Erhard Oeser: Popper, der Wiener Kreis und die Folgen

Erhard Oeser versucht sich in einer historischen Aufarbeitung der Wissenschaftstheorie, die teilweise als die Fortsetzung der klassischen Erkenntnistheorie angesehen werden kann. Dabei bleibt die Verbindung so mancher Abschnitte zu diesem Komplex unklar: Man hat den Eindruck, dass einfach spezifische Problemstellungen (so wie sie Oeser in den Sinn kommen) abgehandelt werden, ihr Zusammenhang mit der Fragestellung der Entwicklung der Wissenschaftstheorie kann zwar – mit einigem guten Willen – hergestellt werden, aber ein roter Faden ist nicht immer zu erkennen (denn es handelt sich hier keineswegs um ein historisch-deskriptives, sondern um ein ideengeschichtliches Werk). Dass diese Kapitel (wie etwa über Hahn oder Wittgenstein) trotzdem lesbar sind, steht auf einem anderen Blatt: Aber sie wirken als Fremdkörper, wobei man das gesamte Buch als eine Essaysammlung zum Thema Wissenschaftstheorie mit dem Hauptaugenmerk auf Popper und den Wiener Kreis ansehen kann (könnte). Das hat meine „Besprechung“ denn auch beeinflusst: Sie wurde zu einem wissenschaftshistorischen Essay, wobei ich gestehen muss, dass ich nicht immer klar meine eigenen Ansichten von den Oesers geschieden habe. Überall dort, wo der Autor im Text längere Zeit nicht erwähnt wird, darf der Leser von der Annahme ausgehen, dass es sich um die Meinung des Rezensenten handelt; dass diese Trennung nicht sehr viel übersichtlicher erfolgt ist, ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass ich beim Schreiben des Textes mir anfangs nicht über den letztendlichen Umfang bewusst war. Man möge mir diese Nachlässigkeit verzeihen. – Ein wirkliches Ärgernis stellt dagegen die Tatsache dar, dass sich der Facultas-Verlag offenbar keinen Lektor leisten kann: Redundanzen (wortwörtliche Wiederholungen von Zitaten) und unzählige grammatikalische und orthographische Fehler zeugen von dieser Einsparung.

Zwei Fragen haben die Wissenschaftstheorie seit jeher beschäftigt: Die „quaestio facti“, die empirisch zu beantworten ist und die Bedingungen der Erkenntnis untersucht und die „quaestio iuris“, die sich mit Geltungsfragen beschäftigt. Allerdings wurde – beispielsweise von Popper – die erste Fragestellung weitgehend ignoriert: Der Entdeckungszusammenhang war einer methodologischen Analyse nicht zugängig, während der Begründungszusammenhang eine eingehende Untersuchung erfuhr, dessen Ergebnis bekanntlich in einer rationalistisch-falsifizierenden Methode bestand und jegliche induktive Begründungen verwarf.

Der Beginn des wissenschaftstheoretischen Denkens kann (wie es auch Oeser tut und wenn man von Bacons induktiver Suche nach Forschungsergebnissen absieht1) mit William Whewell auf die Mitte des 19. Jahrhunderts angesetzt werden (Bolzano wäre hier vielleicht auch noch zu nennen). Im Novum Organon Renovatum weist Whewell auf die offenkundigen Schwächen Bacons hin: Die Theoriebildung kann sich keinesfalls auf Induktion beschränken, sondern bedarf auch deduktiver Methoden, wobei Whewell hier den Ausdruck „Superinduktion“ verwendet, dem immer etwas Mysteriöses im Sinne der heuristischen Findung anhaftet. Durch diese Kombination werden Entdeckungs- und Begründungszusammenhang miteinander verbunden (so ganz neu war das allerdings nicht, denn bei Aristoteles findet man ähnliche Gedankengänge), wobei Whewell durch seine historisch-dynamische Betrachtung der Wissenschaft (in der Form einer Kette von Hypothesen) auch den wissenschaftshistorischen Zugang durch Kuhn, Lakatos und Feyerabend vorwegnimmt.

Der nächste wichtige Akt wird von Ernst Mach eingeleitet: Nicht nur dass er für das gesamte wissenschaftliche Konzept des Wiener Kreises von überragender Bedeutung war, er weist auch als erster darauf hin, dass Erkenntnis immer unter einem evolutionären Aspekt betrachtet werden muss (und nimmt teilweise die Argumentation von Konrad Lorenz vorweg, der Kants Anschauungsformen als biologisch im Menschen verankert ansah). Diese Verankerung des Menschen in seiner tierischen Umwelt lässt ihn die Methode von Versuch und Irrtum (bzw. des Experimentes) nicht nur auf diesen beschränken, eine solche Vorgehensweise sei keineswegs „ausschließlich das Eigentum des Menschen“. Und Mach betonte (wie Einstein) auch die interne Kontinuität der wissenschaftlichen Entwicklung und war damit ein sehr früher Kritiker der Kuhnschen Inkommensurabilitätsthese.

Im Anschluss widmet sich Oeser Ludwig Boltzmann, der in einer solchen wissenschaftshistorischen Betrachtung häufig – und zu Unrecht – vernachlässigt wird: Boltzmann „überwindet“ den Machschen Sensualismus (indem er u. a. auf die Unmöglichkeit einer rein phänomenalistischen, hypothesenfreien Theorie hinweist), er betont die Bedeutung des Gehirns als Weltbildapparat (im Gegensatz zum Primat der Sinnesphysiologie bei Mach) und damit auch die Wichtigkeit der Hypothesenbildung. Und er weist wie Mach auf die überragende Bedeutung der Evolutionstheorie für die Philosophie hin: „Nach meiner Ansicht ist alles Heil für die Philosophie zu erwarten von der Lehre Darwins.“ Wird die menschliche Erkenntnis losgelöst von ihrer Entwicklung betrachtet, müssen zwangsläufig Funktionen und Leistungen unerklärt bleiben (oder auf einen dogmatisch-metaphysischen Grund zurückgeführt werden). Und Boltzmann liefert auch eine Erklärung für die Möglichkeit der Wissenschaft (die ja in einem nur auf die Umwelt und dem Überleben fixierten Programm nicht verstehbar ist): Die Evolution hat mit dem menschlichen Gehirn ein „Extremorgan“ geschaffen, das auch die Möglichkeit einer Selbst- und Metaerkenntnis bietet. Immer aber ist dieses Theoriestreben ein Bemühen, ein irgendwie geartetes Bild der Realität, der Außenwelt sich zu erschaffen, wobei – auch wenn alle Theorien eine formalistische Struktur haben – diese Repräsentation verständlich und in Worten ausgedrückt werden solle. Er hält das Wohlgefallen am Formalen für eine Gefahr – und zwar in der Naturwissenschaft und der Mathematik ebenso wie in der Philosophie (man erkenne vor „lauter philosophisch herausgeputzten Krimskrams die wahre Philosophie nicht mehr“). Unsere Theorien müssen nicht den (apriorischen) Denkgesetzen entsprechen (denn diese sind, weil evolutionär, fehlbar), sondern sie müssen sich bewähren: Weshalb die Technik als das materielle Korrelat der Theorie eine Art „logischen Beweis“ darstellt.

