Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. Band I

Ich habe mich über dieses erste Buch hier schon ausführlich geäußert, verweise außerdem auf Sandhofers Besprechung und füge nur einige, mir wichtig erscheinende Bemerkungen hinzu, die sich vor allem wieder aus dem Gegensatz zu der – m. E. grundfalschen Ansicht Schröders – ergeben: Der nämlich der Vernunft für die atheistischen Bestrebungen eine höchst untergeordnete, wenn nicht gar vernachlässigbare Bedeutung zugesprochen hat.

Mauthner verfolgt – implizit – diesen rationalistischen Ansatz, indem er alle irgendwie häretischen Bewegungen (die also sich gegen einen etablierten Glauben wenden – auch in der Antike) mit atheistischem Denken in Verbindung bringt. Dabei wird von Anfang an klar, dass es das Denken ist, das für Häresien als auch die völlige Ablehnung von Glaubensinhalten verantwortlich zeichnet; die simple Tatsache, dass man sich mit vorgegebenen dogmatischen Meinungen nicht oder nur eingeschränkt einverstanden erklärt, hat bereits jenen subversiven Charakter, der schließlich zur Konsequenz einer völligen Ablehnung aller Wundergeschichten führt, wie sie für eine religiöse Überlieferung konstituierend sind. Rationalität ist logische Argumentation, eine Argumentation, die bestimmte Regularien für verbindlich erachtet und geoffenbarten Erkenntnissen vorzieht: So ist in den scholastischen Versuchen, zwei Wahrheiten zu etablieren, das Scheitern bereits vorprogrammiert. Man kann Wahrheit (bzw. Falschheit) zwar relativieren, gelangt dabei aber immer an den Punkt, an dem man sich für nur eine Variante entscheiden muss: Und auch diese Entscheidung wird nach rationalen Gesichtspunkten gefällt (und kann auch so entschieden werden), wenn nicht staats- oder kirchenpolitische Macht für die Durchsetzung der ihnen genehmen Warheit sorgen.

So hat Mauthner in seiner sehr ausführlichen Analyse der Hexenverbrennung Recht, wenn er die Ursache dafür im Glauben selbst sieht, in der grundsätzlich supernaturalistischen Konzeption, die einen Teufel inthronisiert und sich auf die zahlreichen Schilderungen zauberischer Tätigkeiten im NT berufen kann. Hexenverfolgung ist ohne den Teufel nicht denkbar – und dieser hinwiederum ist nur eine Variante eines weniger lieben Gottes. Sehr deutlich wird durch die ausführliche Schilderung der sukzessiven Kritik an diesem Hexenunwesen die Rolle der Rationalität: Man zögert (aus verständlichem Grunde), die Kritik auf religiös-theologische Bereiche auszudehnen, bemüht aber (beispielhaft Montaigne) den gesunden Hausverstand, um dem Treiben Einhalt zu gebieten.

Dabei wird offenkundig, dass der Impetus für die Verbrennungen häufig in höchst weltlichen Belangen zu suchen sind: Ausübung von Macht, Geldgier, Beseitigung unerwünschter Kontrahenten – oder später, in der Frühen Neuzeit, rein politische Motive (sowohl von Protestanten als auch Katholiken gegenüber der anderen Partei eingesetzt). Entscheidend aber ist immer der erste Zweifel, dass da jemand ist, der von des „Gedankens Blässe angekränkelt“ sich den Kopf über die vorgegebenen Erklärungen zerbricht. Das Denken an sich (selbst wenn es – wie in der Scholastik – zur Verteidigung des Glaubens eingesetzt wird) birgt schon jene Subversivität, die – früher oder später – an der dogmatische Fassade des Glaubensgebäudes kratzt. Verschiedentlich wurde das von seiten der Theologen sehr wohl erkannt: Luther spricht nicht von ungefähr von der „Hure Vernunft“, wissend, dass diese sich nicht nur für eine bestimmte Richtung instrumentalisieren lässt, sondern – einmal losgelassen – eine Eigendynamik entwickelt, die festgefahrene Überzeugungen zu untergraben neigt.

Das zeigt sich auch in der von Mauthner sehr ausführlich behandelten Sekte der Socinianer, die in der Nachfolge des Arianismus aus der Bibel keinen Hinweis auf eine Dreieinigkeit Gottes herauszulesen vermochten. Eine solche Herangehensweise an die heiligen Bücher birgt natürlich den Keim der Auflösung diverser Dogmen: Auch von der Erbsünde meinten die Socinianer in der Bibel nichts zu lesen und ebenfalls rationalistisch mutet das Argument für den Monophysitismus an. Etwas sei entweder Wasser oder Feuer, beide Naturen (göttlich und menschlich) könnten in einer Person nicht vereinbart werden. Hier zeigt sich ganz deutlich, dass die katholische Kirche diese Gefahren sehr viel besser erkannte als die protestantische Seite: War die Bibel erstmals in die Landessprachen übersetzt, wurde der Einzelne geradezu herausgefordert, aus dem Text seine eigenen (vernünftigen) Schlüsse zu ziehen. Und der Protestantismus zeitigte über die Jahrhunderte entsprechende Erscheinungen, die sich in einem wirren Interpretationschaos entluden und – entkleidet all des Wunderbaren – das für eine Religion konstituierend ist, zu einem vernünftelndem Pseudoglauben verkam, der – aller Vernunft zum Trotz – dann doch wieder an einigen unabdingbaren Wundern (wie der Auferstehung) festhalten musste. Eine vernünftige Religion ist eine contradictio in adiecto: Ist sie für den menschlichen Verstand annehmbar, ist man der Notwendigkeit des Glaubens enthoben und ein Derivat der Wissenschaften.

Das immer wieder herauszustellen (implizit oder explizit) ist mit Sicherheit ein Verdienst dieses ersten Bandes, auch wenn man anderen Mauthnerschen Interpretationen der Geistesgeschichte nicht immer folgen kann: Die Bedeutung seines geliebten Socinianismus scheint durch eine Art Liebhaberei bewirkt, der die historische Faktenlage nicht gerecht wird. So versteigt sich Mauthner zur Aussage, dass ohne diesen Socianismus die Aufklärung gar nicht stattfinden hätte können und Bibelkritik nicht möglich gewesen wäre. Eine kurzsichtige und monokausale Geschichtsauffassung: Der Socianismus war eine von zahlreichen Bewegungen und Geistesströmungen, die einige Gedanken der Aufklärung vorweggenommen und textkritische Untersuchungen der Bibel in die Wege geleitet hat. Er ist aber nur ein Teil dieser Entwicklung und stellt keineswegs jenen allesentscheidenden Impetus dar, der diese Entwicklung erst ermöglicht hat. Dass aber diese Strömungen als Vorstufen einer atheistischen Haltung angesehen werden können, zeigt die sich aus dem Socianismus entstandene Gemeinschaft der Unitarier, in der aufgrund der expliziten Freiheit des Glaubens auch Agnostiker oder Atheisten Aufnahme finden können. (Warum sie das tun sollten, ist hinwiederum eine andere Frage.) Toleranz, Pluralität der Meinungen erzeugen im Verbund mit der Vernunft atheistisches Gedankengut: Weshalb in einer solchen Offenheit für den dogmatischen Glauben die größte Gefahr liegt.


Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. Band I. Stuttgart, Berlin: Deutsche Verlagsanstalt 1920.

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