Begleitband II.2 zu den Beneke-Tagebüchern: »Krieg und Frieden«

Anstatt sich für den Titel bei Tolstoi zu bedienen, hätte Frank Hatje, der Autor, seinen rund 500-seitigen Aufsatz auch »Geschichte der Koalitionskriege in Europa, mit besonderer Berücksichtigung Hamburgs, der Hanse, Bremens und Lübecks, sowie des Hamburger Advokaten Ferdinand Beneke« nennen können. Denn genau das ist es, was als Begleitband II.2 geliefert wird. Natürlich handelt auch Tolstois berühmter Roman von der napoleonischen Zeit, setzt allerdings später ein (1805). Und natürlich war die Epoche von 1792 bis 1815 geprägt von ständigen Auseinandersetzungen, die jeder mit Friedensschlüssen beendet wurden, die gemäß ihrem Wortlaut für die Ewigkeit gerechnet sein sollten, die von den abschließenden Parteien aber bestenfalls für ein oder zwei Jahre, meist sogar nur für ein paar Monate gedacht waren – ein ständiges Wechselbad der Gefühle für die Bevölkerung der Zeit. Dennoch: Ich empfinde den Titel als recht reißerisch einerseits, anbiedernd andererseits.

Hamburg – und damit Beneke – hatten dabei noch den Vorteil, dass Norddeutschland lange von eigentlichen Kriegshandlungen verschont blieb. Das macht Hatjes Text im Mittelteil zu einer reinen Abhandlung europäischer Geschichte. Gerade in der Zeit, in der das Schicksal der reichsunmittelbaren ehemaligen Hanse-Städte auf dem Spiel stand, war deren Aktionsraum derart eingeschränkt, dass sie bei der Bestimmung ihrer eigenen Zukunft gar keine aktive Rolle spielten. A fortiori war auch Benekes Handlungsspielraum eingeschränkt, der ansonsten in diesem Text als ein Mann präsentiert wird, der – zwar meist in Opposition zum Hamburger Senat – immer wieder versuchte, im Hintergrund an den Fäden zu ziehen, um sein Ziel einer Wiederbelebung der alten Hanse zusammen mit seinen Freunden in Bremen und Lübeck zu erreichen.

Dieser Begleitband hat mich überrascht, da ich keine geschichtliche Analyse und Darstellung von Benekes Zeit, dem Verhältnis von Frankreich zu den übrigen europäischen Staaten inkl. Russland, der Französischen Revolution und Napoléon erwartet hatte. Allerdings ist mir Beneke selber dabei oft zu kurz gekommen. Ihn z.B. als Frühromantiker darzustellen (wie es auch schon die Begleitbände zu Teil I und II getan haben), müsste nun einmal endlich genauer ausgeführt werden. Beneke stammt ja aus der spätaufklärerisch und kosmopolitisch geprägten hanseatischen Kaufmannsschicht – die komplizierten Gedankenexperimente der Frühromantik waren dem bodenständigen Juristen fremd. Ein einzige Ausnahme bildet das den Schluss der Abteilung I und den Anfang von Abteilung II dominierende komplizierte Verhältnis zum Studienfreund Rambach und dessen Verlobter Charlotte, in die sich Beneke selber auch verliebt hatte. Aber gerade dieses spielt im vorliegenden Text keine Rolle. Den Franzosen-Hass eines Moritz Arndt oder eines Heinrich von Kleist wiederum brachte Beneke nicht auf. Er hasste nur Napoléon persönlich, auch wenn er ihm nie begegnet war. Aber offenbar konnte er dem Korsen nie verzeihen, dass er seine ursprüngliche Begeisterung für den Friedens- und Heilsbringer derart enttäuscht hatte. Ansonsten lässt er den kosmopolitisch-aufklärerischen Humanismus walten, den ihm seine Herkunft eingeprägt hat: Die Franzosen – dort, wo er ihnen begegnet (und mit den Einquartierungen nach der Besetzung Hamburgs begegnet er einigen!) – betrachtet er immer als Individuum mit persönlichem Schicksal, und hasst ihn nicht, auch wenn er ihn natürlich gern los geworden wäre.

Zu viel allgemeine Geschichte für mich, der ich mich für den Menschen Beneke interessiere, nicht für die wechselnden Koalitionen und Kriege der Jahre 1792 bis 1815, nicht einmal so sehr für den in dieser Zeit omnipräsenten Napoléon. Aber äußerst materialienreich.

Zum Hören:
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