Karl R. Popper: Die Welt des Parmenides

Dieses Buch ist erst einige Jahre nach dem Tod Poppers erschienen und versammelt seine Schriften zu den Vorsokratikern (insbesondere zu Parmenides) bzw. zur griechischen Philosophie im allgemeinen. Ob man ihm damit etwas Gutes getan hat, lässt sich nach der Lektüre allerdings mehr als bezweifeln: Es handelt sich hier um eine äußerst unbefriedigende Zusammenstellung von Texten, die so von Popper selbst wohl nicht herausgegeben worden wären.

Der erste Beitrag “Zurück zu den Vorsokratikern” ist die Niederschrift einer Ansprache von 1958. Hier werden die für Popper typischen Themen angesprochen, vor allem sein Lob des Xenophanes, der als erstes von einer zwar existenten, aber für den Forschenden nie mit Gewissheit zu erreichenden Wahrheit gesprochen hat (alles bleibt nur Vermutung und selbst wenn wir die Wahrheit sprächen – wissen könnten wir es nicht). Dieses Zitat findet sich auch in allen anderen Buchkapiteln (und in zahlreichen weiteren Werken Poppers). Die nachfolgenden vier Kapitel sind allesamt Parmenides und seinem Lehrgedicht von der Suche nach der Wahrheit gewidmet: Im ersten Teil eröffnet die Göttin (wahrscheinlich Dike) dem Philosophen den wahren, echten Weg zur Wahrheit, der nur über das Denken, die Rationalität führt, im zweiten wird der falsche, trügerische Weg der Sinne beschrieben, den Parmenides selbst zuvor beschritten hatte. Dessen rationalistisches Argument ist bekannt: Nur was tatsächlich existiert, existiert. Daher kann das Nichts nicht existieren, woraus folgt, dass es auch keinen leeren Raum gibt. Dieser aber wäre unabdingbar, um Bewegung und Veränderung zu gewährleisten. Daher müssen Bewegung, Veränderung ein bloßer Schein sein, der sich unseren trügerischen Sinnen präsentiert.

Die Interpretationen Poppers sind interessant, wohl auch kreativ, wobei er Parmenides eng mit Xenophanes bzw. Heraklit verbunden sieht (als einen Antagonisten Heraklits). Und er sieht in Parmenides einen Kosmologen, der durch seinen rationalistischen Angriff auf die Sinne den Widerspruch von Leukipp und Demokrit herausgefordert und damit eine neue Art der Physik begründet habe (die Atomisten drehen den Spieß um und schließen: Es gibt (offenkundig) Bewegung. Also muss es auch das Leere geben. Etc.) Über diese Auslegungen gäbe es so manches zu sagen (und zu streiten, da alle Texte der Vorsokratiker ja nur fragmentarisch überliefert sind) und so ist auch Popper bemüht, für seine Interpretationen (manchmal recht verzweifelt anmutend) Belege zu finden. Nun war Popper ohnehin ein weinerlich-rechthaberischer Charakter, der auf die von ihm so gepriesene Kritik keineswegs immer mit großer Unvoreingenommenheit reagierte: In diesem Buch aber (vielleicht weil erstmals nicht von seiner zuvor verstorbenen Frau bzw. ihm selbst korrekturgelesen) wird diese penetrante Selbstgefälligkeit auf die Spitze getrieben. Alles und jedes wird aufgeboten zur Unterstützung (selbst dubiose “Fehler” in der Überlieferung und zweifelhafte Etymologien werden bemüht, auf die sogar in den Endnoten vom Herausgeber bzw. Übersetzer ein wenig peinlich berührt hingewiesen wird nebst der Feststellung, dass es für die von Sir Karl vertretenen Ansichten nur ungenügende Beweise gäbe), selbstherrlich und intransigent meint er, alle Weisheit der Welt gepachtet zu haben. Zudem sind die vier Parmenides-Stücke eine fortgesetzte Wiederholung (vieles findet sich wortwörtlich zwei-, drei-, viermal), wodurch der Text auf den Leser von Mal zu Mal unangenehmer wirkt.

