Gottfried Wilhelm Leibniz: Die Theodizee. Von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels

Ein … merkwürdiger Text, den Leibniz da 1710 veröffentlicht hat. Im Gegensatz zur kurzen und präzisen Monadologie, verliert sich Leibniz hier in seinem Thema. Er mäandert; man hat den Eindruck, dass er einfach hingeschrieben hat, was ihm gerade zum Thema in den Sinn gekommen ist.

Dieser Eindruck war es wohl, der Bertrand Russell in seiner Philosophiegeschichte (Philosophie des Abendlandes) dazu verführte, zwei Leibnize zu postulieren. Einen exoterischen, der in seinen Publikationen vorsichtig zu Gange war und sich hütete, mit seinen Meinungen beim Volk und vor allem bei den Herrschenden anzuecken und quasi aus Karrieregründen nur orthodoxe Meinungen vertrat. Und einen esoterischen, der in Briefen und privaten Notizen weniger orthodox und auch mehr auf Fragen der Logik und der logischen Notation ausgerichtet war. Russell bringt dafür das Beispiel, dass Leibniz gewisse Ideen fallen gelassen haben soll wie eine heisse Kartoffel, als sie er sie Arnaud in einem Brief geschildert habe und dieser auf deren Heterodoxie entsetzt reagiert habe. Russell unterschätzt dabei m.M.n. Leibniz‘ ehrlichen Wunsch, im Disput dazu zu lernen. Auch ignoriert er die Tatsache, dass der Jansenist Antoine Arnaud als selber als Häretiker galt, und also keineswegs als Massstab der Orthodoxie angesetzt werden konnte, schon zu Leibniz‘ Lebzeiten nicht. (Dass Leibniz‘ Karriere letztendlich im Sande verlief und bei seiner Beerdigung kaum eine Handvoll Menschen sich einfand, von seinen Dienstherren keiner, wäre in Russells Sichtweise dann ein ironischer Kontrapunkt des Lebens, ist aber wohl eher ein Zeichen dafür, dass Leibniz das weltliche Fortkommen nicht als erste Priorität führte – auch wenn er sicher nichts dagegen hatte, gut zu leben.)

Das Problem der Theodizee ist seit rund 2’000 Jahren dasselbe: Als Christ setze ich voraus, dass Gott existiert und dass er diese Welt (mehr oder weniger auf die Art und Weise, wie in der Genesis geschildert) geschaffen hat. Ich sehe nun aber, wenn ich um mich blicke, dass in dieser von Gott geschaffenen Welt viel Übles existiert. Als Christ muss ich mir Gott allmächtig, allgütig und allwissend vorstellen. Warum zum Teufel verhindert er dann das Übel nicht? Der erste christliche Denker, der das Problem formulierte (und die Formulierung vorsichtshalber Epikur in die Schuhe schob!) war im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung Lactantius. Augustin und Thomas von Aquin behandelten die Frage ebenfalls. Meist wird das Übel als Mangel an etwas beschrieben – Blindheit zum Beispiel als Mangel an Augenlicht. Nur wenige Nominalisten betrachteten das Übel als etwas in der Realität Existierendes.

Leibniz nun beantwortet die Frage dahingehend, dass Gott vor der Schöpfung sozusagen alle einer Realität zuführbaren (also möglichen) Welten geprüft hätte, um die der Realisierung zuzuführen, die darunter die beste gewesen sei. Ausser der darin enthaltenen Petitio Principii (Gott ist allgütig, also schafft er die beste aller möglichen Welten, was seine Allgüte beweisen soll – Gerhard Streminger), sind darin natürlich verschiedene weitere Fallgruben versteckt. Zum einen wird der Mensch als letztlich unmündig deklariert, weil er Gott gegenüber wie ein Kind gegenüber den Eltern dasteht, das nicht weiss, warum ihm die Mutter weh tut, wenn sie es rasant vom Herd wegreisst, auf dessen heisse Kochplatten das Kind gerade seine Hände legen wollte. Sprich: Das Übel dient letztlich dazu, das Gute zu vermehren – nur können wir den Zusammenhang nicht sehen. (Auch Augustin hatte schon ähnlich argumentiert. Das ist gute, christliche Orthodoxie.) Ausserdem wird auf diese Art und Weise im Grunde genommen die Logik, nach der Gott urteilt, über Gottes Allmacht gestellt, da er – zwar nicht in der Theorie, aber doch in der Praxis – dazu verurteilt ist, dieser Logik nachzugehen. (Was nun wiederum Häresie ist: Moira, der letztlich auch Zeus unterworfen ist! Leibniz rettet den allgütigen Gott auf Kosten des allmächtigen. Selbst Gott kann halt nicht alles in höchster Potenz sein …)

Die „beste aller möglichen Welten“ ist zwar so simpel nicht, wie sie Dr. Pangloss in Voltaires Candide haben wollte – aber Leibniz hätte wohl besser daran getan, seine Auseinandersetzung mit Pierre Bayle, die die Theodizee über weite Strecken ist, zu kürzen oder ganz sein zu lassen.

PS. Russell in seiner Philosophie des Abendlandes spricht davon, dass Leibniz in der Theodizee vier Gottesbeweise untergebracht hätte. Ich habe bei meiner Lektüre keinen expliziten Beweis von Seiten Leibniz‘ dafür gefunden, dass Gott existiert. Diese Existenz wird m.M.n. wie in der Monadologie einfach vorausgesetzt. Die „Beweise“ gelten Gottes Allmacht, Allgüte und Allwissen. Es mag aber sein, dass ich zwischendurch etwas überlesen habe, denn die Theodizee zieht sich manchmal wie Kaugummi. Jedenfalls ist es kein Wunder, wenn dieser Text, so wichtig er philosophiegeschichtlich gesehen sein mag, heute nicht mehr gelesen wird. Zu sehr argumentiert Leibniz hier als – zwar letztlich heterodoxer! – Theologe und Scholastiker. Vom in die Zukunft gerichteten Frühaufklärer Leibniz praktisch keine Spur …

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