Eine Biologisierung der Erkenntnistheorie wird auch bei Moritz Schlicks Behandlung des Induktionsproblems offenbar: Er verweist zuerst auf Hume und dessen Erklärung der Kausalzusammenhänge, die auf einem Gewöhnungsmechanismus beruhen; dieses Assoziieren ist eine biologisch zweckmäßige Einrichtung, weil „ohne sie der Mensch nicht leben, nicht zu Leben erhaltendem Handeln fähig wäre. […] In einer Welt, in der ähnliche Erlebenisse nicht gleichförmig immer wieder und wieder kehrten, in der also keine Gelegenheit zur Gewöhnung und Übung vorhanden wäre, würden auch induktive Erkenntnisse nicht zustande kommen.“ Ein anderes ist die Geltungsfrage der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse – und hier verweist Schlick auf die „Wahrscheinlichkeit“ dieser Hypothesen, wobei ihm die Schwierigkeit der Anwendung des Wahrscheinlichkeitsbegriffes auf die Wirklichkeit durchaus bewusst ist, der „in seiner Anwendung auf [diese] Wirklichkeit noch tiefe Rätsel in sich berge“.

Dass die Wahrscheinlichkeitstheorie nicht für die Wahrheit, Falschheit (oder auch Wahrscheinlichkeit) einer Theorie bürgen kann, hat Richard von Mises in wenigen Worten (im Gegensatz zu Popper, der ausführlich im späteren Anhang zur „Logik der Forschung“ zu diesem Problem Stellung genommen hat und dessen Analyse als unzureichend angesehen wurde) kundgetan: Sie (die Wahrscheinlichkeitstheorie) könne schon deshalb nicht induktive Verfahren begründen, weil „sie selbst in ihrer Anwendung auf die Wirklichkeit eine induktive Wissenschaft sei“. Dies trifft den Kern der Sache: Die auf die Wirklichkeit angewandte Wahrscheinlichkeitstheorie steht immer vor dem Problem, die einzelnen Ereignisse zu gewichten – und diese Gewichtung ist subjektiv, während man in der Mathematik mit dem Hilfsmittel der Unendlichkeit operieren und damit idealisierte Fälle darstellen kann. Hier gilt das, was Einstein über die Geometrie (bzw. die Mathematik im allgemeinen) gesagt hat: Sofern die (mathematischen, wahrscheinlichkeitstheoretischen) Sätze streng gültig sind, beziehen sie sich nicht auf die Realität, sofern sie sich auf die Realität beziehen, sind sie nicht streng gültig.

Mit Schlick setzt die oben erwähnte Substitution der klassischen Philosophie durch die Wissenschaftstheorie ein: So dient die Philosophie nun dazu, den Sinn der wissenschaftlichen Sätze festzustellen, ohne aber selbst Wissenschaft zu sein. Andererseits liegt in der Ersetzung des Wahrheitsbegriffes durch das Sinnkriterium (Schlick war hier stark von Wittgenstein beeinflusst) letztendlich eine Konsequenz, gegen die sich Schlicks Konzeption der „Konstatierungen“, von denen „alles Licht der Erkenntnis ausgehe“, richtet: Aber der Wahrheitsbegriff wird hier zu einem phänomenologischen, er verliert seine Intersubjektivität. So ist Schlick zerrissen zwischen der Hoffnung einer logisch-empirischen Letztbegründung (die „logische Form“ war für ihn das, was die Philosophie entscheidend revolutionieren werde, nur vermöge dieser Form ist Erkenntnis Erkenntnis, auf sie allein kommt es bei der Erkenntnis an [Schlick: Die Wende der Philosophie]) und den von anderen des Wiener Kreises (vor allem Neurath) schon früh geäußerten Bedenken bezüglich einer absoluten Gewissheit, die Schlick durch seine psychologistisch anmutenden Konstatierungen zu retten versuchte.

Wenn es aber auf logisch-empirischen Wege die wissenschaftlichen Aussagen zu prüfen bzw. ihren Sinn zu erkennen gilt, stellt sich automatisch die Frage, welche Sätze diesem Sinnkriterium genügen und wie dieses beschaffen sei. In ihrer Ablehnung der Metaphysik waren sich die Mitglieder des Wiener Kreises einig, einzig Popper war es von Beginn an um ein Abgrenzungskriterium zu tun, da er aufgrund der Letztbegründungsproblematik und der Unsicherheit aller Sätze eine nicht weiter begründbare, metaphysische Setzung (etwa der Außenwelt) nicht entbehren konnte. Wenn kein archimedischer Erkenntnispunkt gefunden werden kann, ist man auf irgendeine Art Metaphysik zurückverwiesen: Wobei die eingenommenen Standpunkte selbst auf ihre Plausibilität überprüft werden können.

Dagegen standen Carnaps Versuche einer an der Mathematik orientierten, strukturellen Darstellung der Welt durch eine Objekt- und eine Metasprache, wobei diese eine streng logische Kontrolle aller in der Objektsprache verfassten Hypothesen ermöglichen sollte. Diese Trennung kann zwar konsequent vollzogen werden, allerdings nur mit der Konsequenz, dass schließlich die Verbindung zwischen den Sprachen verlorengeht und die Metasprache zu einem syntaktischen Kalkül verkommt. Dieses Problem hat Carnap durchaus erkannt und über immer neue Varianten versucht, Empirie und Logik zu verbinden. Wenn aber objektsprachliche (dynamische) Begriffe in die Metasprache Eingang finden, ist es mit der absoluten Stringenz vorbei: Wobei dynamischen Begriffen zudem dann eine größere Entwicklungsfähigkeit eignet, wenn ihr Umfang relativ ungenau ist. Mit komparativen und quantitativen Methoden versuchte man der Problematik Herr zu werden: Und wenn auch eine quantitative Bewertung der Hypothesen für deren Beurteilung von großem Vorteil ist, besteht doch weiterhin das Übersetzungsproblem aus dem Qualitativen hin zum Numerischen.

