Philip K. Dick: The Man in the High Castle [Das Orakel vom Berge]

‚Alternate History‘ (die deutsche Übersetzung ‚Alternativweltgeschichte‘ kennt kein Mensch) gilt als Sub-Genre der Science Fiction1). So nennt man jene Geschichten, die davon ausgehen, dass ein bestimmter Punkt in der Weltgeschichte, ein bestimmtes Ereignis anders stattgefunden, nicht stattgefunden oder zusätzlich stattgefunden haben, und dass ab diesem Zeitpunkt die Weltgeschichte anders verlaufen ist als in der historischen Wirklichkeit. Bei Hannes Steins Der Komet (hier besprochen) war es der Umstand, dass der österreichische Thronfolger 1914 nach dem ersten gescheiterten Attentatsversuch Sarajewo verlassen hat, demzufolge nicht im zweiten ermordet werden konnte, was zur Konsequenz hatte, dass das labile Gleichgewicht der europäischen Grossmächte bis ins 21. Jahrhundert erhalten blieb. Die USA blieben ein in selbstgewählter Isolation stecken gebliebenes Schwellenland, in dem vorwiegend Ackerbau und Viehzucht betrieben wurde; das Deutsche Reich hingegen hat Kolonien auf dem Mond gegründet. Bei Dicks The Man in the High Castle ist es der Umstand, dass der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt schon kurz nach seiner Wahl 1933 ermordet wird, worauf ihm zwei schwache Präsdidenten folgen, die versuchen, die USA aus den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs herauszuhalten. Vergebens. Der japanische Überfall auf Pearl Harbour bricht diesen USA definitiv das Genick. 1947 gewinnen die Achsenmächte den Krieg und teilen die Welt unter sich auf. Italien kriegt den Nahen Osten und die mediterranen Teile Afrikas plus das ausgetrocknete und in riesige Kornfelder verwandelte Mittelmeer, sinkt aber zum Status einer Regionalmacht ab. Als Grossmächte sind in den 1960ern (die Zeit, in der der Roman spielt) nur noch Japan und das Dritte Reich übrig. Letzteres hat sich im Osten der USA festgesetzt. Dort existiert jetzt – mit Zentrum New York – ein Vasallenstaat namens ‚USA‘, der u.a. auch die Judenvernichtung des Nationalsozialismus weiter betreibt. Neben China und Südostasien hat sich Japan die Westküste der ehemaligen USA einverleibt; der dortige Vasallenstaat nennt sich ‚Die Pazifischen Staaten Amerikas‘ (PSA) und ist um einen Tick liberaler als die USA.

Dicks Roman spielt zu einem grossen Teil in San Francisco, offenbar der Hauptstadt der PSA. Die Geschichte kennt verschiedene Protagonisten, bei vielen ist es nicht ganz klar, wer sie nun wirklich sind. Da ist der italienische LKW-Fahrer, der sich als Schweizer Auftragskiller im Dienste des Deutschen Reichs entpuppt, aber von einer Frau (und seiner zeitweiligen Geliebten) getötet wird, die sich in den fernöstlichen Kampfkünsten auskennt. Diese Frau war mit einem andern Protagonisten verheiratet, der in San Francisco lebt, einen amerikanischen Namen trägt, aber eigentlich Jude ist, im Lauf der Geschichte entlarvt und um ein Haar in die USA deportiert wird. Der schwedische Kaufmann ist ein deutscher Undercover-Agent – aber auch die Welt selber ist nicht, was sie zu sein scheint. Da gerät einer der japanischen Protagonisten in einer Art Flash plötzlich ins reale San Francisco der 1960er und ist völlig schockiert ob der Tatsache, dass ihm, dem Mitglied der überlegenen japanischen Rasse, im Omnibus nicht ein Sitzplatz frei gemacht wird. Ja, zum Schluss wird eine weitere der vielen Befragungen des I Ging den schockierten Protaginisten Julia Frink (die gerade den Schweizer Killer umgebracht hat, der ausgeschickt war, den Autor des Buchs im Buch, The Grasshopper Lies Heavy, zu töten und nun ihrerseits beim Autor Hawthorne Abendsen zu Gast ist) und Abendsen enthüllen, dass weder Abendsens Grasshopper-Welt noch ihre eigene Welt die wirkliche Welt darstellen.

