Cormac McCarthy: The Road [Die Straße]

Wenn ich bereits auf der ersten Seite eines Romans lese: And on the far shore a creature […] stared into the light with eyes dead white and sightless as the eggs of spiders, dann schrillen bei mir sämtliche Alarmglocken. Auch wenn es sich um die Schilderung eines Alptraums handelt, aus dem der Protagonist soeben erwacht:…

Robert Musil: In Zeitungen und Zeitschriften II. Unselbständige Veröffentlichungen 1922-1924

Langsam ziehe ich die Seriosität der neuen, sich als „kritisch“ anpreisenden Musil-Gesamtausgabe in Zweifel. Sie wollte eine kritische sein, ein Hybrid-Ausgabe allerdings – will sagen: Der Text wird vom Verlag Jung und Jung in Buchform geliefert, die kritischen Ergänzungen und Bemerkungen sollten auf der Internetseite musilonline.at auffindbar sein. Unterdessen ist es so, dass der Editionsplan…

Frances Trollope: Briefe aus der Kaiserstadt [Vienna and the Austrians]

Frances Trollopes Schicksal weist viele Parallelen auf zu dem Johanna Schopenhauers. Beiden schien ursprünglich das übliche Leben einer Frau im 19. Jahrhundert bestimmt: Geburt, Heirat, Kinder, Tod. Jeweilige Einträge im Kirchenregister inklusive – als einzige Spur ihres Erdenlebens. Beide erfüllten denn auch die ersten Teile in der vorgeschriebenen Reihenfolge (auch wenn Frances ein wenig älter…

Anna Stern: das alles hier, jetzt.

Ich, hier, jetzt. Mit diesen drei Ausdrücken wird das sprachlich-philosophische Zentrum des menschlichen Daseins umrissen – der Ausgangs- und Nullpunkt menschlichen Sprechens und Seins. Ich bin. Ich bin. Ich bin hier. Ich bin jetzt hier. Was immer das Individuum tut oder sagt: Es ist in dem Daseins-Raum verortet, den die drei Wörter ‚ich‘, ‚hier‘ und…

Karl May: Und Friede auf Erden!

Für einmal muss ich zugeben, dass dieses Buch (ich zögere, es einen Roman zu nennen) nicht ohne historische Kenntnisse und vor allem biografische Einzelheiten des Autors verstanden werden kann. Das ist in meinen Augen fast immer ein Zeichen eines schlechten Buchs – so auch hier. Zum Autor: Karl May ist den jüngeren unter meinen Leser*innen…

Joseph Roth: Reisen in die Ukraine und nach Russland

Im Sommer 1926 war Joseph Roth im Auftrag der Frankfurter Zeitung, deren zeitweiliger Mitarbeiter er darstellte, nach Russland gefahren. Die Frankfurter Zeitung war damals ein Sprachrohr der linken Intellektuellen, und eine Übersicht über ihre Mitarbeiter liest sich heute wie ein ‚Who ist who‘ der damaligen Szene. (Nach dem Zweiten Weltkrieg sollten einige dieser Mitarbeiter in…

Joris-Karl Huysmans: Lourdes. Mystik und Massen

Wenn es einen gibt, der niemals den Wunsch gehabt hat, Lourdes zu sehen, dann bin ich es. Mit diesem Satz beginnt in meiner Ausgabe das erste Kapitel des Berichts über seinen Besuch in Lourdes – denn den Besuch hat Huysmans dann trotzdem gemacht und sogar einen Bericht im Anschluss verfasst. Der Autor gibt gleich nach…

Blanca Imboden: heimelig

Langsam nähert man sich ja dem Alter, in dem das Thema „Altersheim“ mehr wird, als nur eine theoretische Möglichkeit an einem fernen Horizont. Mehr als etwas, von dem man den sich sträubenden Opa, die abwehrende Mama zu überzeugen versucht. Die heutige Gesellschaft bietet kaum noch die Möglichkeit, jene althergebrachte Familienform zu leben, wo mehrere Generationen…

Robert Musil: Bücher I

Nun hat es also auch diese kritische Werkausgabe erwischt. Sechs lange Bände, den ganzen Mann ohne Eigenschaften hindurch, sah es so aus, als ob die neue, von Walter Fanta herausgegebene Musil-Ausgabe durchlaufen würde, wie ein heißes Messer durch Butter. Doch nun dies: Beim Auspacken von Band 7 blickte mich nicht – wie noch im Anhang…

The Grinch (USA, 2018)

Dr. Seuss ist hierzulande kaum bekannt; in den USA ist er ein bekannter Kinderbuchautor und Cartoonzeichner. Theodor Seuss Geissel, wie er mit bürgerlichem Namen hiess, hat auch oft beides miteinander verbunden. So in seinem bekanntesten Werk, How the Grinch Stole Christmas, das 1957 erschien. Damit wurde er auch hierzulande berühmt; oder, um genau zu sein,…