Viktor Kraft zählte zu jenen im Wiener Kreis, die dem Übergang vom Primat der Empirie zu rein sprachlogischen Untersuchungen skeptisch gegenüberstand. Er versucht sich in einem „konstruktiven Empirismus“, wobei er sich von den Letztbegründungsversuchen der Erlanger Schule abgrenzt: Ihm ist es darum zu tun, den realen Wissenschaftsprozess nachzuvollziehen, der in einer Suche nach den invarianten Gemeinsamkeiten verschiedenster Erscheinungen besteht. Dieses Rekonstruktionsverfahren führt zur Entstehung des „Begriffes“, es ist ein Verfahren, das sich weder ausschließlich induktiver oder deduktiver Methoden bedient, sondern – stark an der Wissenschaftspraxis orientiert – den Weg „jenseits von Carnap und Popper“ (Stegmüller) sucht.

Popper geht schließlich – im Gegensatz zu Wittgenstein – davon aus, dass es philosophische Probleme gibt (während Wittgenstein die Aufgabe der Philosophie darin sah, sprachliche Klärungen vorzunehmen, Probleme aber nur im naturwissenschaftlichen Bereich anerkannte), die – und dies ist von Bedeutung, um inhaltsleere Schulstreitigkeiten zu vermeiden – immer einen Bezug zur Realität, zum Leben haben müssen. Popper orientiert sich für seine Lösung des Problems an Kant, der die Frage nach der Möglichkeit von synthetischen Sätzen a priori gestellt hatte2 kommt aber zu einem anderen Ergebnis: Solche Erkenntnisse sind nicht möglich, synthetische Sätze können keine Gewissheit beanspruchen und können bestenfalls (im Sinne einer gedeihlichen Wissenschaft) als „als-ob-gültig“ betrachtet werden, wodurch eine Überprüfbarkeit von Hypothesen möglich wird. Die erkenntnistheoretische Frage als solche wird als empirisches Problem behandelt: Ob ein Verfahren sinnvoll ist zeigt sich an den Wissenschaften selbst.

Der strenge Positivismus des Wiener Kreises betrachtet die theoretischen Sätze als deskriptive Verallgemeinerungen, es sind Zusammenfassungen, die dem Ökonomieprinzip geschuldet sind. Eine solche Auffassung ist zwar logisch konsistent, aber unbefriedigend: Aus dieser Beschreibung können keine Vorhersagen abgeleitet werden, keine Folgerungen gezogen werden. Das ist nur möglich, wenn es sich um allgemein gültige Sätze handelt, die für sich beanspruchen, mehr zu sein als eine bloße Dokumentation dessen, was geschah. Solche Sätze haben logische Implikationen, sie sagen bestimmte Ereignisse voraus, sofern die Antezedenzbedingungen und die postulierte Gesetzmäßigkeit vorliegen – und diese Ableitung ist logisch-deduktiver Natur. Nun stellt sich aber im Wiener Kreis die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Sätzen, einer Sinnhaftigkeit, die nur unter der Voraussetzung gegeben ist, dass es sich dabei um die Darstellung eines Sachverhaltes handelt (das ist ein Wittgensteinscher Gedanke aus dem Tractatus). Allgemeine Sätze entsprechen diesem Sinnkriterium offenkundig nicht – man hat verschiedene Lösungsmöglichkeiten vorgeschlagen: Schlick bezeichnet die allgemeinen Sätze „als Anweisung zur Bildung von Aussagen“, Carnap fundiert die Naturgesetze durch induktive Schlüsse, um dem Vorwurf zu entgehen, dass es sich bei diesen allgemeinen Sätzen um Scheinsätze, Scheinprobleme handelt. Für Popper ist ein solcher Lösungsansatz inakzeptabel: Um den Naturgesetzen ihren vermeintlich metaphysischen Charakter zu nehmen, der sie auf eine Ebene mit Heideggerschen Nonsenssätzen stellen würde, führt er das Abgrenzungskriterium ein. Die sich zuerst anbietende Lösung einer induktiven Fundierung der allgemeinen Sätze ist seit Hume obsolet, solche Sätze sagen immer mehr aus als empirisch überprüft werden kann. Daher geht er von voll- und teilentscheidbaren Sätzen aus: Vollentscheidbar sind einzelne empirische Aussagen, allgemeine Sätze sind hingegen teilentscheidbar, sie unterliegen dem Kriterium der Falsifikation. Allgemeine Sätze über die Welt müssen also scheitern können (dies ist in nuce die Lösung des Abgrenzungsproblems), sie müssen, weil sie Sätze über die Realität sind, durch diese Realität falsifiziert werden können. Mit all dem aber handelt sich Popper ein sehr reales Problem ein: Die Wissenschaftsgeschichte selbst scheint seinem theoretisch-methodologischen Ansatz Hohn zu sprechen, sein Konzept einer Quasiinduktion kann diese Schwierigkeit nicht auflösen (es ist eine Art Treppenwitz der Wissenschaftsgeschichte, dass gerade heute das Baconsche Sammeln von Daten – etwa über den LHC – der Theoriebildung vorangeht).

