Arno Schmidt: Fouqué und einige seiner Zeitgenossen

Ich gehe nicht immer mit seinen Urteilen konform. Zu selbstherrlich wollen sie mir manchmal scheinen, zu apodiktisch. Oft fällt er seine Urteile auch in Unkenntnis wichtiger Details. Er hat einmal irgendetwas über einen Autor gehört und trägt das weiter. Dieses „Irgendetwas“ kann sein Urteil über des Autors Werke gehörig beeinflussen. Im vorliegenden Fall aber bin ich durchaus seiner Meinung.

Nein, ich spreche (noch) nicht von Arno Schmidt himself. Obwohl oben stehende Charakteristik durchaus auch auf ihn zutrifft. (Die beiden waren sich in vieler Hinsicht sehr ähnlich. Autodidakten ohne Universitätsstudium, die beide ‘zu etwas geworden sind’, die beide von vielen als Koryphäen betrachtet wurden und noch immer werden. Ein bisschen wunderlich, und sehr von der eigenen Meinung eingenommen. Aber Schmidt ist noch nicht gemeint.) Auch habe ich (noch) nicht vom Baron de la Motte Fouqué gesprochen.

Sondern ich zielte auf den Grosskritiker und ehemaligen Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki. Wobei ich gleich klar stellen möchte: Reich-Ranicki hat zwar seine Urteile oft in Unkenntnis einiger Details gefällt, aber als Literaturkritiker kann man auch nicht alles über alle Autoren wissen. Und selbst, wo ich ihm nicht zustimmen kann, muss ich ihm zu Gute halten, dass seine Urteile immer fundiert waren. Da verzieh man ihm auch seine Eitelkeit und seine Selbstgefälligkeit. (Beides, zusammen mit lautem, vorwitzigem Krähen, gehörte zwar auch zu ihm, macht aber noch keinen Literaturpapst aus – das musste der designierte Nachfolger im ‘Literarischen Quartett reloaded’ erfahren, dem Reich-Ranickis Fundamente offenbar fehlten.) Der geneigte Leser und die geneigte Leserin merken: Ich spreche über Paraphernalia, weil ich zur Mitgift, dem Text Arno Schmidts, wenig zu sagen habe.

Was über Fouqué und einige seiner Zeitgenossen nämlich zu sagen wäre, hat eben dieser Reich-Ranicki in 5 Sätzen vollständig abgehandelt:

Hinter Schmidts Buch „Fouqué und einige seiner Zeitgenossen“ (1958) steckt ein gigantischer Arbeitsaufwand, er hat eine Biographie geliefert, deren Genauigkeit und Ausführlichkeit kaum zu übertreffen sind. Er wirbt leidenschaftlich für die Wiederentdeckung dieses längst vergessenen Romantikers, ohne uns je sagen zu wollen, wozu eine solche Wiederentdeckung denn gut sein sollte. Er weiß alles über Fouqué, ohne uns je überzeugen zu können, daß es sich lohnt, irgend etwas über Fouqué zu wissen. […] Während das Buch über Fouqué skurril, doch seriös, aber schon des Themas wegen nicht gerade nötig ist, wäre eine Monographie über Karl May gewiß nötig, nur daß mir diejenige von Arno Schmidt skurril und unseriös zu sein scheint. (Marcel Reich-Ranicki: Selfmadeworld in Halbtrauer.)

Es ist bezeichnend für Arno Schmidt, dass man ihn in Zusammenhang mit seriös sein wollender literaturwissenschaftlicher Arbeit immer an seiner Auseinandersetzung mit Karl May misst. Schuld daran trägt er letzten Endes selber. Beim von Reich-Ranicki erwähnten Text über May handelt es sich um Sitara und der Weg dorthin, ein Buch, in dem Schmidt offenbar oder scheinbar den Versuch unternimmt, Karl Mays Texte mit einem homosexuellen Subtext zu versehen. Ob Schmidt sein Buch über Karl May je seriös gemeint, oder es, wie die Engländer sagen, ‘tongue in cheek’ geschrieben hat: Darüber disktutieren die Schmidt-Exegeten bis heute. Ernst nehmen darf man Sitara und der Weg dorthin auf keinen Fall.

Was Fouqué betrifft, hat Reich-Ranicki Recht. Immer und immer wieder erwähnt Arno Schmidt Werke von Fouqué, um jedes Mal sagen zu müssen, dass dieses Buch doch nicht zu den ganz grossen Texten der deutschen Literatur gehöre. Schmidt muss zugeben, dass der schon immer konservative und preussisch-nationalistisch gesinnte Fouqué, nachdem seine Bête Noire, Napoleon, endgültig besiegt worden war, ab ungefähr 1820 zu einem reaktionären Frömmler wurde, der sich nicht nur von ehemaligen romantischen Weggefährten wie A. W. Schlegel oder E. T. A. Hoffmann isolierte, sondern auch sein Publikum verlor. Was für einen, der vom Ertrag seiner Feder leben musste, nicht gerade günstig war.

