Alexander von Humboldt: Zentral-Asien

Wenn es nach den meisten Biografen geht, besteht Alexander von Humboldts Leben eigentlich nur aus seiner Expedition nach Süd- und Mittelamerika, sowie der nachfolgenden Aufarbeitung in verschiedenen Aufsätzen und Büchern. Dass Humboldt im Alter von 60 Jahren noch einmal eine Expedition unternommen hat, wird allenfalls marginal erwähnt.

Dafür gibt es durchaus Gründe. Einer davon ist, was ich – um auch mal mit schönen Fremdwörtern um mich zu werfen – einen soziologisch-rezeptionstheoretischen nennen möchte. Seine erste Reise hat Humboldt aus eigener Tasche finanziert. Das gab ihm eine gewisse Freiheit sowohl in der Wahl seiner Themen und der Gegenden, die er aufsuchte, wie in der Darstellung seiner Forschungsresultate. Das gab ihm z.B. die Freiheit, sogar in einem Buch, das er dem spanischen König widmete, die Sklaverei in dessen amerikanischen Kolonien anzuprangern. So etwas spricht das links-romantische Kritiker-Gemüt an, weil Humboldt zu einem Mitstreiter der Abolitionisten und Vorreiter der Umweltschützer gemacht werden kann. So etwas spricht aber auch rechts-kapitalistische Kreise an, weil wir hier Forschung haben, die eben gerade nicht staatlich unterstützt wurde, oder allenfalls nur ideell. Die zweite Reise, nach Zentral-Asien, ist das genaue Gegenteil davon. Sie wurde vom Zaren Nikolaus I. finanziert, der auch die Route (zumindest im Groben) vorgab sowie Zweck und Ziel. Dieser Zar war schon zu Lebzeiten nicht gerade als liberaler Herrscher bekannt, und so war eine wichtige Vorgabe die, dass Humboldt und seine Gefährten sich jeden Kontakts mit der Landbevölkerung zu enthalten hatten. Man gab ihnen eine Militär-Eskorte mit, die auf sie aufzupassen hatte – letzteres im Doppelsinn des Ausdrucks: Sie sollte sie schützen vor Angriffen durch die erst halb ins Russische Reich integrierten Nomaden der Gegend; sie sollte aber auch dafür sorgen, dass die einzigen Kontakte vor Ort welche waren mit dem Zaren treu ergebenen Personen. Staatliche Finanzierung: Das stößt den Rechts-Kapitalisten ab; kuschen vor einem Autokraten: Das mag der links-romantische Kritiker nicht. Also übergeht man diese Expedition nach Möglichkeit – sie passt irgendwie nicht zum Bild des Alexander von Humboldt, das man sich gemacht hat. Wenn man dann noch erfährt, dass die ganze „Expedition“ in der Kutsche absolviert wurde, und die größten Abenteuer der deutschen Forschungsreisenden wohl die waren, als es galt, eben diese Kutschen über einige Flüsse zu transportieren, die vom Frühlings-Schmelzwasser angeschwollen und über die Ufer getreten waren…

Es gibt natürlich auch noch andere Gründe, warum Humboldts Asienreise in der Rezeption vernachläßigt wird. Anders als bei seiner amerikanischen Expedition hat Humboldt z.B. nie einen eigenen eigentlichen Reisebericht zu Asien veröffentlicht. (Er überließ das einem Reisegefährten, dem Berliner Mineralogen Rose.) Humboldts Auftrag war vor allem geologischer Natur gewesen; es ging dem Zaren darum, mehr und bessere Informationen zu erhalten über mögliche Bodenschätze (v.a. Gold!) im gerade erst durch Russland kolonialisierten Zentral-Asien. Deshalb fehlen auch die für Amerika typischen und interessanten ethnologischen Aspekte in Humboldts Forschungsbericht fast gänzlich. Für diese geologischen Forschungen reiste der deutsche Gelehrte von Berlin über Königsberg nach Sankt Petersburg, damals der Regierungssitz des Russischen Reichs. Moskau war die letzte wichtige Station in Europa. Danach folgte Asien. Die Expedition verlief einigermaßen ereignislos, was den späteren Bericht Roses auch nicht spannender machte.