Genau auf diese wissenschaftshistorische Problemlage hat Thomas S. Kuhn mit seiner „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ aufmerksam gemacht. Nach Oeser besteht für den Popperschen Falsifikationismus eine „Rationalitätslücke“, die sich in der Nichtbeantwortung der Frage „quid facti“ äußert: Popper hat nämlich nirgendwo eine heuristische Methodologie entworfen, er hat einzig Beispiele aus der Wissenschaftsgeschichte für seinen Falsifikationismus herangezogen, darunter die berühmte Überprüfung der Einsteinschen Relativitätstheorie durch Eddington. Eine solche heuristische Methode ist für Popper schon deshalb ein Unding, weil sie ganz offensichtlich nicht ohne das Induktionsprinzip auskommt, dem er seine Anerkennung versagt bzw. in ihr kein verallgemeinerbares methodologisches Konzept erkennen kann. Tatsächlich scheint hier das Feyerabendsche „anything goes“ ein durchaus probates Mittel: Denn ein Forscher wird – wenn er auf logisch-deduktivem Wege nicht weiterkommt, in seiner „heuristischen Verzweiflung“ alles Mögliche versuchen bis hin zu vermeintlich widersinnigen Konzepten. Sobald er sich aber wieder auf einigermaßen sicherem Boden vermutet, wird das phantasievolle Abenteuer der Theoriensuche wieder von pragmatischen Prüfungen abgelöst: Die logische Konsistenz einer Theorie bzw. deren Implikationen werden dann wieder ganz nüchtern auf ihre Konsequenzen untersucht bzw. auf ihre Übereinstimmung mit Voraussagen.

Ist nun tatsächlich eine Logik der Forschung ohne eine Logik der Entdeckung unvollständig? Und handelt es sich wirklich um ein unbegründetes Dogma, das Entdeckungs- und Rechtfertigungszusammenhang trennt? Ich glaube nicht, dass hier – wie Oeser vermutet – eine entscheidende Schwäche des Popperschen Ansatzes liegt, wodurch ein unhaltbarer Psychologismus Einzug gehalten hätte. Denn Popper hat in diesem Zusammenhang auch die induktive Vorgehensweise keineswegs derart konsequent abgelehnt, in der Heuristik hat er – wie Whewell – durchaus die Fruchtbarkeit dieser Methode erkannt, wenngleich sie eben für das „quid iuris“ keine Relevanz haben konnte. Kuhns Inkommensurabilitätspostulat (auf das sich auch Feyerabend und Lakatos stützten) wurde von Gunnar Andersson (hier und hier) eingehend untersucht und zu Recht als Schimäre entlarvt. Wobei diese mit dem Relativismus kokettierenden Ansätze allesamt eine Grundannahme teilen (die sich möglicherweise von den Wittgensteinschen Sprachspielen – zumindest teilweise – herleitet): Dass nämlich zwischen verschiedenen Gruppen keine rationale Kommunikation und Argumentation möglich wäre, eine Annahme, die sich immer wieder als nichtig und unhaltbar herausgestellt hat (Popper hat sie selbst als den „Mythos des Rahmens“ kritisiert). Nach Andersson, den Oeser einzig im Literaturverzeichnis auflistet und im Text nicht weiter berücksichtigt, ist m. E. das Entscheidende zu dieser Problemlage ein für allemal gesagt.

Denn man kann durch die Ersetzung der Theorie etwa durch Lakatos‘ Theorienreihen kaum etwas für das methodologische Vorgehen im Sinne des Rechtfertigungszusammenhanges erwarten, seine Erfindung des „raffinierten“ Falsifikationismus (der einem „naiven“ Poppers überlegen sein soll) scheint einzig eine etwas umständliche Konstatierung der Tatsache, dass auch Widerlegungen fallibel sind, zu sein. Er nimmt für seine Theoriereihen einen „harten Kern“ an, der von den Prüfungen nicht betroffen wird und will durch die interne (logisch-rationale) Rekonstruktion der Theorienentstehung (die durch eine extern-empirische im Sinne Kuhns unterstützt werden soll) auch die Heuristik einbeziehen. Dabei bleibt jedoch immer unklar, was nun den „harten Kern“ einer Theorienreihe ausmacht und warum – wenn denn dieser nicht kritisiert wird – er dann dennoch der Veränderung unterliegt. Popper selbst wusste um die Fallibillität seiner Widerlegungen, er wusste auch um die (willkürliche) Annahme von Basissätzen (die selbst wieder der Kritik unterzogen werden konnten – ad infinitum), aber er brach den Begründungsregress aus pragmatischen Gründen bei diesen Basissätzen ab (ohne dies aber zum Dogma zu erheben), um der tatsächlichen, der historischen Wissenschaft gerecht zu werden. Lakatos‘ Idee, auch den Entdeckungszusammenhang in ein (durch geschichtliche Fakten gestütztes) Schema zu bringen (die erwähnte Rationalitätslücke) ist aber ein Unternehmen, das seinem Anspruch unmöglich gerecht werden kann (ähnlich wie präzise soziologische Prognosen): Man kann hier nur den bescheidenen Aussagen Carnaps zustimmen, der da meint, dass sich derlei „nicht mit einem mechanischen Verfahren oder nach festen Regeln lösen lässt; sie wird durch die Intuition, die Eingebung und das Glück des Wissenschaftlers gelöst“. Auch wenn er sich dabei auf sein eigenes induktives Verfahren bezog, kann dem auch für alle anderen Ansätze nur zugestimmt werden; die erwähnten Imponderabilien sind (neben den selbstverständlichen, rational-logischen Methoden, derer sich jeder Wissenschaftler, jeder, der über ein Problem nachdenkt, automatisch bedient) nicht in ein Prokrustesbett von Regeln zu pressen.

