Michael Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch

Der Zynismus sei eine allzu bequeme Position, leicht sei es, die Menschen, ihr Verhalten zu kritisieren und die baldige Selbstvernichtung mit süffisantem Lächeln zu prophezeihen. Dem wolle der Autor etwas entgegensetzen, ein Konzept, dass sich an Julian Huxleys “evolutionären Humanismus” anlehnt. Der Mensch sei – trotz aller Gräuel, die er seinen Artgenossen zufügt, aller seiner Unzulänglichkeiten – nichts, das nicht zur Hoffnung berechtigen würde, denn grosso modo lasse sich eine Entwicklung zur Humanität, zur Vernunft feststellen.

Als Beweis für die “unterschätzte Spezies” führt er zum einen die enormen wissenschaftlichen Kenntnisse an, die von Astronomie über die Evolutionstheorie bis zur Genforschung den Menschen instand gesetzt hätten, sowohl seine eigene Position im Universum zu bestimmen als auch die eigenen Lebensbedingungen enorm zu verbessern. Allerdings wirken gerade diese enzyklopädischen Teile des Buches wie Fremdkörper, die Aufzählung neuer Technologien, der Fortschritte in den Naturwissenschaften haben für die These, dass der Mensch zur Hoffnung berechtige, keine Relevanz: All das kann – wie das 20. Jahrhundert bewiesen hat – sowohl zum Guten als auch zum Schlechten der Menschheit ausschlagen. Bei diesen Kapiteln konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich hauptsächlich darum handelt, Seiten zu füllen bzw. den Eindruck zu erwecken, dass mit den zunehmenden Erkenntnissen auch schon eine positive Entwicklung erreicht wäre.

Wirklich von Belang für die Hoffnungsthese sind die spezifisch anthropologischen Erkenntnisse, die über Evolutionstheorie oder Ethologie gewonnen wurde: Wir verstehen heute sehr viel besser, warum sich Gruppenegoismen aber auch empathische Fähigkeiten entwickelt haben und wie stark eigentlich archaische Verhaltensweisen in unserer modernen Welt wirksam sind. Diese Verständnis zeigt uns auch die Richtung, die wir einschlagen müssen (und die Frans de Waal simpel mit der unbedingt notwendigen Erweiterung unseres Empathiebereiches umschrieben hat): Wir müssen erkennen, dass es sich die Menschheit nicht mehr erlauben kann, in sozialer, wirtschaftlicher Hinsicht nur auf die Vorteile der eigenen Gruppe (wie umfassend diese auch immer gedacht wird) zu achten, der Sieg, die Dominanz der einen wirkt sich auf längere Sicht auch negativ für den Sieger aus: Der wirtschaftlich Dominierende muss seine potentiellen Kunden mit Rettungspaketen über Wasser halten (da es sonst schlicht niemand mehr gibt, der weiterhin als Käufer für die Produkte des prosperierenden Staates auftritt), ohne eine einigermaßen gerechte Verteilung der Resourcen wird auch der vom System (noch) Begünstigte untergehen (das erinnert an die Ausführungen von Jared Diamond über den Untergang der Wikingerkulturen in Grönland, der am Ende alle betraf).

