Ein anderes Faktum macht das Buch überhaupt erst erträglich: Die überall spürbare, atheistische Note des Werkes, der nirgendwo sich in einem nebulös-konjunktivischem Gerede ergeht, dass man doch nicht „wissen“ könne und „vielleicht“ oder „eventuell“ … Gerade dies macht – oft kompetente – Religionswissenschaftler unlesbar: Dass sie ihre Herkunft aus dem Protestantismus oder Katholizismus nicht verbergen können oder wollen. Dennoch ist Kaufmann jemand, der den Religionen, ihren Überlieferungen Wichtigkeit zugesteht: Zum einen als Teil eines „ontologischen“ Bedürfnisses, zum anderen in literarischer Hinsicht, wobei ihm hier gerade an der Bibel als der wirkmächtigsten Geschichtensammlung der gesamten Historie gelegen ist.
Kaufmann berührt zahllose Bereiche: Er stellt die Ähnlichkeiten des Existentialismus oder des Neuthomismus mit religiösen Strömungen heraus – nicht ohne die Positivisten für ihren Antimetaphysikanspruch zu tadeln, betreibt zwischendurch Philosophiegeschichte der ganz eigenen Art (indem er etwa den Franzosen eine Art grundsätzlicher Neigung zum Existentialismus unterstellt, was denn, wenn man diese Geschichte betrachtet, so falsch vielleicht nicht ist: Waren doch kaum Systematiker oder formale Empiristen unter ihnen, hingegen viele, die den existentiellen Part der Philosophie betonten: Von Montaigne über Pascal oder Voltaire bis Bergson und Sartre – und den Poststrukturalisten – könnte man ergänzen, die aber Kaufmann noch nicht kennen konnte), dann erfolgt eine Analyse des Wahrheitsproblems, das allerdings etwas dürftig ausfällt: Wenngleich er auf eine – vor allem von Theologen und Metaphysikern gepflogene Tradition hinweist – das Neudefinieren des Wahrheitsbegriffes. So haben wir denn in den Werken dieser Denker keine Korrespondenztheorie (die zumeist in irgendeiner Form die Voraussetzung für die meisten anderen Wahrheitstheorien darstellt und auf die fast immer – direkt oder indirekt – Bezug genommen wird), sondern eine Wahrheit (bzw. Logik) Hegelscher Provenienz (die dann auch immer nur immanent kritisierbar ist: Erst muss die Dialektik als Methode anerkannt werden, dann ist es erlaubt Kritik zu üben) oder eine Art der Wahrheitsschau: Ein mystisches Erkennen, ein „Erfahren“ der Wahrheit, dass in dieser Erfahrung selbst unantastbar bleibt. Dass damit auch Kategorien wie Allgemeinheit oder Notwendigkeit obsolet werden, jedes Reden über Wahrheit beliebig wird, bleibt den so Erleuchteten entweder verborgen oder aber es wird in Kauf genommen und als eine „höhere“ Wahrheit bezeichnet. Höher auch insofern, als dass sie kritikimmun wird: Wer könnte gegen eine Erfahrung argumentieren. Wem die Jungfrau Maria erscheint, der hat diese Wahrheit für sich (wenn sich auch die Dame immer nur in christlich sozialisierten Gegenden blicken lässt).
Andere Varianten setzen Wahrheit und Schönheit gleich (etwa die Romantiker) oder aber sehen das Wahre im Guten. Das kann man so sehen, ist aber mit ähnlichen Problemen belastet: Sofern man nicht eine für alle gültige Ästhetik oder Theorie des Guten entwirft (was denn noch größere Probleme bereiten dürfte denn eine allgemein akzeptierte Wahrheitstheorie), ist man wieder einem völligen Relativismus ausgesetzt. Ist also schon die Wahrheit kaum fassbar, so ist es die Essenz des Glaubens noch viel mehr, obschon es nicht an Definitionsversuchen gefehlt hat. James etwa führt drei „hinreichende“ Beweise für diesen Glauben an:
1. Lebendig sein
2. Unausweichlichkeit
3. Gewichtig sein
Das nun hat nicht einmal Gläubige zu überzeugen vermocht: Sind Lebendigkeit und Gewichtigkeit schon ganz offenkundig Termini, die jeder nach Gutdünken mit Inhalt füllen kann, zielt der Punkt zwei auf einen Zwang zur Entscheidung ab: Man müsse sich dafür oder dagegen entscheiden. Aber nicht einmal dies ist in den meisten Fällen möglich: Denn um eine solche Entscheidung zu treffen, muss ich Argumente betrachten, Kriterien abwägen, Beweise sammeln. Derlei steht einem aber in diesen Fragen überhaupt nicht zur Verfügung. Deshalb operiert James auch mit dem Begriff des „Mutes“. Dass es nämlich desselben bedürfe, um sich für einen Glauben zu entscheiden. Das aber ist jener Mut, der seine Verwandtschaft mit der Dummheit nicht verleugnen kann.