Über Paul Feyerabend und seine stammtischphilosophischen Allüren (die, wenn man sie ernst nimmt – was der Autor selbst nicht immer tut – sich schlicht als nicht ernstzunehmend herausstellen) habe mich anderweitig schon ausgelassen. Mir stellt sich in diesem Zusammenhang eine grundsätzliche Frage: In seinem „Against method“ kämpft er gegen den Methodenzwang, den die Wissenschaftstheorie auf die Naturwissenschaft ausübt bzw. auszuüben die Absicht habe. Nun kenne ich einige Wissenschaftler und kein einziger von ihnen hat jemals auch nur in Ansätzen die Ansicht geäußert, dass er vonseiten der Wissenschaftstheorie bzw. der Philosophie sich einem Zwang ausgesetzt fühle. Man nimmt die wissenschaftstheoretischen Erklärungen einfach zur Kenntnis, vergleicht sie (vielleicht) mit dem eigenen Vorgehen, hält manches (etwa das Kuhnsche Paradigmendenken) für Nonsens, findet anderes (oft ohne Praxisrelevanz) bestenfalls philosophisch interessant. Ich habe den Eindruck, dass die wissenschaftstheoretische Diskussion in Bezug auf ihre tatsächliche Auswirkung gnadenlos überschätzt wird und ich vermute (ebenso ein Erfahrungswert aus Diskussionen mit Philosophen), dass eine solche Beeinflussung wissenschaftlichen Tuns von den allermeisten gar nicht beabsichtigt wird. Wissenschaftstheorie stellt die Frage nach der Möglichkeit von Wissenschaft, es ist eine im Kantschen Sinne transzendentale Frage, ein epistemologisches Problem (kreisend um den Geltungsanspruch von Erkenntnissen), aber sie wird höchst selten als eine logisch-rationale Instruktion für das Betreiben von Forschung verstanden. Primär scheint mir der erkenntnistheoretische Aspekt, aus den Diskussionen mit Wissenschaftlern ergeben sich bestenfalls interessante Fragenkomplexe nach dem Grund des Unterschiedes zwischen Praxis und Theorie, auf der wissenschaftshistorischen (und/oder wissenschaftssoziologischen) Ebene kann man eine solche Unterhaltung über einen größeren geschichtlichen Zeitraum hinweg führen. Dass sich aber Wissenschaftler gegängelt fühlen würden von ihren philosophischen Kollegen scheint eine Mär zu sein (vielleicht von sich wichtig machenden Philosophen in die Welt gesetzt), manche Naturwissenschaftler interessiert der philosophische Aspekt (halten die Ansprüche eventuell für überzogen oder falsch), andere ignorieren ihn völlig; niemand hingegen scheint jenen Methodenzwang je verspürt zu haben, von dem Feyerabend wortreich berichtet (der Zwang, dem Wissenschaftler ausgesetzt sind, speist sich aus anderen Quellen: Früher religiöser Natur, heute sind Ideologien und – vor allem – ökonomische Vorgaben die am stärksten empfundenen Fesseln).

Oesers Darstellung von Feyerabends anarchistischem Ansatz ist recht wohlwollend: Er betont, dass die vielen polemischen Untertöne nicht ernst genommen werden sollten (Feyerabend selbst hat stets Aussagen relativiert: Warum aber tätigt er sie dann? – man kann Strauß zustimmen, der da von der Mentalität eines „kleinbürgerlichen Revoluzzers“ spricht), weist auf die Wichtigkeit der historischen Fallbeispiele hin, auf den Entdeckungszusammenhang (wo man statt der Carnapschen Begriffe von Glück, Eingebung und Intuition durchaus das „anything goes“ verwenden kann), darauf, dass sich in der Geschichte niemand an die (angeblich) peniblen Vorschriften der Falsifikationisten gehalten habe. Aber „Vorschrift“ scheint mir nach dem oben gesagten über den epistemologischen Aspekt der Sache schon viel zu hoch gegriffen: Man braucht einem Wissenschaftler nicht zu erklären, dass eine experimentelle Bestätigung vorläufig ist, dass Experimente an den verschiedensten Umständen scheitern können (und man daher nie genau weiß, warum das Ergebnis so und nicht anders ausgefallen hat), dass er nach Möglichkeit sein Experiment von Fremdeinflüssen abschotten soll und dgl. mehr. Das weiß jemand, der wissenschaftlich tätig ist – und er bedarf für diese Erkenntnis mitnichten einer umfangreichen wissenschaftstheoretischen Literatur. Allerdings gehen Wissenschaftler (ob heute oder in historischen Zeiten) fast immer rational vor (vor allem bei der Interpretation ihrer Forschungen), sie überlegen, schließen, folgern (und bedienen sich unwissentlich dabei eines Logikkalküls, das sie ebenfalls nicht zuvor sich theoretisch aneignen müssen), sie phantasieren im Regelfall nicht vor sich hin (bestenfalls im Stadium der Verzweiflung, wobei nicht auszuschließen ist, dass auch auf diese Weise Erkenntnisse zustande kommen), sondern suchen rational nach Lösungen für ein bestimmtes Problem. Aus all diesen Gründen scheint es sich daher bei den so aufgeregt geführten Auseinandersetzungen um typisch philosophische Streitigkeiten zu handeln (Scheinprobleme?), die unterstellte Praxisrelevanz aber dürfte als gering anzusehen sein.

Für Oeser geht es dabei immer noch um das Schließen der „Rationalitätslücke“ zwischen dem „context of discovery“ und dem „context of justification“. Selbstverständlich sind beide Bereich nicht vollständig zu trennen: Indem man eine Theorie überprüft, erfährt man auch etwas über die Theorie, über Konsequenzen (vermutete und unvermutete), die dann Anlass geben für eine Erweiterung der Theorie oder einen neuen Entwurf. Aber mit diesem Zusammenhang wird im Grunde nur das rationale Verhalten des Wissenschaftlers konstatiert (das in ähnlicher Weise rational ist wie das des Alltagsmenschen, der seine Probleme im Regelfall auch im Sinne von „wenn – dann“ oder „nicht – dann jenes (oder jenes nicht)“ etc. löst, ohne etwas von Aussagen- oder gar Prädikatenlogik in theoretischer Weise zu wissen (die Theorie ist in diesem Fall ohnehin nur eine Verallgemeinerung, eine Abstraktion der zumeist überaus vernünftigen Handlungen des Menschen), die Methode einer Heuristik ist ein rational-deduktives Vorgehen nicht. Popper vergleicht seine Methodologie (die über ein rational-deduktives Verfahren hinausgeht) mit dem Schachspiel: Die Methodologie ist die Strategie, das Logisch-Deduktive die vorgegebenen Regeln. Das aber bedeutet vor allem für den Entdeckungszusammenhang eine größtmögliche Freiheit, die fast an Feyerabends Anarchismus gemahnt: Denn selbst Feyerabend stellt fest, dass „die Bewertung von Ideen keinen irrationalen Einflüssen unterliegen darf“. 3

Problematisch ist hingegen immer wieder der Bezug auf die Wissenschaftsgeschichte (auf den auch Popper schon in der „Logik der Forschung“ hinweist): Denn aus der Geschichte kann man zwar ableiten, auf welche Weise Erfolge erzielt werden konnten, welcher Methoden rationaler oder irrationaler Art man sich bedient hat und man kann (vielleicht) ableiten, welche Methodologie sich besser bewährt hat als eine andere. Auf die Richtigkeit einer Methodologie kann aber aus ihrer historischen Anwendung, auch nicht aus ihren Erfolgen keineswegs geschlossen werden (was etwa Feyerabend mit Galilei zu zeigen versucht: Denn das etwas bei Galilei unter spezifischen historischen Umständen funktioniert hat bedeutet natürlich nicht, dass dies wieder funktionieren würde, es bedeutet noch nicht einmal, ob nicht Galilei eventuell mit einer anderen Herangehensweise sehr viel größeren Erfolg gehabt hätte).

