Jules Verne: Die Jangada. 800 Meilen auf dem Amazonas

1881 entstanden, also 10 bis 20 Jahre nach den Romanen, für die Verne heute bekannt ist, teilt Die Jangada mit einigen davon Vernes Faszination durch Zahlen – ob möglichst gross (20’000 Meilen unter dem Meer 1869, 5 Wochen im Ballon 1863), oder möglichst klein (In 80 Tagen um die Welt 1873). Hier also nun im Untertitel 800 Meilen auf dem Amazonas, wo auch der Fluss selber implizit ein Beispiel unerhörter Grösse ist, nennt ihr doch der Erzähler den längsten Fluss der Erde.

Der Roman kommt ohne die Elemente von Science Fiction oder Phantastik aus, für die Verne bekannt ist. Am nächsten kommen wir ihm mit der Bezeichnung ‘Abenteuerroman’, aber selbst das stimmt nur bedingt; auch ‘Kriminalroman’ würde nicht übel passen. Der Bösewicht taucht gleich auf der allerersten Seite auf, allerdings nur, um schon im Band I, 3. Kapitel (S. 29 meiner Ausgabe), wieder zu verschwinden. Erst in Kapitel 13 von Band I (S. 143) schliesst er sich der Reisegruppe um die Familie Garral an; bereits in Kapitel 6 von Band II (S. 286) wird er von Garral jr. im Duell getötet – von da an geht es noch fast 150 Seiten, bis der Roman auf S. 427 ein Ende findet. Dieser Bösewicht spielt also für sowohl für einen Abenteuer- wie für einen Kriminalroman eine aussergewöhnlich untergeordnete Rolle.

Das Gleiche gilt für den im Untertitel so prominent genannten Fluss Amazonas. Verne spickt zwar seinen Roman mit Wissensbrocken, die er wohl zeitgenössischen Lexika entnommen hat und Reiseberichten. So werden Alexander von Humboldt und sein Gefährte Aimé Bonpland mehrfach namentlich genannt, wenn Verne über Land und Leute referiert. Aber eine tragende Rolle spielt der Amazonas nur in dem Sinne, dass er tatsächlich das Floss stromabwärts trägt, auf dem die Familie Garral reist. Auch von den 800 Meilen merkt der Leser eigentlich nichts.

Last but not least die Jangada. Heute versteht man unter dem Schiffstyp der ‘Jangada’ hochseetüchtige, flossartig gebaute Segelboote, wie sie die Fischer an der Küste Nordost-Brasiliens verwenden. Jules Vernes Jangada hat keine Segel, wird auch nicht für die Hochseeschifffahrt verwendet. Sie ist ein riesiges Floss, das den Amazonas herunter gestakt wird, von der Grenze Brasiliens zu Peru bis Manaus. (Weiter geht die Reise nicht.) Das Floss bietet der ganzen Familie Garral Platz: Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Auch der Verlobte der Tochter reist mit. Diese Familie ist bequem in einem mehrstöckigen Haus auf dem Floss untergebracht. Der mitreisende Pfarrer der kleinen Siedlung, die Garral senior am Amazonas sein eigen nennen darf, hat sein eigenes kleines Häuschen und eine kleine Kapelle, in der er Gottesdienste abhält. Die Leibbediensteten der Familie sind bei dieser untergebracht; der Steuermann scheint Tag und Nacht im Dienst zu sein und keine Schlafstelle zu brauchen; die Unterkünfte für die Schwarzen, die das Schiff mit Stangen den Fluss hinunter steuern (rund 50 Personen) werden aber erwähnt. Als der Bösewicht später zur Reisegruppe stösst, findet sich für ihn auch noch ein eigenes Häuschen. Auf Vernes Jangada kann man problemlos spazieren gehen und auch die Einsamkeit suchen, so gross ist sie.

Über weite Strecken bietet der Roman reine Wissensvermittlung; alles, was sich Verne angelesen hat, wird 1:1 weitergegeben. Die eigentliche Handlung verschwindet dahinter. Lange, fast den ganzen Band I hindurch, liest sich das Buch sogar eher wie eine Schilderung eines biedermeierlichen Familienidylls. Dann greift der Bösewicht kurz ein, wird kurz umgebracht, und der Rest des Romans handelt davon, wie eine Schrift, die Garral sr. vom Vorwurf des Diamantenraubs und Mords entlasten würde, zuerst gefunden, dann entziffert werden muss, da der eigentliche Täter vor seinem Tod sein Geständnis nur schriftlich und dazu noch verschlüsselt hinterlegt hat. Auch hier folgen längere Ausführungen über die Verschlüsselungstechniken der Zeit; die eigentliche Verschlüsselungsmethode des Geständnisses hat Verne dann – er nennt ihn auch ganz offen – Edgar Allan Poe abgeschaut. (Dass das Dokument seltsamerweise auf Französisch abgefasst ist – wie der Untersuchungsrichter sogar zugibt –, obwohl der Delinquent auf Grund seines sozialen Status kaum eine Fremdsprache gesprochen haben wird, gehört zu den Kuriosa des Romans.)

Trotz einiger kompositorischer Schwächen und der Tatsache, dass ein grosser Teil des Inhalts aus anderen Autoren importiert wurde, ist der Text auch heute noch lesenswert. Er wurde letztes Jahr in der Anderen Bibliothek auf Deutsch neu aufgelegt. Man hat dazu die bisher einzige, von einem unbekannten Verfasser erstellte Übersetzung aus dem Jahr 1882 leicht modernisiert. Der Ausgabe wurden sämtliche Illustrationen der französischen Prachtausgabe von 1901 beigegeben. Diese passen vom Stil her ganz gut zur altertümlichen Stimmung, die Roman und Übersetzung im 21. Jahrhundert verströmen. Zu bedauern ist, dass dem Buch weder ein Inhaltsverzeichnis beigegeben wurde, noch ein Vor- oder Nachwort zu Genese und Rezeption des Textes.

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