Jack Kerouac: Traumtagebuch [Book of Dreams]

Ursprünglich waren diese Texte nicht zur Veröffentlichung gedachte Niederschriften von Träumen, die Kerouac tatsächlich geträumt hatte, und die er jeweils sofort nach dem Erwachen, noch im Halbschlaf, notierte. 1961 dann entschloss er sich doch zur Publikation – wenigstens eines Teils seiner Notizen. Dieser Ausgabe von 1961 (nicht der ungekürzten von 2001!) folgt auch die vorliegende deutsche Übersetzung.

Kerouac muss ein äusserst begabter Träumer gewesen sein. Ähnlich wie gewissen Figuren von Lord Dunsany oder H. P. Lovecraft gelang es ihm, sich im Traum immer wieder in die gleichen Gegenden zu versetzen, sich mit den gleichen Leuten zu umgeben. Diese Gegenden sind vor allem die USA, Kalifornien (San Francisco) oder Mexiko (City), wo er sich lange aufgehalten hatte, und natülich das heimatliche Lowell in Massachusetts – nicht real, sondern verfremdet, aber immer so, dass der Träumer Kerouac genau weiss, wo er ist. Bei den Personen sind es, neben seiner Mutter und seiner Schwester, in etwa die gleichen, die auch unter Decknamen in seinen beiden grossen Romanen On the Road und Big Sur vorkommen: Freunde und Gefährten der Beat Generation. Auch im Traumtagebuch agieren diese Personen unter einem Decknamen; ganz am Anfang des Buchs gibt Kerouac dem Leser eine kleine Liste, Table of Characters, an die Hand, in der er auflöst, welche Figur des Traumtagebuchs mit welcher von On the Road bzw. Big Sur gleichzusetzen sei.

Notiert im Halbschlaf: Das weist schon auf die Technik hin, die Kerouac für diesen Text verwendet, und die er auch in seinen beiden grossen Romanen angewendet hat – die so genannte ‘écriture automatique’, das automatische Schreiben, das Hinsetzen von Text möglichst ohne das Bewusstsein als Filter vorzuschalten. Die US-amerikanische Beat Generation hat diese Technik von den französischen Surrealisten übernommen und perfektioniert. Allen voran Kerouac, der hier kleine Improvisationen liefert, wie man sie ähnlich aus dem Jazz kennt. (Jazz: Kerouacs Lieblingsmusik.)

Und wie gewisse Phrasierungen in der Jazz-Improvisation immer wieder aufscheinen, bilden Kerouacs Träume tatsächlich oft inhaltliche Zusammenhänge – vor allem Zusammenhänge des Orts, weniger der Zeit oder der handelnden Personen. (Auch hierin Kerouacs grossen Romanen ähnelnd.) Es kommen völlig absurde Situationen vor, dann natürlich Sexualträume, aber auch Todesträume. Was diese Träume über diejenigen eines gewöhnlichen Schläfers hinaushebt, ist neben dem Stil, dem man Kerouacs grosse Routine im Verfassen von Texten als écriture automatique anmerkt, der Inhalt. Dessen Verschiebungen von Realität erinnert oft an ähnliche Verschiebungen, denen Philip K. Dick seine Figuren in Der dunkle Schirm unterworfen hat, und mit denen dieser eine ähnliche surreale Stimmung hervorzurufen im Stande war. Ich will damit nicht sagen, Kerouacs Träume seien ebenso drogen-induziert gewesen; obwohl der Ge- und Missbrauch von Alkohol und andern Drogen der Beatniks (und Kerouacs!) legendär ist.

Es gibt eine kurze Phase gegen Ende des Buchs, wo offenbar Kerouacs Bewusstsein mehr Einfluss auf seine Notate hatte als üblich. Das ist die Phase, wo er den Buddhismus für sich entdeckt hat, und nun seine Träume als Erinnerungen seiner Seele an ein früheres Leben auffasste. Zum Glück für die literarische Qualität des Textes ist diese Phase nur kurz.

Alles in allem eine Lektüre für jemand, der (wie ich) der écriture automatique in der Länge eines Romans nur widerwillig folgt. Dadurch, dass die längsten Traumbeschreibungen nicht mehr als zwei, drei Seiten umfassen, kann man das Büchlein jederzeit aus der Hand legen. So macht écriture automatique geradezu Spass.


Jack Kerouac: Traumtagebuch. Aus dem Amerikanischen von Werner Waldhoff. Augsburg: Maro-Verlag, 31997

Zum Hören:
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