Die Hoffnung auf eine solche Besserung begründet Schmidt-Salomon mit den Fortschritten der letzten 50 oder 100 Jahre: Und tatsächlich werden die Errungenschaften dieser Zeit zumeist ignoriert, während man mit zynischer Selbstgefälligkeit auf Kriege, Konzentrationslager, Vertreibungen und Hungerkatastrophen hinweist. Allerdings ist der Prozentsatz derer an der Weltbevölkerung, die unter solchen Bedingungen leiden, heute tatsächlich geringer als je zuvor (nicht in absoluten Zahlen), wir haben Standards entwickelt (wie die Menschenrechte), die vom allergrößten Teil der Menschheit anerkannt werden und entwickeln eine, wenn auch eingeschränkte, Sensibilität für Ungerechtigkeiten, Ungleichbehandlungen etc. Viele Verbesserungen werden uns aufgrund ihrer zeitlichen Dimension nur beschränkt bewusst: Wer aber 50 Jahre zurückgeht und die Stellung der Frau, der Kinder von damals mit dem Status quo vergleicht, wird unzweifelhaft einen enormen Fortschritt konstatieren müssen. Und auch die empathische Ausweitung hat in diesen Jahrzehnten neue Dimensionen angenommen, wir sind mit mehr fremden Menschen konfrontiert und erkennen gerade dadurch, dass es sich bei diesen Fremden um gleichberechtigte Individuen handelt (nicht zufällig ist die Fremdenfeindlichkeit dort am größten, wo es am wenigsten Fremde gibt*).

Ob das alles zu einer paradiesischen Zukunft führt oder ob wir nicht doch unsere (mögliche) Selbstvernichtung konsequent bis zum Ende betreiben werden ist natürlich ein wenig Kaffeesudleserei: Allerdings plädiere ich mit dem Autor für eine positive Grundhaltung, ein Anerkennen des Erreichten und gegen den erwähnten selbstgefälligen, den Weltuntergang beschwörenden Zynismus, der häufig bloß der eigenen Bequemlichkeit als Ausrede dient. Diese sich in allen nur denkbaren Katastrophenszenarien suhlenden Propheten des Weltendes erinnern an die resignativ-egoistischen Haltungen des Stammtisches: “Die da oben” würden ja ohnehin nur auf sich selbst schauen, nicht auf das “einfache Volk” hören, weshalb im Grunde alles die Politik Betreffende völlig sinnlos sei. So wird der totalen politischen Resignation das Wort geredet, die eigene Ohnmacht beschworen, um sich von sämtlichen Verpflichtungen gesellschaftlicher Art loszusagen. Eine solche Einstellung freut sich aller Katastrophen und Unglücksfälle, jeder Terroranschlag, jeder Kriegstote, jedes Unheil ist eine Bestätigung dessen, was man schon immer gewusst zu haben vorgibt. Das angebliche Wissen um die unvermeidliche (und katastrophale) Zukunft führt zur “self fulfilling prophecy”, die konstatierte Unvermeidlichkeit dient als Argument für die eigene Passivität.

So kann man Schmidt-Salomon in seinen Grundaussagen durchaus zustimmen und auch die Kritik all derer zurückweisen, denen es an konkreten Lösungsvorschlägen im Buch mangelt: Denn darum geht es nur teilweise (tatsächlich versucht der Autor solche Lösungsansätze zu präsentieren, etwa das cradle 2 cradle (c2c) Konzept, das nicht in einem Wohlstandsverzicht die Lösung sieht sondern in sehr viel größerer Effektivität im Umgang mit den Resourcen). Sehr viel wichtiger erscheint eine Änderung der Grundposition: Eine positive Sicht der Dinge (ohne deshalb all das Unglück aus den Augen zu verlieren) und der Glaube, an einer solchen positiven Entwicklung mitarbeiten, daran teilnehmen zu können. Und damit auf die die eigene Bequemlichkeit stützenden Ansätze zu verzichten (wie sich schon Nestroys Knieriem gern auf den unvermeidlichen Kometen für all sein Handeln und Nichthandeln berufen hat).


*) Typisch dafür die Wahlergebnisse bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl: Alle größeren Städte (und dazu werden Ortschaften ab etwa 30 000 Einwohner gezählt) haben “links” bzw. “grün” gewählt, in den Städten über 100 000 Einwohner erreichte van der Bellen 60 % und mehr gegenüber seinem rechtspopulistischen Mitbewerber, während in meinem Dorf (300 Einwohner) rund 70 % für den Rechtspopulisten Hofer stimmten.


Michael Schmidt-Salomon: Hoffnung Mensch. München, Zürich: Piper 2014.

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