Heinrich Christian Boie / Luise Justine Mejer: Briefwechsel 1776 – 1786. Band 4: Kommentar

Ich habe schon bei der Vorstellung des ersten Bands dieses Briefwechsels mein Bedauern darüber ausgedrückt, dass der Wallstein-Verlag in dieser Edition von seinem gewohnten Konzept abgewichen ist und für einmal die Anmerkungen zu jeden einzelnen Brief in einen separaten Band verbannt hat. Briefe, liebe Verleger, liebe Herausgeber, sind ja meist nicht Abhandlungen, die sich über Dutzende oder gar Hunderte von Seiten hinziehn. Aber Briefe sind in vielen Fällen voll von Anspielungen auf private Dinge oder Beziehungen, oft auch in einer mehr oder weniger durchsichtigen Privatsprache abgefasst. Da möchte der Leser gern Aufklärung unmittelbar im Anschluss an jeden Brief. Und er möchte dazu nicht jedesmal ein zweites dickes Buch öffnen müssen, um dort nachzublättern. Schade, dass Ulrich Joost, der das in seinen eigenen Ausgaben anders gehandhabt hat, und der hier als eine Art Grauer Eminzenz im Hintergrunde aufgeführt wird, nicht seinen Finger drauf gehalten hat. Dass man im Sachregister gewisse Begriffe nicht findet, weil die Herausgeberin, Regina Nörtemann, Wortzusammensetzungen trennt und nur den zweiten Begriff erklärt, habe ich ebenfalls schon (in meiner Vorstellung von Band 3) moniert. Vielleicht lassen sich ja beide Fehler in einer künftigen Neuausgabe korrigieren?

Dann ansonsten gibt es wenig zu kritisieren – weder an der eigentlichen Edition noch am Nachwort. Nörtemann liefert z.B. eine schöne Rekonstruktion des Streites zwischen Voß einerseits, den Göttinger Professoren Heyne und Lichtenberg andererseits, der sich über längere Zeit austobte und in dem Boie seinen Schwager Voß immer wieder seine Zeitschrift Das Deutsche Museum zur Verfügung stellte, obwohl ihm von allen Seiten angeraten worden war, Voß endlich zum Schweigen zu mahnen. Nörtemann liefert dem interessierten Leser in ihrem Nachwort Einblicke in die Beiträge der Streithammel. Dass Boie, harmoniebedürftig wie er war, nicht gegen Voß zu remonstrieren wagte und er sich so vom Regen in die Traufe begab, macht sie schön geltend. Dass zum ein Jahr später ausgebrochenen und sich um Ähnliches handelnden Streit zwischen den beiden Stolbergen und Lichtenberg / Heyne diese Materialien fehlen, ist dann aber wieder bedauerlich. Ich hätte dafür gern den Stammbaum der Familien Boie und Mejer geopfert, ebenso die Konkordanz zur Briefedition von Ilse Schreiber (1963).

Alles in allem ein verdienstvolles Werk, das einen guten Einblick in die gebildet-bürgerliche Existenz zur Goethe-Zeit liefert. Für einmal aber – ungewohnt für den Wallstein-Verlag – verbesserungsfähig.

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