Dazu kommen weitere wissenschafts- und publikationsgeschichtliche Gründe, warum Humboldts Asienreise weniger populär ist als sein Aufenthalt in Lateinamerika. Wie bei ihm Usus, ließ Humboldt sich nach seiner asiatischen Expedition jede Menge Zeit mit deren wissenschaftlichen Aufarbeitung. So ist das große Werk, das Alexander von Humboldt über Central-Asien veröffentlichen sollte, erst 1843 auf Französisch und 1844 auf Deutsch erschienen – die Reise selber hatte 1829 stattgefunden. In den 1840ern steckte Humboldt nun bereits mitten in den Vorbereitungen zum Alterswerk Kosmos. Entsprechend ist auch schon Central-Asien ein nachgerade kosmologisches Werk geworden. Geologie wie Pflanzengeografie sind zu finden; seitenlange Versuche, die Terra incognita Asiens zu fassen mittels Bezugnahme auf Autoren der Antike (Homer, Herodot, Hesiod, Aristoteles, Plinius, Polybius, Ptolemäus) und des Mittelalters (Marco Polo, Ibn Battutah). Auch Referenzen auf Reisende des 18. und 19. Jahrhunderts fehlen natürlich nicht: Speziell zu Asien finden wir Pallas, mehr allgemein Georg Forster und – immer wieder erwähnt – Darwins Schilderung der Expedition der Beagle. Das zeigt schon den immer weiter ausgreifenden Raum, den Humboldt in Zentral-Asien zu beschreiben begann, denn Darwin war ja bekanntlich nicht in jener Gegend gewesen. Nicht zu vergessen: ein längerer Exkurs zu Leibniz als Geograf – umso verständlicher, als dieser ähnlich wie Alexander von Humboldt bei seiner Asienreise ebenfalls in einem Abhängigkeitsverhältnis zu einem Fürsten stand, und, wiederum ähnlich wie Alexander von Humboldt, dennoch seine Unabhängigkeit zu wahren suchte. Daneben fehlen kartografische Versuche der Darstellung der großen Bergketten Zentralasiens nicht, inklusive einer Kritik älterer Karten. Zum Schluss bleiben Humboldt gar nur – wie schon der Antike – Itinerare, um ein einigermaßen korrektes Bild der Distanzen in Asien zu erhalten. Um die Identität von Bergen oder Ortschaften festzulegen, zieht Humboldt immer wieder sprachgeschichtliche Erwägungen hinzu. Nicht nur in den Wissenschaften greift er aus: Vor allem gegen Schluss von Central-Asien beschränkt sich Humboldt schon lange nicht mehr auf das ursprüngliche geografische Ziel seiner zweiten Expedition. Wo es um Meteorologie und Klimatologie geht, zieht er Daten auch aus Europa und (natürlich!) Lateinamerika heran. Hier, das merkt man, ist Humboldt mit Herzblut bei seiner Arbeit.

Wer heute mehr über Humboldts Asienreise erfahren will, greift am besten zur Ausgabe von Oliver Lubrich, die 2009 bei S. Fischer in Frankfurt/M erschienen ist. Sie enthält, neben einer revidierten Übersetzung des dreibändigen Werks Asie centrale, Auszüge aus dem eigentlichen Reisebericht Gustav Roses und Briefe, die Alexander von Humboldt von unterwegs geschrieben hat. ‘Offizielle’ Briefe an russische Stellen, in denen Humboldt immer wieder dankt für die fürsorgliche Betreuung vor Ort; private (v.a. an Bruder Wilhelm), in denen Alexander sich schon fast satirisch beklagt über die Zeit und Energie, die ihm die an jedem Übernachtungsort erneut fälligen offiziellen Empfänge abfordern. Ebenfalls in dieser Ausgabe zu finden, im Anhang: Fotografien von bis heute, vor allem in Berlin, noch immer aufbewahrten Spezimen der Reise, getrocknete Pflanzen und in Spiritus eingelegte Schlangen, die die Expedition zurück gebracht hatte, sowie verschiedene Karten der Zeit. Auch andere Mitbringsel aus Asien, vor allem Bücher in fremden Sprachen (inklusive die berühmte Kopie der Geschichte der Drei Reiche, die ein chinesischer Grenzoffizier dem Gelehrten für seinen Bruder Wilhelm überreichte). Und, und, und … 1100 Seiten im Ganzen. Umfangreich und lehrreich.

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