Die Schachspiel-Analogie hat außerdem in wissenschaftsmethodischer Hinsicht einen Haken, auf den Hans Albert hingewiesen hat: Die Regeln, nach den das Spiel betrieben wird, sind auf immer festgelegt und keiner Kritik zugängig, sie sind gegenüber allen Änderungen immun. Deshalb plädiert Albert für einen „technologischen“ Zugang zu diesem Problem: Wissenschaftsmethodologie ist eine Technologie, deren Erfolg sich am Erreichen eines Zieles misst. Die Technologie umfasst dabei sowohl die strategischen als auch die logisch-deduktiven Bereiche – und beide können bzw. müssen bei Bedarf modifiziert werden. In realiter scheinen mir alle diese theoretischen Konzeptionen aber wenig bedeutend zu sein: Ein Wissenschaftler, der eine bestimmte Idee verfolgt, schert sich ganz sicher nicht um wissenschaftstheoretische Vorschriften, die von Philosophen erlassen wurden, er wird sich in seinem Tun auf seine eigene Rationalität, aber auch auf sein Gefühl, auf seine Intuition verlassen und sich um ein logisch-rationales Problem erst später kümmern; anfangs wird er – ohnehin im Sinne Poppers – durchaus abenteuerliche Hypothesen entwickeln und sie auf ihre Fruchtbarkeit hin überprüfen. Ist der Entwurf erfolgreich, kann man sich um logische Inkonsistenzen immer noch bemühen – und wird mit ziemlicher Sicherheit Wege finden, die Konsistenz wiederherzustellen. (Das aber sind Trivialitäten, die jeder Wissenschaftler im Grunde auf diese Weise handhabt, er denkt über das Problem nach, entwirft Lösungsmöglichkeiten und ist sich dessen bewusst, dass er noch nicht alle Konsequenzen seines Ansatzes überblicken kann. Dafür ist auch noch später Zeit.) Auch Oeser spricht in diesem Fall von „pragmatischen Funktionszusammenhängen“, wenn induktive und deduktive Konzepte parallel verwendet werden und er tut – zumindest in Hinsicht auf die ars inveniendi – nichts anderes, als die aristotelischen Ausführungen zu wiederholen. Von einzelnen Beobachtungen zu allgemeinen Hypothesen – wobei sich die Frage nach der endgültigen Wahrheit der Entwürfe überhaupt nicht stellt. Wenn sich das allgemeine Gesetz immer wieder bewährt, wird man es (vorläufig) anerkennen, ansonsten eine andere Hypothese zu finden versuchen. Formalen Vorschriften gehorcht die ars inveniendi aber mitnichten (von der selbstverständlichen Logik – wie oben erwähnt – einmal abgesehen). Ein typisches Beispiel aus der Forschungspraxis ist Keplers Suche nach einer adäquaten mathematischen Beschreibung der Planetenbahnen: Die Ellipsen waren keine vom Himmel gefallenen Erleuchtungen (denn er wusste – im Gegensatz zu Newton – nicht, warum diese Bahnen genau so und nicht anders aussahen), sondern das Ergebnis unzähliger Versuche, Kepler hat ausprobiert, nachgedacht – verworfen, er hat aufgrund der sich als fehlerhaft herausstellenden mathematischen Konstruktionen neue entworfen, völlig ohne ein heuristisches Konzept. Manchmal ist ein solches Tun von Erfolg gekrönt – viel öfter nicht (und dann pflegt man den Namen des Erfolglosen zumeist nicht zu kennen, die Geschichte überliefert nur die Namen der Sieger) und es bildet die Grundlage für den nächsten in der Reihe, der vom wie zum warum schreitet und damit zum Gravitationsgesetz. Gerade Keplers Versuch-Irrtum-Methode scheint aber typisch für den Forscher, der für seine Daten eine allgemeine Formel, ein Gesetz sucht und dabei – methodologisch unbeleckt – alles Mögliche ausprobiert.

Zum Abschluss stellt Oeser eine naturalistisch gewendete Wissenschaftstheorie, eine evolutionäre Wissenschaftstheorie vor, wobei es ihm hier nicht um eine bloße Theoriendynamik zu tun ist, sondern um die Evolution der wissenschaftlichen Methode – als eine Art Selbstüberschreitung eines kognitiven Mechanismus, der ursprünglich dem Menschen einzig zum Überleben diente. Daraus folgt ein instrumenteller Wahrheitsbegriff: „Nicht die richtigen Abbilder der Umwelt sind nötig, sondern die richtigen Reaktionen“. Allerdings folgt aus der dem Realismus geschuldeten Annahme einer realen Außenwelt, dass die Reaktionen nicht umweltunabhängig sind und dass die „Richtigkeit der Reaktion“ auf ein weitgehend entsprechend „richtiges“ Abbild der Umwelt schließen lässt. (Es scheint nicht plausibel, dass falsche Abbilder zu richtigen Reaktionen führen würden, sehr viel eher ist eine spezifische Selektion der Umwelteindrücke unabdingbar.) Das Gleiche gilt für die Wissenschaft als eine Art Überlebensmaschinerie zweiter Ordnung: Ihr Erfolg (der bisherige Erfolg für die Vermehrung des Menschen, der der Naturwissenschaft geschuldet ist) ist ihre (instrumentelle) „Wahrheit“. (Ob diese „In-eins-Setzung“ von Erfolg und Wahrheit nicht eine Schimäre ist bzw. eine Frage des Blickwinkels: Etwas ist wahr, weil erfolgreich (für das Überleben), oder erfolgreich und deshalb wahr. Die Crux dieser Gleichsetzung scheint in einer Definition von Wahrheit zu liegen: Definiere ich die Wahrheit im Sinne der Adäquationstheorie, so ist der Erfolg kein Kriterium. Allerdings verlagert sich die Diskussion dann überhaupt in Richtung „Wahrheitskriterium“ und weg von der „Wahrheitsdefinition“.)