Schmidts Buch über Fouqué ist tatsächlich, wie Reich-Ranicki meint, ausführlich (über 725 eng bedruckte Taschenbuchseiten), ob es genau ist, wage ich nicht zu entscheiden. Schmidt konnte sich eine Aura des alles Wissenden und alles gelesen Habenden geben, die er nicht immer verdiente. (So hat er in Sitara und der Weg dorthin immer wieder damit geprahlt, wie er als erster und einziger Karl May im Originaltext und somit genau zitiere. Damals – 1963 – waren Mays Originaltexte schwer zugänglich. Heute ist das anders, und man hat ihm nachgewiesen, dass er das eine oder andere Zitat auch schon mal für seine Zwecke zurecht gebogen hat. Ich möchte nicht meine Hand ins Feuer legen, dass das bei Fouqué und seinen Zeitgenosen anders ist. Da es bei Fouqué meines Wissens aber nicht wie bei Karl May Aficionados gibt, die Schmidts Behauptungen nachgehen würden, hat das wohl noch niemand geprüft. Allerdings, wie Reich-Ranicki geschrieben hat: Eine Auseinandersetzung mit Fouqué lohnt sich nicht. Ich habe einen oder zwei seiner Ritterromane gelesen, darunter auch den, der von Schmidt zu den besseren Werken Fouqués gezählt wird. Fazit: Man kann Fouqué heute nicht mehr lesen.)

Ohne Wenn und Aber empfiehlt Arno Schmidt im Grunde genommen nur sowieso nur ein Werk Fouqués: Undine, die tatsächlich als einzige auch heute noch in weiten Kreisen gelesen wird. Alle andern Werke des Romantikers werden nur mit Einschränkungen empfohlen. Im Übrigen leidet auch Schmidts Auseinandersetzung mit Fouqué unter dem Standardübel, das Schmidt überall hin verfolgt: Der gute Arno kann nicht anders, als ad hominem zu interpretieren. Gute Texte sind für ihn solche, in denen er Spuren aus des Autors Privatleben zu finden meint. Und so verfolgt uns denn auch durch den ganzen Fouqué eine Frau, die im echten Leben Fouqués Undine gewesen sein soll. Offen gestanden vergrätzt diese Marotte auf eine Dauer von über 725 Seiten.

Schlussfolgerung: Für einmal hatte Reich-Ranicki Recht.

Arno Schmidt: Fouqué und einige seiner Zeitgenossen. Darmstadt: Pläschke, 2. verbesserte und beträchtlich vermehrte Auflage, o.J. [1960]

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Ein Kommentar zu Arno Schmidt: Fouqué und einige seiner Zeitgenossen

  1. Metteur en lumière sagt:

    Wenn man Fouqué heute nicht mehr lesen kann, wie konnten Sie dann einen oder zwei seiner Romane lesen, oder war das schon gestern? Meinerseits habe ich, neben der Undine, den Alethes von Lindenstein gelesen, in der Ausgabe der Haidnischen Alterthümer. Mit einem sachkundigen Nachwort von Günter de Bruyn, der auch auf Schmidts Buch eingeht, weit aufschlussreicher als die Auslassungen des MRR. Desgleichen den Zauberring, der gewiss mehr gelungen ist, da sich Fouqué in seinen Traum vom Mittelalter stärker eingefühlt hatte als ins 17. Jahrhundert, mit insgesamt recht artigem Ergebnis. Wobei ich sehr zu der Annahme neige, dass Fouqué ein interessanteres Deutsch als derzeitige Produzenten deutschsprachiger Fantasy-Literatur, gleich ob mit oder ohne Orks, schrieb. Daher sind bei mir auch noch Die vier Brüder von der Weserburg eingeplant, die dem Zitat bei AS nach also anheben, abheben:
    „Die Weser rauschte ungestüm durch das tiefe stürmische Nachtdunkel aus dem Thale herauf, der Schnee trieb und kräuselte sich heftig im Gezweig der alten Tannen, welche vom Burgwall einzeln, wie riesengroße Schildwachen, über die Gegend hinragten; im Hauptturm der Veste schimmerte noch Licht aus dem Laden des höchsten Gemaches hervor.“
    Mag sein, dass viele unserer Zeitgenossen, auch unter der Minderheit der überhaupt noch Bücher lesenden, dafür kein Organ mehr haben. Aber das liegt dann nicht eigentlich an Fouqué.

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