Claude Mossé: Der Prozeß des Sokrates

Claude Mossé ist eine mir bislang unbekannte, französische Althistorikerin, die sich in diesem Buch mit dem wohl berühmtesten Prozess der Geschichte auseinandersetzt. Und sie tut dies auf äußerst profunde und lesenswerte Weise, von den zahlreichen zu diesem Fall erschienenen Büchern gehört dieses hier zu den besten.

Das liegt zum einen an der fachlichen Kompetenz der Autorin, ihrer Kenntnis der athenischen Demokratie, der politischen Umstände nach dem peloponnesischen Krieg. Denn diese Vorgeschichte ist mit dem Prozess des Sokrates untrennbar verbunden, die Kämpfe zwischen der demokratischen und der oligarchischen Fraktion bzw. mit der kurz vor dem Prozess erfolgten endgültigen Niederlage gegen die Spartaner. Ohne eine Analyse des für unsere Augen etwas seltsamen Rechtssystemes (aber immerhin gab es ein solches – bei allen Mängeln) bleibt nur der Tod eines Gerechten für seine Prinzipien, die Hintergründe hingegen machen den Vorgang zumindest verständlicher, wenn sie ihn auch nicht zu entschuldigen vermögen.

Mossé bedient sich jener Quellen, die für den Prozess als auch das Leben des Sokrates (in mitunter widersprüchlicher Weise) von Bedeutung sind: Die Platonischen Dialoge und die Ausführungen des Xenophon. Grosso modo folgt sie hier den überkommenen Interpretationen, die dem platonischen Sokrates ein mehr an Authentizität zuzusprechen geneigt sind, während die xenophontische Darstellung als ein wenig zu bieder und naiv angesehen wird. Allerdings ist sie um eine Nuancierung dieser Bewertungen bemüht (gerade der platonische Sokrates muss ja häufig als ein Sprachrohr der platonische Philosophie herhalten – insbesondere in den späteren Dialogen) und so müssen beide Quellen mit entsprechender Vorsicht gehandhabt werden (ebenso die aristophanische Aufbereitung des Sokrates in den “Wolken”, die aber gerade für den Prozess von Bedeutung ist: Weil sie ein Bild des Sokrates transportiert, wie es wenigstens teilweise auch von den 500 Geschworenen gesehen worden sein dürfte).

Der Ausgang ist bekannt: Nach der Verurteilung darf sich der Angeklagte noch einmal zu den Vorwürfen äußern – und er erzürnt durch seine Uneinsichtigkeit (Aufrichtigkeit?) seine Richter, weshalb das Strafmaß schließlich auf Tod lautet. Tatsächlich sind ähnliche Urteile häufig nicht vollzogen worden, man rechnete damit, dass der Delinquent sich durch Flucht entzieht, was Sokrates mit den bekannten Argumenten aus der Apologie von sich weist. Erst durch diesen Tod wird die Figur des Sokrates zu dem die Geschichte überdauernden Mythos, er wird zum Märtyrer für die gerechte Sache und von den unterschiedlichsten Gruppen vereinnahmt – als Kämpfer gegen Staats- und Justizwillkür oder als Vorläufer eines rund 430 Jahre später zum Tode verurteilten Jesus von Nazareth (er hätte sich wohl gegen beide Auslegungen verwahrt). – Eine gelungene und gediegene Aufbereitung des wohl bekanntesten Todesurteils der Geschichte.


Claude Mossé: Der Prozeß des Sokrates. Hintermänner, Motive, Auswirkungen. Freiburg, Basel, Wien: Herder 1999.

Zum Hören:
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