Vollends fragwürdig ist schließlich der (stark erweiterte) Text einer Eröffnungsansprache eines Kolloquiums über die Philosophie der Naturwissenschaften (ursprünglich von 1965). Popper erklärt hier die Quantenphysik, die Relativitätstheorie, widerlegt den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und zeigt, dass die meisten Wissenschaftler von Boltzmann über Mach, Einstein, Schrödinger, Bohr, Heisenberg und Born die entscheidenden Dinge übersehen haben. Das klingt dann folgendermaßen (etwa in Bezug auf die elektromagnetische Theorie der Materie): “[…] Auch Dirac glaubt lange Zeit an sie [die Theorie]. Sie war ein selbstverständlicher Bestandteil der Kopenhager Erklärung. – Aber seltsam genug, diese herrschende Theorie wurde schon vor langem zerstört, ohne daß jemand von ihrer Zerstörung Kenntnis genommen hätte.” Die Ursache für die “Zerstörung” sei die wachsende Zahl der Elementarteilchen gewesen, wodurch “qualitativer” Wandel offenbar geworden sei – und der Grund für die Tatsache, dass ihr Verschwinden nicht diskutiert worden ist, sei das Fehlen einer parmenidischen Verteidigungsmöglichkeit gewesen. Usf. Ich will das Gesagte nicht kommentieren (bzw. die Richtigkeit überprüfen), offenkundig aber scheint sich hier jemand im Besitze einer Wahrheit zu fühlen, die nur von wenigen geteilt werden dürfte. (Der Übersetzer lässt sich in einer Endnote etwa zu Poppers Ausführungen bezüglich des Entropiegesetzes folgendermaßen vernehmen: “Es ist mir nicht ganz verständlich, warum Popper sich so sehr bemüht, mit einer Reihe von Gedankenexperimenten den Leser von der grundsätzlichen Falschheit des empirischen Entropiegesetzes zu überzeugen”. Und erklärt dann dezent auf zwei Seiten die tatsächlichen Aussagen dieses Gesetzes und Poppers mehr als fragwürdige Ansichten dazu.)

Ich kann nicht nachvollziehen, warum dieses Buch – in dieser Form – herausgegeben wurde: Unzählige Wiederholungen, peinliche Argumentationen und ein penetrant rechthaberischer Schreibstil, der beim Leser Widerwillen erwecken muss. Ich schreibe das als ein Verteidiger des Kritischen Rationalismus, als jemand, der die Ansätze dieser Philosophie sowohl in wissenschaftstheoretischer als auch in politisch-sozialer Hinsicht als fruchtbar und anregend empfindet. Hier aber wurde Schindluder getrieben (auch wenn die Herausgabe – wie im Vorwort erwähnt – dieser Fragmente dem Wunsch Poppers entsprochen hat); derlei mag in einer kommentierten Gesamtausgabe Platz finden, nicht aber in einem Buch, das die Vorsokratiker zu behandeln und ein eigenständiges Werk zu sein vorgibt. Poppers oft wehleidig-rechthaberische Art ist auch in anderen Büchern spürbar (so in den unzähligen Nachträgen zu seiner Logik der Forschung, die den Umfang des ursprünglichen Werkes übertreffen und – so nebenbei (etwa in Bezug auf die “Wahrheitsähnlichkeit”) – keineswegs für mehr Klarheit sorgten, sondern eher den verzweifelten Kampf um unhaltbare Positionen demonstrierten). Hier ist das alles auf die Spitze getrieben und wirkt nur noch peinlich: Dieses Buch hätte man sich (und Popper – und dem Leser) ersparen sollen.


Karl R. Popper: Die Welt des Parmenides. München: Piper 2001.

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