Gustave Flaubert: Bouvard und Pécuchet

Bouvard und Pécuchet war Gustave Flauberts letzter Roman. Er sollte unvollendet bleiben, auch wenn offenbar nicht viel mehr als das Schlusskapitel fehlte. Es ist die Geschichte zweier Pariser Kopisten (eben: Bouvard und Pécuchet), die, durch Erbschaft an ein wenig Geld gekommen, beschliessen, ihre Arbeit aufzugeben und sich aufs Land, in die Normandie, zurückzuziehen, wo sie von ihrem Geld ein heruntergekommenes Gut kaufen. Der Roman erzählt ihre Abenteuer alldaselbst.

Das heisst, ‘Abenteuer’ kann man das, was ihnen widerfährt, eigentlich nicht nennen. Die beiden stürzen sich der Reihe nach auf praktisch jedes Wissensgebiet der damaligen Zeit, angefangen von der Gartenbaukunst über die Natur- und die Geschichtswissenschaften bis hin zur Philosophie, Theologie und Rechtspflege. Das Ganze verläuft nach immer ähnlichem Muster: Von der einen Wissenschaft enttäuscht, stachelt ein an sich unbedeutender äusserer Umstand sie an, sich auf die nächste zu werfen.

Dabei geben die beiden jede Wissenschaft sehr rasch wieder auf. Sie bleiben deshalb immer Amateure im schlechten Sinn. Im Grunde sind sie wie Kinder, die ein neues Spielzeug erhalten, dann nach einer gewissen Zeit dieses Spielzeugs müde werden und sich auf ein neues Spiel werfen – bis sie dessen abermals müde werden. Im Gegensatz zu Kindern aber scheinen bereits gemachte Erfahrungen bei ihnen nicht haften zu bleiben. Jedes Mal ist ihr Elan zu Beginn wie neu geboren, ihr Enthusiasmus ungebrochen – ihr Dégoût zum Schluss riesengross. Flaubert ermöglicht das einen Par-Force-Ritt durch das gesamte Wissen seiner Zeit. (Nun, nicht das gesamte: die Mathematik fehlt, und – obwohl die Literatur vertreten ist – fehlen Musik und Malerei.)

Ich habe den Roman vor Jahren schon einmal gelesen. Die Neuausgabe im Wallstein-Verlag gab mir Anlass, ihn wieder zu lesen. Ich war überrascht. Ich hatte die Geschichte von Bouvard und Pécuchet als zu Beginn recht amüsant in Erinnerung, aber auch als repetitiv und deshalb auf Dauer ermüdend. Bei der jetztigen Leküre empfand ich das kaum. Wohl fangen die beiden Amateure immer wieder von Neuem bei Null an, steigern sich in eine Thematik und lassen sie zum Schluss stillschweigend fallen, um zu etwas anderem überzugehen, aber Flaubert gelingt es, bei jedem Gebiet, auf das sich die Zwei stürzen, nicht nur dieses zu umreissen, sondern auch die beiden im Grunde genommen völlig ungleichen Freunde auch jeweils gegensätzliche Positionen einnehmen zu lassen. So haben sie unter sich mindestens eben so oft und intensiv Streit wie mit den Bewohnern des normannischen Dorfes, die sie als Zugegezogene und als Hauptstädter sowieso argwöhnisch beäugen. Jeder der beiden hat jeweils im neu aufgefundenen Wissensgebiet seine eigenen Götter, auf die er schwört. Und es ist so, dass die Abrisse, die die beiden im Gespräch von ihrem gerade angelesenen Wissen geben, bei aller Satire erstaunlich korrekt sind. Pécuchets Zusammenfassung z.B. der Philosophie Spinozas ist holzschnittartig und krude, bei aller Verkürzung aber nicht unrichtig. Das Wissen der beiden bleibt in jedem Fall reine Theorie – angelesen. Jede Umsetzung in die Praxis scheitert, selbst, wenn sie sich im Gefolge der Februarrevolution von 1848 in die Politik stürzen wollen. Der Staatsstreich von Louis Napoléon macht diese Bemühungen ebenso zunichte, wie das Misstrauen der übrigen Landbevölkerung. Wie Faust sind sie von ihrem in saurem Bemühen angelesenen Wissen unbefriedigt, anders als Faust, der in die Tiefe zu gehen versucht, suchen sie in der Breite. Kein Wunder, gehört auch ein Universallexikon der menschlichen Dummheit zum Werkkomplex.


Gustave Flaubert: Bouvard und Pècuchet. Roman. Herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt und annotiert von Hans-Horst Henschen. Göttingen: Wallstein, 2017. (= Der Werkkomplex. Band I)

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