Wenn Oeser nachfolgend die evolutionäre Erkenntnistheorie Poppers vorstellt (die sich von der ansonsten als EE bezeichneten Theorie in einigen Bereichen unterscheidet) und ihn zitiert, wird (unabsichtlich?!) genau dieses Problem thematisiert. Popper schreibt, dass die tüchtigste Hypothese nicht immer die ist, die am meisten zu unserem Überleben beiträgt, „sondern das Problem am besten löst und unserer Kritik am besten standhält. Ist das Problem ein rein theoretisches, […] so steht die Kritik unter der regulativen Idee der Wahrheit oder der Annäherung an die Wahrheit, nicht der unseres Überlebens.“ Damit ist Erfolg eben nicht mit Wahrheit gleichzusetzen und wir können auf die Tarskische Wahrheitsdefinition offenbar nicht ganz verzichten. Poppers sich an Darwin orientierende Erkenntnistheorie ist ohnehin eine erst späte Frucht seines Denkens: Im „Elend des Historizismus“ äußert er sich eher despektierlich über Evolution, in den „Ausgangspunkten“ nimmt er diese Kritik dann teilweise zurück. Dies aber bedeutet, dass die „Logik der Forschung“ als auch „Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie“ ihre evolutionäre Note zum Großteil erst durch nachträglich eingefügte Anhänge erhalten haben. Bei Oeser ist von so einem Prozess im popperschen Denken wenig zu spüren, er lässt Popper teilweise zum Urvater der evolutionären Erkenntnistheorie werden. Auch halte ich Poppers (und Oesers) Kantrezeption für eine teilweise Missinterpretation dessen, worum es Kant zu tun war: Wie oben erwähnt stand für Kant niemals die Tatsache der synthetischen Erkenntnis a priori in Frage, sein System will gerade dieses Phänomen erklären und es in weiterer Folge auf die Metaphysik anwenden. Dadurch scheint es zweifelhaft, ob das phylogenetische A priori der evolutionären Erkenntnistheorie die Zustimmung des Königsbergers gefunden hätte, weil dieses zwar den A-priori-Status erfüllt, nicht aber die Kant nicht minder wichtige Notwendigkeit. Das phylogenetische A-priori ist ein Zufallsprodukt, es ist opportunistisch im Sinne des Erfolgs bzw. des Überlebens und es kann nirgendwo den Anspruch auf Wahrheit oder Gewissheit erheben – alles Dinge, die für Kants synthetische Erkenntnisse a priori konstituierend sind.

Popper hat schließlich in seinen letzten Ausführungen zu diesem Thema eine Art von „konjekturalem Apriorismus“ vertreten, der alles Wissen durch einen die Welt abtastenden, von der Methode von Versuch und Irrtum geprägten Verstand schafft. Er verglich den Forscher mit einem schwarzen Mann, der in einem völlig dunklen Raum nach einem schwarzen Hut sucht und durch den (oft schmerzhaften) Kontakt mit der Wirklichkeit etwas über dieselbe lernt. Diese radikale Position scheint aber übertrieben (wie auch Oeser feststellt), wir sind durchaus nicht so blind wie Popper annimmt, sondern sehen aufgrund unseres genetischen Aprioris einiges, wir machen unsere Erfahrungen nicht blind, sondern können auf eine in dieser Welt gewachsene menschlich-genetische Struktur zurückgreifen, die uns die Orientierung in dem vermeintlich lichtlosen Raum ermöglicht. Wie das Beispiel Kepler zeigt gibt es eine Wechselwirkung von „konjekturalem Apriori“ und einer Datensammlung, die keineswegs „blind“ erfolgt. (Ähnlich ist es in der Hochenergiephysik, in der durch bewusste Versuchsanordnungen „theoriebesetzte“ Daten gesammelt werden, häufig aber völlig Unerwartetes zutage tritt und dann (mathematisch) interpretiert wird.) Poppers Anti-Induktivismus führt ihn im Alter zu einer unhaltbaren Position, die den Rückkoppelungsprozess von Erfahrung und Theoriebildung einseitig zugunsten der Theorie entscheidet (obwohl es sich hier im Grunde um eine Henne-Ei-Problem handelt: Ein Blick auf die chemische Evolution, auf die ersten Lebensformen müsste den Apriori-Erkenntnistheoretiker eines Besseren belehren: Denn wenn überhaupt „beginnt“ es mit einer Erfahrung, eine zufällig entstandene Entität wird mit dieser Außenwelt konfrontiert und reagiert).

Im letzten Teil unternimmt es Oeser noch einmal, dem Popperschen Ansatz als auch die EE mit Kant zu versöhnen: Dass dieses möglich ist steht außer Zweifel, ob es aber auch notwendig ist, will sich mir nicht erschließen. Selbstverständlich hat Kant als erster auf die transzendentale Problematik hingewiesen, hat die Wichtigkeit des Subjekts für die Erkenntnisgewinnung betont und selbstverständlich lassen sich Anschauungsformen und Kategorien als phylogenetisch gewachsen interpretieren. Und Lockes Satz (der von Kant weitgehend akzeptiert wurde), dass „nichts im Verstand sei, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre“ lässt sich angesichts des aktuellen biologischen Erkenntnisstands unterschreiben (wenn denn auch die Sinnesempfindungen nicht in dem Maße ungeordnet sind, wie das Kant vermutet hat). Oeser formt aus all dem einen stufenförmige Erkenntnisprozess, in dem die theoretische Vernunftebene (und insbesondere die Bildung wissenschaftlicher Hypothesen) die höchste Hierarchie darstellen. Aber Kant – wenn sich auch bei ihm zahlreiche Ansätze für eine evolutionäre Betrachtung finden – wollte etwas anderes zeigen: Vor allem wollte er eine Methode vorstellen, wie denn Metaphysik möglich sei – und er dachte nicht daran, von Allgemeingültigkeit oder Notwendigkeit der Erkenntnis Abstriche zu machen.

