Wilhelm Wundt et al.: Allgemeine Geschichte der Philosophie

1909 zum ersten Mal erschienen; gelesen in der zweiten, überarbeiteten Auflage von 1913.

Vermutlich hat der Ausbruch des Ersten Weltkriegs dieser Philosophiegeschichte ‘den Hals gebrochen’. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum sie heute praktisch verschollen ist, haben doch nur Leute mitgewirkt, die seinerzeit als Koryphäen in ihrem Fach galten: Wilhelm Wundt für Die Anfänge der Philosophie und die Philosophie der primitiven Völker, Hermann Oldenberg für Die orientalische (ostasiatische) Philosophie, Wilhelm Grube † für Die chinesische Philosophie, Tetsujiro Inouye für Die japanische Philosophie, Hans von Armin für Die europäische Philosophie des Altertums (also die antike, griechische Philosophie), Clemens Baeumker für Die patristische Philosophie, Ignaz Goldziher für Die islamische und die jüdische Philosophie des Mittelalters (ersteres läuft auch oft – so bei uns – unter der Bezeichnung “arabische Philosophie” – wogegen sich Goldziher allerdings wehrt, da auch die Juden jener Zeit auf Arabisch philosophierten), noch einmal Baeumker für Die Christliche Philosophie des Mittelalters, und zum Abschluss Wilhelm Windelband für Die neuere Philosophie. Diese Philosophiegeschichte ist im Rahmen einer Reihe namens Die Kultur der Gegenwart. Ihre Entwicklung und ihre Ziele erschienen; ihr Zielpublikum war also höchstwahrscheinlich das gebildete Bürgertum der Zeit, nicht der Philosoph von Profession.

Um es vorweg zu nehmen: So lange Bertrand Russells zusammengestoppeltes Machwerk Philosophie des Abendlandes auf Deutsch wie auf Englisch regelmässige Neuauflagen erlebt, sehe ich nicht ein, warum diese Philosophiegeschichte hier nicht ebenfalls wieder neu aufgelegt wird. Die fachliche Kompetenz der einzelnen Autoren übertrifft jedenfalls diejenige Russells um ein Mehrfaches, und die einzelnen Beiträge sind allesamt weniger aus der Sicht einer bestimmten Auffassung von Philosophie geschrieben, als es bei Russell der Fall ist.

Mein Interesse galt diesmal vorwiegend den beiden heute wohl noch bekanntesten Autoren dieses Sammelbands, Wundt und Windelband. Für den Inhalt der übrigen Artikel verweise ich auf die diesem Aperçu beigefügten Schlagwörter, wo ich die wichtigsten Themen und Personen dieser Artikel aufgeführt habe.

Wilhelm Wundts Beitrag ist weniger philosophischer als sprachwissenschaftlich-völkerkundlicher Natur. Er kann eine Philosophie bei den primitiven Völkern nur ausmachen, indem er ‘Philosophie’ und ‘Weltanschauung’ in eins stellt, und auch dann ‘Weltanschauung’ im ganz Grossen nimmt, Mythen ebenso einbegreifend wie historische Fakten. Dass er dabei dem Sprachgebrauch und der wissenschaftlichen Anschauung der Zeit folgt, und nicht-europäische Völker als primitiv bezeichnet, kann ihm nicht angekreidet werden. Wir wissen heute, dass weder (sein Lieblingsbeispiel) die Bantu-Sprache noch das Denken der Bantu sprechenden Völker ‘primitiv’ sind. Immerhin will Wundt diesen Völkern den Ehrentitel einer Philosophie nicht absprechen. Alles in allem haben wir eine Kurzfasssung von Wundts Völkerpsychologie vor uns.

Wilhelm Windelband deckt die Zeit von der Renaissance bis zum 19. Jahrhundert ab. Er ist von allen hier vertretenen Wissenschaftern der am meisten ‘germanisch’ zentrierte. In der Renaissance kennt er kaum einen Italiener oder Spanier (auf die Leinkauf so grosses Gewicht legt), dafür ist ihm Nikolaus von Kues einer der wichtigsten Renaissance-Denker. Und er ist von allen Philosophie-Geschichtlern, die ich bisher gelesen habe, der einzige, der Jakob Böhme überhaupt zur Philosophie rechnet. Am interessantesten – nämlich für die Geschichte der Philosophiegeschichte – ist das Schlusskapitel E. Die Philosophie des 19. Jahrhunderts, wo Windelband unter der Französischen Philosophie neben mystischen Strömungen (Chateaubriand) auch Materialismus und Sozialismus aufzählt; in der Englische[n] Philosophie eine starke agnostizistische Strömung festmachen will, bei Mill und Spencer darwinistische Einflüsse sieht, und sogar dem Pragmatismus als Weiterentwicklung der utilitaristischen Schule ein Kapitel widmet. Den Schluss bildet die Deutsche Philosphie, einsetzend mit Hegels Schule (Feuerbach, dialektischer Materialismus, Marxismus), gefolgt von Lotze und Hartmann, weiter zur Rückkehr zu Kant (Cohen), und dann über die Psychophysik (Fechner) bei Nietzsche endend.

Windelband ist der einzige, der sich nicht enthalten kann, bei der Vorstellung der einzelnen Philosophen jeden mit ein paar Adjektiven zu charakterisieren. Das ist in dieser Form heute verpönt, und wirkt bei Windelband schon einigermassen reisserisch. So würde ich behaupten, dass Windelbands Artikel gar der schwächste des ganzen Buchs ist.

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