Samuel Butler: Erewhon

Sandhofer hat dem Buch schon einige lobende Zeilen gewidmet, aber auch auf Längen hingewiesen und auf die – von mir unterschriebene – Tatsache, dass Butler wohl nicht als großer Romancier bezeichnet werden kann. Die Figuren sind hölzern, sie dienen dazu, bestimmten Eigenschaften eine Stimme zu verleihen, sind Instrument für theoretische Ausführungen.

Butler schreibt keine Utopie (eher – wenn überhaupt – eine Dystopie), sehr viel besser vergleichbar ist das Werk mit den Perserbriefen Montesquieus oder auch mit den “Briefen in die chinesische Vergangenheit” Rosendorfers. Denn es ist Gesellschaftskritik, die Butler übt, Kritik an der Bildungspolitik, an den Schulen, an den Lehrinhalten (so gibt es in Erewhon eine längst ausgestorbene Sprache, in die sogar rezente Lyrik übersetzt wird, obschon sie kaum jemand anderer zu lesen imstande ist als die Akademiker selbst: Latein scheint nicht Butlers Lieblinsgfach gewesen zu sein), an einer verdrehten Philosophie (“Die Schulen der Unvernunft”), die sich einzig sophistischen Sprachrätseln verpflichtet fühlen (die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts stand in England im Zeichen des Neuhegelianismus) und an der Gesellschaft: Der Heuchelei der Kirchen (insbesondere den Puritanern konnte Butler wenig abgewinnen), aber auch der Gesellschaft und deren Gier nach Geld.

Das zentrale Motiv aber ist die Technikkritik: In Erewhon wurden alle technischen Errungenschaften, alles Maschinelle vernichtet (in einem Krieg, in dem diese Maschinen von den Maschinenverächtern mit Erfolg eingesetzt wurden), nachdem ein Philosoph auf die Gefahren dieser maschinellen Entwicklung hingewiesen hatte: Sie würden im Sinne der Darwinschen Evolutionstheorie sich weiterentwickeln und unzweifelhaft einmal die Menschheit versklaven und die Macht übernehmen. Dabei ist sein Argumentation überaus originell, er ist um die Legitimität eines Vergleiches von Lebewesen und Maschinen bemüht und es gelingt ihm mit überraschender Weitsicht viele Probleme der Industrialisierung und Computerisierung unserer Zeit aufzuzeigen. Wobei er es sich natürlich leicht macht, auf manche “unleserliche” Stellen in den Originalschriften aus Erewhon hinweist und sich dadurch möglichen Gegenargumenten geschickt entzieht.

Butler hat sich in den letzten Lebensjahrzehnten wieder vom Darwinismus abgewendet* (er hatte eine Auseinandersetzung mit Darwin, der diese mit den Goetheworten illustrierte: “Hat doch der Walfisch seine Laus, muß auch die meine haben”; worum es in diesem Streit genau ging, habe ich nicht in Erfahrung gebracht, es gibt aber dazu eine ausführliche Darstellung durch Henry Festing Jones) und einer Art Schöpfungsglauben zugewandt: Seine Technikkritik in Erewhon ist jedoch ohne den Entwicklungsgedanken nicht denkbar. Erst die dynamische Betrachtung jedweder Entwicklung und die Zurückweisung ewiger Formen oder Schöpfungen macht den Gedanken plausibel, dass der Mensch von seinen eigenen Erfindungen überholt, beherrscht werden könnte. Diese Fortschrittskritik hat nicht unwesentlich zur noch immer großen Popularität Butlers (und Erewhons) beigetragen; dabei wird häufig vergessen, dass die Beschreibung der Technikfeindlichkeit eine ironische Note hat und keineswegs wörtlich gemeint war. – Ein jedenfalls amüsant zu lesendes Werk, das jedoch sehr viel mehr durch seine Philosophie- und Gesellschaftskritik besticht denn durch seine Handlung, seine Figuren.


*) Butler glaubte auch die Naturwissenschaften kritisieren zu müssen und hat seine diesbezüglichen Fähigkeiten erheblich überschätzt: Das, was er argumentativ dem Darwinismus entgegensetzte, ist kaum wert erwähnt zu werden, seine Vorstellungen gerieten immer stärker in metaphysisches Fahrwasser.


Samuel Butler: Erewhon. Zürich: Manesse 1961.

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