Wie es überhaupt eine Unzahl Denker gibt, die dem Absurditätsgedanken gehuldigt haben: Augustinus‘ „Credo, quia absurdum est“ wird immer wieder hochgehalten und gilt dem Gläubigen (besser: Demjenigen, der sich mit aller Kraft dem Glaubenwollen verschrieben hat) als eine Tugend. Paulus, Luther, aber auch Kierkegaard oder Heidegger mit seinem „Vorverständnis“ sahen in diesem Glauben an das Unmögliche ein hehres Ziel: Und oftmals ist von der verderblichen Hure des Teufels die Rede – von der Vernunft.
Wobei ein anderer, von Kaufmann ausführlich behandelter Religionskritiker, nämlich Freud, das Kind mit dem Bade ausschüttet: Religion ist nämlich beileibe nicht nur Wunschdenken. So liegt die Vermutung nahe, dass das Wunschdenken religiöser Menschen gerade darin besteht, dass ihr Glaube auch wahr sei. Jedwede Enstehung eines solchen Glaubens mit dieser Form des Denkens in Verbindung zu bringen scheint hingegen eine simplifizierte und verkürzte Ätiologie zu sein. In diesem Zusammenhang wäre auch Fromm zu nennen: Er meint, dass verschiedene Propheten (etwa Jesaja, Jesus, Sokrates, Buddha und Laotse) ein Programm der „Liebe und Wahrheit“ vertreten würden. Allerdings waren das fast alles Menschen die mit der Wahrheit (in herkömmlicher Definition) nicht viel im Sinne hatten. Jesus hat sich selbst als Wahrheit bezeichnet, für Buddha wäre ein Streben nach Wahrheit mit Sicherheit eines gewesen, das den Menschen dem Nirwana entfernt hätte – und die Verdammung von Ungläubigen (die ja doch immer die Mehrzahl darstellen – in bezug auf eine spezifische Religion) zu ewiger Qual und Pein durch Jesus ist auch mit unserem Begriff von Liebe nur schwer in Übereinstimmung zu bringen. Vor allem aber die der Vernunft verwandte Wahrheit stellte für die Genannten kein wie immer geartetes Ziel dar, hätten sie ja dann auch die Kritik zu ihrem Recht kommen lassen müssen. Denn Wahrheit ohne Kritik bleibt Schimäre.
Hier aber verliert man sich in Details. Es ist keine große Kunst, aus den verschiedenen heiligen Schriften die unzähligen Widersprüche herauszusuchen und diese dem Theologen zu unterbreiten: Der dann sehr schnell mit einer – oben erwähnten – Neudefinition der Wahrheit zur Hand sein wird oder aber auf „symbolischer“ Auslegung beharrt. Allerdings gibt es schlechthin keinen Unsinn der Welt, der sich nicht symbolisch interpretieren ließe. So bleibt uns vielleicht tatsächlich nur die „literarische“ Herangehensweise an religiöse Bücher sowie das Konstatieren der Religion als ein immer vernunftfeindliches, der Kritik widerstrebendes Phänomen. Und – man könnte im Sinne intellektueller Hygiene – auch ein weitgehendes Ignorieren aller ernsthaften, religiösen Bestrebungen sich vornehmen. Würde die Realität derlei nicht verhindern: Indem man auf die unzähligen Toten, Geschändeten und Unterdrückten hingewiesen oder – in unseren Breiten – mit der flächendeckenden Verdummung von Kindern in öffentlichen und privaten Schulen konfrontiert wird.
Kaufmanns Buch umfasst noch weit mehr: Analysen berühmter Theologen wie Bultmann, Tillich oder Niebuhr, die Geschichte der Textkritik der Bibel, das Verhältnis von Religion zu Kunst und Literatur oder die Dichotomie von Vernunft und Eros. In manchen Passagen sind seine Ansichten wohl überholt, oft wird man mit ermüdenden theologischen Streitigkeiten oder Spitzfindigkeiten behelligt, insgesamt aber ein anregendes, auch aktuelles Buch (das aber nur noch antiquarisch und recht teuer zu erstehen ist).