Oeser versucht schließlich, die Wissenschaftstheorie mit der Wissenschaftsgeschichte zu versöhnen, indem er diese Geschichte unter einem methodologischen Gesichtspunkt betrachtet. Dadurch probiert er die von ihm als störend empfundene Rationalitätslücke zu schließen und auch die Heuristik in die Wissenschaftstheorie miteinzubeziehen. Der von ihm dargestellten Struktur (die Popper wohl einiges Bauchweh beschert hätte) kann durchaus zugestimmt werden: Induktion und Analogie werden als Verfahren der Hypothesenbildung angesehen, Konstruktion als Mittel der Theoriebildung, Deduktion als die logische Ableitung von Erklärungen vergangener und zur Prognose zukünftiger Ereignisse, reduktive empirische Verfahren zur Überprüfung (Falsifikation) 4. Analog dem Comteschen Drei-Stadien-Gesetz und angeregt durch Spencers Kritik desselben kommt Oeser zu einer dreistufigen Methodenentwicklung: Als erstes Stadium betrachtet er die simple enumerative Induktion, wobei er dafür als (treffendes) Beispiel die babylonische Astronomie anführt. Aber schon eine derartige Enumeration setzt das Induktionsprinzip voraus (und ist insofern semitheoretisch), es geht von der Gleichförmigkeit der Naturprozesse aus. Das zweite Stadium wird durch eine Theoriebildung eingeleitet, durch eine Art von „Superinduktion“ (Whewell), das dritte durch die Ausbildung einer formalanalytischen Methode der Deduktion, die nun Prognosen und Erklärungen ermöglicht, wodurch sich das Schwergewicht von der induktiv-konstruktiven Seite zur deduktiv-axiomatisch-prognostischen verlagert.

Die verschiedenen Wissenschaften sind nun in unterschiedlicher Weise diesen drei Stadien zugängig: Die Mathematik erreichte als erste die dritte Stufe, Physik, Chemie und mit Abstrichen die Biologie folgten ihr, während die Soziologie dem dritten Stadium wahrscheinlich nie ganz genügen wird können. Schon in der Physik ist bei der Theoriebildung eine zunehmende Entfernung von der rein induktiven Methode zu erkennen: Die Einsteinschen Begriffe sind in der bloßen Erfahrung nicht mehr verankert. Alle Methodologie aber beruht auf einem sich „selbst kontrollierenden und korrigierenden Erkenntnisprozess“. Und diese „in der Wissenschaftsgeschichte herausgebildete, methodologische Grundstruktur ist nur eine idealisierte Abstraktion, die nicht dem individuellen Träger, sondern nur dem System der Wissenschaft zukommt“.

Alle diese Schlussfolgerung können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rationalitätslücke nach wie vor besteht. Oeser verwendet die Wissenschaftsgeschichte, um zu einer methodologischen Heuristik zu gelangen, die aber nirgendwo in eine streng formale Struktur gebracht werden kann. Sein diesbezüglich rein deskriptiver Ansatz mag plausibel sein, er mag auch weitgehend der tatsächlichen Wissenschaftsgeschichte entsprechen (und dadurch den Beweis erbringen, dass Wissenschaft bzw. die mit ihr Befassten stets rational handelten), aber er stellt keine methodische Heuristik dar. Quid facti und quid iuris bleiben methodologisch so weit entfernt wie zuvor: Nur der Geltungsanspruch kann logisch-formal überprüft (bzw. falsifiziert) werden, die ars inveniendi ist zwar durchaus rational (wie es das Verhalten aller Menschen ist, wenn sie sich mit einem Vorhaben beschäftigen), aber in vielen bzw. den entscheidenden Bereichen durch die Carnapschen Begriffe der Intuition, der Eingebung und des Glückes definiert, die ihrerseits methodologisch nicht fassbar sind.

Das Buch ist reich an Anregungen, voller faszinierender Gedanken und – wenn man sich die nötige Zeit nimmt – auch verständlich geschrieben. Allerdings würde ich es einem philosophischen Einsteiger nicht empfehlen, ohne einiges wissenschaftstheoretisches Grundwissen würde wohl vieles unverstanden bleiben. Und es ist in manchen seiner Schlussfolgerungen fragwürdig, noch öfter aber ein wenig unvollständig: Immer wieder habe ich auf die Angabe von Gründen für bestimmte Annahmen gewartet, musste mich aber mit bloßen Beschreibungen zufriedengeben. Trotzdem ein wertvolles und empfehlenswertes Buch zum Thema.


1) Allerdings war auch Bacon kein reiner Induktivist wie oft suggeriert: Hans Lenk weist auf Bacons Bild von der „Biene“ hin (im Gegensatz zur rein induktivistischen Ameise und dem dogmatischen Rationalismus der Spinne, die ihr Netz aus sich selbst hervorbringt). Der Wissenschaftler sammelt, nimmt Materialien auf und verarbeitet sie unter genetisch fixierten Gesichtspunkten. Das Ergebnis ist ein zuinnerst interaktiver Wechselwirkungs- und ineinander geschachtelter Produktionsprozess, bei dem Welt und Organismus unerlässlich und unabtrennbar ineinander- und miteinanderwirken. (Lenk, Erkenntnistheorie, S. 11)

2) Eigentlich stehen Popper und Kant nicht vor dem gleichen Problem: Denn für Kant war es keineswegs zweifelhaft, dass solche Erkenntnisse (die er – wissenschaftshistorisch betrachtet nicht unberechtigt – in der Newtonschen Physik realisiert sah) existieren. Kant suchte nach der Antwort, wie eine solche absolute Geltung von synthetischen Sätzen möglich sei, dass sie es seien unterlag für ihn keinem Zweifel. Gerade aber diese vorausgesetzte Geltungsfrage war für Wissenschaftshistoriker des 20. Jahrhunderts (und für Popper ins besonders) keine unantastbare Wahrheit: Und indem die Geltung angezweifelt wurde, war auch der A-Priori-Ansatz obsolet geworden.

3) Das ist im Grunde natürlich typisch für Feyerabends Allerweltphantasie: Denn in „Against Method“ lassen sich solche widersprüchlichen Aussagen in Mengen finden – wie etwa auch die Aufforderung, auf Rationalität völlig zu verzichten, andererseits aber auch Sätze wie den oben zitierten. Das ist ein Grund (unter vielen), warum man ihn nicht ernst nehmen kann.

4) Wer von den theoretischen Termini abstrahiert wird in all dem das übliche Verfahren von Wissenschaftlern erkennen, derer sie sich in unterschiedlich starkem Ausmaß bedient haben. Es ist nicht eigentlich eine Methodologie, sondern das erkenntnistheoretische Verfahren des Menschen (nicht nur des Wissenschaftlers), das auf rationalen Überlegungen beruht.


Erhard Oeser: Popper, der Wiener Kreis und die Folgen. Wien: Facultas 1999.

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