Tilmann Lahme: Die Manns. Geschichte einer Familie

Sandhofer hat – was so oft nicht der Fall zu sein pflegt, eine “absolute Leseempfehlung” ausgesprochen, eine Empfehlung, die ich mir zu Herzen genommen habe. Und ich schließe mich seinem Urteil an: Sehr gut lesbar, dazu anregend, sich mit den einzelnen Mitgliedern der Familie intensiver auseinanderzusetzen und mit äußerst gediegenem Hintergrundwissen geschrieben. Und es ist auch eine Sozialgeschichte der Emigration während des Zweiten Weltkrieges, Lahme vermittelt einen guten Eindruck von der Heimatlosigkeit eines deutschsprachigen Schriftstellers, dem plötzlich all jene Länder verboten sind, die sich seiner Sprache bedienen. Wobei: Die Manns haben fast ausschließlich die Sonnenseite dieser Emigration kennengelernt, ihre Geldprobleme waren Luxusprobleme: Wenn man sich etwa ein wenig den Kopf über die Finanzierung einer eigenen Villa in Kalifornien zerbricht.

Das wirklich Lesenswerte dieses Buches sind die geschickt (und oft sehr bösartig) montierten Zitate, die die Abgründe und Verlogenheit dieser Familie ganz nebenher zutage treten lassen. Monikas Schreibversuche werden schlicht zitiert, eine weitere Bewertung erübrigt sich (und darf dem Leser überlassen werden). Katia Mann echauffiert sich über die Tatsache, dass da jemand seine Kinder zugunsten seines Gemahls vernachlässige, etwas, das “ihr nie eingefallen wäre”. Auch das kann man einfach so stehen lassen, ebenso wie die unzähligen Bettelbriefe der Kinder (insbesonders Michael hat es offenbar für selbstverständlich gehalten, dass sein Leben – obschon er bereits verheiratet war und Kinder hatte – von den Eltern zu finanzieren sei). Wobei gegen diese Finanzierung im Prinzip gar nichts einzuwenden wäre – denn wozu sollte reichlich vorhandenes Geld denn sonst dienen? Es ist aber der Anspruch, die Chuzpe, mit der diese Forderungen vorgetragen werden, die vor den Kopf stößt; wobei Katia, die mit den finanziellen – wie auch mit allen anderen Angelegenheiten – in der Familie betraut war, diesen Wünschen vielleicht auch aus einem schlechten Gewissen heraus nachgegeben haben mag: Denn so wirklich umsorgt hat sie ihre Kinder nicht, ihrem Gatten hingegen stets den Rücken freigehalten und seinem Werk gedient.

Als sympathisch kann man die Mitglieder dieser Familie nicht bezeichnen: Der Vater, der alles seinem Schreiben untergeordnet hat, politisch ein veritabler Schwachkopf war (nicht nur seine patriotischen “Betrachtungen eines Unpolitischen” sind eine einzige Peinlichkeit, auch seine kaum verhohlene Begeisterung für autoritäre Staatsformen, seine gesamten Einschätzungen bezüglich der weltpolitischen Lage waren von Weltfremdheit und Ignoranz gekennzeichnet), Sohn Klaus, unter dem übermächtigen Vater leidend, diesen großen Namen aber ohne Hemmungen benutzend, um sein eigenes Schreiben zu bewerben (meine Lektüre der Werke Klaus Manns liegt schon lange zurück – und der Eindruck müsste vielleicht verifiziert werden: Der darin bestand, dass man von diesen Büchern ohne den bekannten Herrn Papa kaum je Kenntnis genommen hätte), Erika, die in ähnlicher Weise wie Frau Thomas Mann dem Vater diente und später bemüht war, zu beschönigen und zu behübschen, wo es nur irgend möglich war*, Monika, deren Talent offenbar endlich war und die sich trotzdem als eine Schriftstellerin verstand (obwohl ich ihr meine Sympathie nicht ganz versagen kann: Mangelndes Talent ist keine negative Charaktereigenschaft – und dass sie sich in dieser Familie dem Schreiben zuwandte, kann kaum verwundern), Michael, ein Trinker, der seine Aggressionen kaum unter Kontrolle brachte und auch Elisabeth, die da ernsthaft sich mit ihren Hunden auf Englisch unterhielt und diesen sprachliche Ausdrucksform zugestand. Einzig Golo sticht heraus: Zum einen ist er der einzige unter den Kindern, dessen schriftstellerisches Werk Bestand hat und der auch in politischen Belangen seiner Restfamilie viel voraus hatte.

Und nur eine kurze Notiz zu der von Sandhofer erwähnten Geringschätzung meinerseits in Bezug auf Heinrich Mann: Außer dem “Untertan” und dem “Professor Unrat” fand ich so ziemlich alles von eher mediokrer Qualität: So sind beispielsweise “Eugenie” oder “Im Schlaraffenland” ziemlich peinliche Ergüsse (so schlecht hat sein Bruder nie geschrieben), auch seinen Henry Quatre habe ich kaum durchgehalten. Ob ein Wiederlesen (nach zugegebenermaßen langer Zeit) diese Einschätzung ändern würde – ich weiß nicht. Dass aber Heinrich politisch, menschlich wesentlich klüger war als sein Bruder hat nicht viel zu besagen (angesichts dieses Bruders) – und ist in Bezug auf sein Werk ohnehin bedeutungslos. Aber ich werde, so ich Zeit erübrigen kann (und will!), dieses mein Urteil nochmals überprüfen. Bei dem vorliegenden Buch von Tilmann Lahme jedoch sind wir ganz einer Meinung: Angenehm zu lesen und absolut zu empfehlen.

*) Wundervoll hingegen, wie sie Adorno hat auflaufen lassen mit seinen Anbiederungen an das NS-Regime, seinem Lob für Baldur von Schirach und Goebbels, die sie in einem Brief als “unbedacht” bezeichnet und dann publik macht (denn “bei Nazi-Kumpanei habe sie nie den geringsten Spaß verstanden”). Adorno, der sich ja auch um die Aufnahme in die NS-Reichsschrifttumskammer bemühte, Dinge, die er als guter Deutscher nach dem Krieg allesamt vergessen hatte.


Tilmann Lahme: Die Manns. Geschichte einer Familie. Frankfurt a. M.: Fischer 2015.

2 Replies to “Tilmann Lahme: Die Manns. Geschichte einer Familie”

  1. Was ich an Heinrich Mann mag, ist die Tatsache, dass er einen unprätentiösen, aber präzisen Stil schreibt. Wogegen sich sein Bruder Thomas gern im Gestrüpp des blumichten Manierismus verliert. Und wenn Heinrich über Henri Quatre schreibt, schreibt er über Henri Quatre. Wenn er über Professor Raat schreibt, schreibt er über Professor Raat. Wenn Thomas Mann über Adrian Leverkühn schreibt, schreibt er über Thomas Mann. Wenn er über Gregorius schreibt, schreibt er über Thomas Mann. Wenn er über Goethe schreibt, schreibt er über Thomas Mann…

    1. “Autobiographie ist’s immer” lässt Thomas Mann seinen Geheimrat sagen, wobei dieses ein Originalzitat ist. Und ich glaube in der “Lotte” mehr über Goethe zu erfahren (wobei auch das kein Kriterium ist) als bei Heinrich über den hölzern wirkenden Henri. Aber wie gesagt – im Grunde kann Thomas Mann auch immer über Thomas Mann schreiben: Wenn er’s nur gut macht ;).

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