Eine Verschachtelung von Realitäten und von Welten, die einen fragen lässt, warum denn Dick nicht zur Weltliteratur gezählt wird, sondern nach wie vor – auch in den USA – nur den Ruf eines grandiosen, aber seltsamen Science-Fiction-Autors geniesst. Ich glaube, dass die Antwort relativ einfach ist. Auch in den USA, auch im anglophonen Raum, gibt es die Grenzen zwischen ernsthafter und unterhaltender Literatur. Die Grenzen mögen fliessender sein als im deutschen Sprachraum, aber sie existieren. In The Man in the High Castle spielt Dick ebenso mit den Realitäten und Identitäten, wie es z.B. Paul Auster in der New-York-Trilogy tut. Dick verwendet das absurde Motiv des I Ging, das immer wieder von seinen Protagonisten konsultiert wird, wenn es darum geht, wie sie weiter machen sollen. Abendsen gibt zu, sein Buch mit Hilfe des I Ging geschrieben zu haben. Und auch Dick selber behauptete, das I Ging befragt zu haben, wenn es darum ging, wie der Plot weitergeführt werden sollte. Eine derart absolut-absurde Verquickung von Realität und Fiktion fehlt bei Auster. Dort ist es das Maximum, wenn der vermeintliche Privatdetektiv, dessen Rolle das erzählende Ich übernimmt, den Namen des Autors trägt. Aber: Auster macht es sich und dem Rezensenten ganz klar, dass er seine Welt von Kafka adaptiert hat. Dies erkennen und Parallelen ziehen zu dürfen, schmeichelt dem intellektuellen Bedürfnis des Literaturkritikers. In The Man in the High Castle wird zwar (im selben Gespräch aus dem ich in Anmerkung 1 zitiert habe) einmal Nathanael West angesprochen (mit dessen Wortschatz die beiden Japaner Mühe bekunden), aber dieses Thema wird rasch wieder fallen gelassen und bliebt für den Roman irrelevant. Das I Ging hingegen steht dem durchschnittlichen westlichen Kritiker zu fern, als dass er damit etwas anfangen könnte; ausserdem erscheint hier sofort der Kritikpunkt, dass im realen Japan (und Dicks Geschichte zeichnet sich unter dem Strich durch eine stark gezeichnete Realität aus – anders als die abstrakten Räume eines Kafka oder Auster, der zwar ‚New York‘ sagt, aber jede beliebige Stadt beschrieben haben könnte), dass in Japan also das I Ging nie die grosse Rolle gespielt hat, die ihm Dick zuweist. Dicks Sprache ist teils an Hemingway orientiert, teils aber versucht er sich in einer merkwürdigen Syntax, die wohl japanische Syntax auf englischen Wortschatz angewendet darstellen soll, aber mit japanischer Syntax wenig zu tun hat. (Im Zitat von Anmerkung 1 haben wir ein Beispiel; aber bei Dick sind es nicht nur die Dialoge, die er so gestaltet, auch der auktoriale Erzähler verwendet diese Sprache.) Last but not least der Punkt, dass Adolf Hitler bei Dick zwar immer noch lebt, aber die Geschicke des Dritten Reichs nicht mehr leitet, weil er, an Syphilis erkrankt und dement, zurückgezogen in den Bergen haust. Nach Hitler hat Bormann das Reichskanzleramt übernommen; Bormanns Tod im Laufe des Romans ist Anlass für erneute Diadochenkämpfe unter den Überlebenden der alten Führungsriege. Dass so viele überleben (nur Himmler ist bereits tot), dass sich kein einziger Neuer in die Führungsriege einschleusen konnte, und vor allem, dass das Dritte Reich ganz offen zugibt, dass Hitler an Syphilis erkrankt ist, kann ich mir bei einer Ideologie, die die gesunde blonde Bestie verherrlicht hat, kaum vorstellen.

Sei dem, wie dem sei: Dicks Buch gibt Anstoss für viele weiterführende Gedanken, was über seine oft merkwürdige Sprache und die sprunghafte Motivation der Handlung hinweg hilft. Und wenn Auster Weltliteratur ist, ist es Dick schon lange…


1) Gehört ‚Alternate History‘ wirklich zur Science Fiction? Der vorliegende Roman ist wohl nicht zuletzt mit daran schuld, dass diese Zurechnung üblicherweise stattfindet. Dick hatte zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung bereits einen gewissen Namen in der SF-Szene, und so war es nur natürlich, dass man auch sein neuestes Werk diesem Genre zurechnete. Dick wirft die Frage sogar selber in seinem Werk auf, wo er ein paar Protaginisten über The Grasshopper Lies Heavy diskutieren, das Buch im Buch, eine Alternativweltgeschichte, in der die Achsenmächte besiegt worden sind, aber nochmals anders als in der Realität: Grossbritannien hat Rommel in der afrikanischen Wüste besiegt, dann den Landweg über den Nahen Osten genommen und das Dritte Reich auch von Osten her in die Zange nehmen können, während in den USA starke und kriegsbereite Präsidenten sich um Japan kümmerten; Adolf Hitler überlebt die Niederlage und wird ebenfalls vor das Nürnberger Tribunal gestellt; auch in dieser Welt hat sich ein Kalter Krieg entwickelt, nicht zwischen dem Dritten Reich und Japan, wie in Dicks Welt, nicht zwischen den USA und der UdSSR, wie in der Realität der 1960er, sondern zwischen den USA und Grossbritannien.

Robert Childan, zu Gast bei einem jungen, japanischen Ehepaar (Paul und Betty), wird das Buch vorgestellt. Er blättert darin und fragt, ob es sich denn dabei um mystery handle.

‚Not a mystery,‘ Paul said. ‚On contrary, interesting form of fiction possibly within genre of science fiction.‘

‚Oh no,‘ Betty disagreed. ‚No science in it. Nor set in future. Science fiction deals with future, in particular future where science has advanced over now. Book fits neither premise.‘

‚But,‘ Paul said, ‚it deals with alternate present. Many well-known science fiction of that sort.‘

Das hilft nicht weiter bei einer Definiton, ist aber bezeichnend für Dicks Vorgehensweise in diesem Roman, für seine Verquickung von Realität und Fiktion.

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Ein Kommentar zu Philip K. Dick: The Man in the High Castle [Das Orakel vom Berge]

  1. … „die deutsche Übersetzung ‚Alternativweltgeschichte‘ kennt kein Mensch …“
    Steile These. Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Alternativweltgeschichte

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