigentlich – man sieht das sehr schön an seiner Kontroverse mit Kant – von der (prä-)klassischen, gegenüber andern Kulturen bereits sehr toleranten Ideengeschichte eines Herder herkommt.) Verschiedene Aufsätze sind der Geschichte der englischen Litteratur gewidmet, und zwar jeweils jahrgangsmässig: 1788, 1798, 1790 und sogar noch 1791, letzterer geschrieben zu einer Zeit, als Forster schon sehr in die jakobinischen Angelegenheiten Mainz’ verstrickt war. Es ist nebenbei, witzig zu sehen, wie Forster den Begriff ‘Litteratur’ nicht nur, wie wir, mit zwei t schreibt, sondern ihn auch implizit definiert wie wir, indem er alles Geschriebene darin bespricht, das im entsprechenden Jahr in England erschienen ist. Politisch sind diese Literaturübersichten, die Forster in erster Linie für Geld geschrieben haben wird, vor allem in der Hinsicht, dass Forster grosses Gewicht auf Schriften für und vor allem gegen die Sklaverei und den Sklavenhandel legt; Edmund Burkes Betrachtungen über die Französische Revolution gehen nicht unbeachtet an Forster gegenüber, genau so wenig wie Paines Antwort Rights of Man.

Zunehmende Radikalisierung, aber auch zusehenden Vereinsamung prägen die letzten Jahre von Forsters Leben. Seine Frau Therese hat sich von ihm schon länger entfremdet, und seit Forster in Mainz politisch tätig ist, lebt sie ganz offen mit dem gemeinsamen Freund Huber zusammen in der Schweiz. Die Kinder hat sie mitgenommen. Forsters Tätigkeit für die Mainzer Republik entfremdet ihm auch den Vater und den Schwiegervater sowie viele weitere Freunde. Wer noch mit ihm sympathisiert, kann das nicht ausdrücken, weil er auf Frau und Kinder daheim Rücksicht nehmen muss, z.B. Lichtenberg. Dass Forster von der Mainzer Republik nach Paris gesandt wird, um dort den Anschluss Mainz’ an die Französische Republik voranzutreiben, rettet ihm zwar für den Moment das Leben, weil er bei der Rückeroberung der Stadt Mainz durch die reaktionären Kräfte nicht da ist, ergo nicht verhaftet werden kann. Aber die Ereignisse in Paris, wo die Girondisten kurz nach seiner (Forsters) Ankunft daselbst von den Montagnards blutig ausgeschaltet wurden, stiessen ihn ab und liessen ihn sich von der Politik zurückziehen, in der er sowieso keine Einflussmöglichkeiten mehr hatte. Während die kurz vor seiner Entsendung gehaltene Rede Über das Verhältniß der Mainzer gegen die Franken noch voll Schwung war, gerieten die (unvollendeten) Parisischen Umrisse schon als Schwanengesang des Politikers Forster. Und es war dann wohl eine verschleppte Tropenkrankheit, die zu seinem Tod in Paris führte.

Im Gegensatz zu den ersten beiden Bänden merkt man diesem Erscheinungsort und -zeit an. Erschienen 1971 in der damaligen DDR konnte es nicht anders sein, als dass man die Französische Revolution und Forsters Tätigkeit für die Mainzer Republik nicht nur in den Fokus stellte, sondern auch im Sinne des real existierenden Sozialismus kommentierte. Wenn man diese Umstände in Betracht zieht, muss man allerdings dann wieder gestehen, dass der Herausgeber sehr zurückhaltend zu Werk ging.

Alles in allem aber wohl auch eher ein Buch für den Forster-Aficionado, den Literatur- und sonstigen Historiker.

Dieser Beitrag wurde unter Werkausgabe abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.