Ob es je einen Autor namens Äsop gegeben hat, wissen wir nicht. Historisch nachweisbar ist er nicht. Es gibt einen so genannten Äsop-Roman ( Buch des Philosophen Xanthos und seines Sklaven Aisopos), der eine fiktive Biografie eines Sklaven liefert, der sehr hässlich und zunächst stumm gewesen sei, von der Göttin Isis aber von der Stummheit geheilt und mit der Gabe der Dichtung ausgestattet wurde, um schließlich in Delphi Opfer eines Justizmords zu werden. Der Text stammt aus dem 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, ist also spätantik, während der Stil der Fabeln ins 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung weist (und ein Sklave namens Äsop immerhin schon vom Historiker Herodot (490/480-~430/420) als Autor der Fabeln genannt wird). Auf uns sind nur verschiedene Überlieferungsstränge späterer Autoren und Fabeldichter gekommen.
Äsops Fabeln sind kurze Geschichten moralischer Natur. Sie sind wirklich kurz: Wenn in meiner Ausgabe eine Fabel über eine ganze Seite geht, ist sie bereits als sehr lang einzustufen. Davon gibt es vielleicht zwei oder drei; der Rest nimmt eine halbe, viele auch nur eine Drittelsseite ein. Meistens sind die Protagonisten Tiere, manchmal Menschen oder Götter, hin und wieder gar unbelebte Dinge. Allen ist gemeinsam, dass sie sprechen können. Eine allenfalls vorkommende und nötige Handlung ist aufs Wesentliche eingeschränkt. Ausführliche Beschreibung äusserer Umstände fehlen völlig. Vielen, aber nicht allen Fabeln ist zum Schluss ein einem Satz die moralische Anwendung beigefügt, oder wie es Wilhelm Busch so schön formuliert: die Moral von der Geschicht‘. Dieser Schlusssatz hat oft unabhängig von der Fabel sprichwörtlichen Charakter (angenommen). Manche Geschichten sind kleine Satiren, andere eher von der simplen und langweiligen Sorte. Sie alle schildern die Welt einfacher Leute, so dass ich davon ausgehe, dass sie eher von der Sorte waren, die auf Jahrmärkten und ähnlichen Veranstaltungen vorgetragen wurden und / oder der moralisch erbaulichen Erziehung der Kinder dienen sollten.
Ihr Erfolg war riesig. Denn, unabhängig davon, ob wir es mit einem Autor zu tun haben, einem Autorenkollektiv, oder einer Sammlung, die im Laufe von Jahren oder gar Jahrhunderten von vielen verschiedenen Menschen unabhängig von einander bearbeitet und ergänzt wurde (was ich persönlich glaube): Äsops Fabeln wurden genre- und stilbildend. Viele der bekanntesten Fabeln des Jean de La Fontaine haben ihren Ursprung in der Äsop’schen Sammlung. Lessing, der bekanntlich auch Fabeln schrieb, bezog sich in seinem Werk explizit auf den antiken Autor. Andererseits sind gerade mit jenem anderen mit kurzen allegorischen Geschichten aufwartenden Buch zur Kindererziehung, dem indischen Pantschatantra, keine oder kaum Übereinstimmungen zu finden.
Auch bei Autoren, die nicht (nur) Fabeln im engeren, Äsop’schen Sinn verfassten, finden wir die eine oder andere Geschichte aus dieser Sammlung wieder. Die Geschichte vom Prozess um des Esels Schatten hat Christoph Martin Wieland bedeutend erweitert und in seine Geschichte der Abderiten eingefügt. Johann Peter Hebel hat das Sprichwort Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann wie Äsop mit jener Geschichte illustriert von Vater und Sohn, die mit einem Esel in die nächste grössere Stadt wandern – und egal, ob Vater, Sohn, beide oder niemand auf dem Esel sitzt: Immer findet sich ein Passant, der sich über das Vorgehen der beiden wundert oder ärgert. Ich will nicht behaupten, dass Wieland oder Hebel die Grundlage ihrer Erzählungen direkt aus Äsop genommen hätten. Die Geschichten Äsops begannen rasch, sich zu verselbständigen und wurden Wandergeschichten. (Auch hat wohl Äsop selber – bzw. die dahinter stehenden Autoren der verschiedenen Jahrhunderte – seinerseits solche Wandernovellen der Sammlung einverleibt.) Schön lässt sich so eine Wanderung an Hand der Geschichte des Sklaven Androklus zeigen: Wir haben im 20. Jahrhundert George Bernard Shaws Theaterstück Androcles and the Lion, das die Geschichte eines Sklaven erzählt, der in Rom den Löwen zum Frass vorgeworfen werden soll. Es trifft sich, dass der Löwe, der ihn fressen soll, derselbe ist, dem er vor Jahren einmal aus Gutmütigkeit einen Dorn aus der Pfote gezogen hat. Shaw soll beim Inhalt seines Dramas auf eine Begebenheit zurück gegriffen haben, die Aulus Gellius in seinen Attischen Nächten erzählt. Als deren Quelle wiederum gilt das Werk Die Wunder Ägyptens des Autors Apion Plistonikes, der sich selbst als Augenzeugen bezeichnete. Dumm nur, dass die Geschichte – wenn auch sehr kurz gehalten – schon bei Äsop zu finden ist. Wenn Rabelais hingegen im Vierten Buch der Sage um Gargantua und Pantagruel von einem Holzfäller erzählt, der seine Axt verloren hat und nun so lange herumschreit, bis die Götter – um wieder ihre Ruhe zu haben – Merkur hinunterschicken, er solle doch mal schauen, das da los ist, Merkur wiederum dem Holzfäller eine goldene Axt anbietet, die der aber ablehnt, weil es nicht seine sei, worauf ihm der Gott die seine zurückgibt plus die goldene Axt, was der arme Mann prompt in seinem Dorf weitererzählt, worauf andere den gleichen Trick ausprobieren, aber aus Habgier gleich bei der Axt aus Gold diese als die ihre reklamieren, worauf ihnen Merkur nicht nur die goldene Axt wieder abnimmt, sondern auch den Rest ihrer Habe – wenn Rabelais also diese Geschichte erzählt, vermute ich eher einen antiken Spötter und Menschenfeind wie Lukian als Zwischenhändler.
Eine Schatztruhe, die schon oft geplündert wurde, deswegen aber immer noch nicht weniger reich ist. Äsops Fabeln.