Edgar Zilsel: Die Geniereligion

Edgar Zilsel hat sich später noch ausführlicher mit dem Geniebegriff auseinandergesetzt und versucht, sich mit einer entsprechenden Arbeit zu habilitieren, ein Versuch, der durch den Widerstand konservativer Kreise an der Wiener Universität gescheitert ist. Das vorliegende Buch kann als Grundlage für die Habilitationsschrift bezeichnet werden, es nähert sich dem Geniebegriff nicht auf historische, sondern soziologische, psychologische Weise.

Dabei muss man Zilsel große Weitsicht zugestehen: Das Buch liest sich über weite Strecken wie eine Vorwegnahme der nationalsozialistischen Ideologie (und nicht zufällig hat Zilsel vor allem Houston Stewart Chamberlain im Auge gehabt, wenn er auf halbgebildete Genieverehrer die Rede brachte). Diese Verehrung hat etwas offenkundig Religiöses: Die in Frage stehende Person bzw. deren Denken wird der Kritik entzogen; diese wird im Gegenteil als eine Form der Blasphemie angesehen, weder Person noch Denken erfahren eine rationale Beurteilung, hingegen wird jeder Einwand als Affront gegenüber einer tief empfundenen Wahrheit empfunden. Wobei mit dem “Empfinden” bereits auf die wichtigste Eigenschaft bei der Erkenntnis eines geniehaften Gedankens hingewiesen wird: Die in diesem Gedanken verkörperte Wahrheit kann nur gefühlt (so wie sich mystische Gotterlebnisse einer rationalen Analyse entziehen), nicht aber durch Argumente bewiesen werden, das käme einer Profanierung der Idee gleich. Diese Neigung zur “Tiefe” ist verbunden mit einer Liebe zu Paradoxien, zu unklarer und nebulöser Begrifflichkeit, wobei es schließlich dazu kommt, dass jeder “emotionale” Gedanke per se als “tief” bezeichnet wird, als eine Teilhabe an einer Urwahrheit, die nur ausgewählte Personen zu erschauen in der Lage sind. Der Verehrer eines solchen Denkens schätzt vor allem diese Form des Enthusiasmus, während das Ziel, der konkrete Inhalt des Denkens in den Hintergrund rückt. Schließlich ist es den Anhängern nur noch um diese Erregung zu tun, um ein Gemütsbedürfnis, das in einem Erleben von “Tiefe” befriedigt wird.

Dem Verkünder dieses Gedankens eignet durch diese Sichtweise eine Würde, ein Pathos der Distanz, das ihn einer normalen Beurteilung enthebt. Man ist ehrfürchtig, man verehrt und die Betrachtung des Genies als eines durch und durch menschlichen Wesens stellt ein Sakrileg dar. (Dies ist eine Immunisierungsstrategie, der sich auch Religionen bedienen: Sodass Mohammed-Karikaturen zu einem todeswürdigen Verbrechen werden.) Häufig wird dem Denken eine pessimistische Weltsicht zugrunde gelegt (wie etwa bei Schopenhauer), diese Schlechtigkeit der Welt gilt es zu überwinden (ein optimistischer Denker – wie Leibniz – eignet sich hiefür nicht, denn der Optimismus kann bzw. soll nicht überwunden werden), man sucht nach Erlösung. Dabei gelingt es dem Genieverehrer (wie etwa einem Priester) an der Erhabenheit der Person, des Gedankens zu partizipieren, der Verkünder der Idee kann im äußersten Fall selbst zu einer Art Genie aufsteigen: Bedurfte es doch seiner, um der Welt die Tiefe des geniehaften Denkens zu vermitteln.

Zilsel sieht in diesem Verhalten eine Pervertierung jeglicher Philosophie, Ideologie: Statt sich um das Streben nach einem Ziel zu kümmern und dieses Ziel anhand rational-kritischer Methoden zu erreichen (und auch zu hinterfragen), zielt der Geniekult auf den Enthusiasmus an sich ab, auf den emotionalen Zustand und vergisst sich auf die Sache zu konzentrieren. Und Zilsel erhebt die Rationalität zum “einzigen, absoluten Wert”, sie ist ihm ein metaphysisches Ideal, wonach wir streben können (und sollen), das wir aber zu erreichen niemals in der Lage sind. So vernünftig ein solcher Wert auch erscheinen mag: Dies verkennt die Funktion der Rationalität, die immer nur Mittel, nie aber Zweck sein kann. Tatsächlich ist die Rationalität unabdingbar für Kritik, für Entscheidungen, für jede argumentative Auseinandersetzung: Sie ist aber als letzter und höchster Wert (der immer Schimäre bleiben muss) gänzlich ungeeignet. Jedes Ziel des Menschen muss eine emotionale Grundlage haben, es muss die Vorstellung eines schöneren, angenehmeren, besseren Lebens erwecken, es muss Sehnsüchte befriedigen: Die Rationalität selbst als letztes Ziel aber ist völlig leer, sie ist eben einzig ein Werkzeug für andere Werte (wie Gerechtigkeit, Glück usf.)

Das Buch ist reich an geistreichen Überlegungen, es antizipiert jene Politik des Gefühls, die derzeit wieder Hochkonjunktur hat. Der Wunsch Zilsels, diesem Enthusiasmus um seiner selbst willen einen greifbaren, absoluten Wert entgegenzusetzen, lässt ihn aber über das Ziel hinausschießen: Einen solchen Wert gibt es nicht, er könnte einzig dogmatisch festgelegt werden und müsste dann – wie jeder Dogmatismus – der Diskussion entzogen werden. Der von ihm gepriesene Rationalismus aber ist tatsächlich unerlässlich – nämlich in der Diskussion über die Konsequenzen von Wertaussagen, über die Methoden, bestimmte Ziele zu erreichen und durch das Aufzeigen von Widersprüchlichkeiten im System. Trotzdem ist das Buch mehr als empfehlenswert (es ist über weite Teile äußerst klug und durchdacht), wobei auch die sehr lesenswerte Einleitung von Johann Dvorak Erwähnung verdient.


Edgar Zilsel: Die Geniereligion. Ein kritischer Versuch über das moderne Persönlichkeitsideal, mit einer historischen Begründung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1990.

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