Jacqueline Thör: Nenn mich einfach Igel

Igel also will er genannt werden, der Protagonist und Ich-Erzähler des Début-Romans von Jacqueline Thör. Und wenn ich mich auf ihn mit maskulinen Pronomen beziehe, so deshalb, weil das Substantiv ‘Igel’ im Deutschen maskulin ist. Denn Igel selber ist weder Mann noch Frau, oder genauer: beides zusammen. Ein Hermaphrodit. Bevor nun biologische Besserwisser (oder besserwisserische Biologen) sich verpflichtet fühlen, mich darauf aufmerksam zu machen, dass echter Hermaphroditismus beim Menschen nicht vorkommt: Ich weiß es. Ich weiß, dass ‘echter Hermaphroditismus’ bedeutet, dass das entsprechende Lebewesen nicht nur sowohl über männliche wie über weibliche Fortpflanzungsorgane verfügt, sondern dass diese auch funktionstüchtig sind, will sagen: dass sich ein Hermaphrodit sowohl mit seinem Samen wie mit seinen Eizellen fortpflanzen kann und wird, sei es gleichzeitig oder nacheinander im Laufe seines Lebens. Das ist beim Menschen, auch beim landläufig so genannten ‘Hermaphroditen’, nicht der Fall. Aber für den vorliegenden Fall genügt es, dass sich Igel als Hermaphrodit fühlt und sich selber so bezeichnet. Nähere biologische Unterscheidungen oder Untersuchungen treffen weder er noch seine Autorin. Kommen wir zurück zu Igel.

Als wir ihn kennen lernen, wohnt er zusammen mit drei anderen Leuten in einem Schloss. Wo das Schloss genau steht, erfahren wir nicht. Wahrscheinlich beginnt der Roman auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, jedenfalls werden Plattenbauten erwähnt, die in der Umgebung stehen. Auch eine Großstadt muss in der Nähe sein; im Verlauf des Romans wird sich Igel zusammen mit seiner neuen Bekanntschaft Sascha aufmachen, um auf dem Dach einer fahrenden S-Bahn zu reiten. Die Wohngemeinschaft im Schloss besteht vorwiegend aus Teenagern und scheint eine Art therapeutisch-verwahrerischen Zweck zu haben. Igel zum Beispiel ist dort, weil sich seine alkoholkranke Mutter nicht um ihn kümmern kann, da sie – wieder einmal – in einer Entzugsklinik steckt. Eine weitere Bewohnerin scheint an Anorexie zu leiden, die beiden übrigen, darunter die Leitungsperson, transsexuell zu sein. Eines Tages wird dieser Institution eine weitere Bewohnerin zugewiesen – die oben erwähnte Sascha. Sie wurde ursprünglich auf ‘Alexander’ getauft. Jetzt wird sie aus einer Strafanstalt überwiesen.

Dieses Setting ist durchaus interessant, und aus den nun eingeführten Personen ließe sich einiges machen. Am meisten Potential hat dabei, neben dem Ich-Erzähler Igel Sascha, die über ein ungeheures Charisma verfügt und alle Leute nach ihrem Willen lenken kann. Selbst der sonst so kritische und reservierte Igel verfällt ihr. In der Untergrund-Gruppe, die sie anführt und die eine Art drittes Geschlecht propagiert, stecken ebenfalls so einige Möglichkeiten.

Igel, der seinen Namen auf ein weniger bekanntes Märchen der Brüder Grimm zurückführt, in dem einem lange kinderlosen Bauernpaar schliesslich ein Kind geboren wird, halb Igel, halb Mensch – Igel also hat , wie gesagt, am meisten Potential. Immer darauf aus, sich zu verstellen, um nicht verletzt zu werden, ist er ein wacher Beobachter seiner Mitmenschen. Vor allem ist er intelligent – und ziemlich belesen. Von Zeit zu Zeit schleichen sich in seinen Bericht Anspielungen ein auf literarische Werke auch jenseits der Brüder Grimm: E. T. A. Hoffmanns Gespenstergeschichten, Hesses Demian, Dr. Watson und auch die Grinsekatze aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Diese Aufzählung listet eher triviale Autoren bzw. Werke auf – bei einem Teenager ist das aber durchaus verständlich. Igel kennt allerdings schon ein bisschen mehr: Einem angehenden Gymnasiallehrer für Deutsch und Philosophie, der gar nicht gern liest, empfiehlt der als Lernender in einer Buchhandlung Angestellte weiterbildende Literatur: Platons Politeia, Goethes Werther, Stephen King, Max Frisch, Jürgen Habermas. Von seinem Chef berichtet Igel, dass dessen literarische Sterne in Fontane, Thomas Mann und Robert Musil bestehen. Auch diese Listen sind alle einigermaßen banal – sie passen aber durchaus zu Igels Alter. Um echte Belesenheit (oder Besessenheit von Büchern) zu demonstrieren, hätte die Autorin allerdings ihrem Protagonisten extravagantere Lektüre zuteilen müssen.

Geneigte Leserin, geneigter Leser, Du hast es gemerkt. Unser Aperçu nähert sich den nicht so gelungenen Teilen des vorliegenden Romans. Leider kippt nämlich nach ungefähr zwei Dritteln des Texts die Geschichte – und dies in mehrfacher Hinsicht und nicht zu ihren Gunsten. Ich meine hier nicht, dass Igel nicht nur so heißt, sondern offenbar tatsächlich in der Lage ist, physische Stacheln auszufahren, wenn er sich in Gefahr fühlt. Das ist ein phantastisches Element, das ich sogar akzeptieren kann. (Dass dies offenbar zusammen geht mit selbstverletzendem Verhalten, bei dem sich Igel in solchen Fällen mit seinen Fingernägeln die Haut vor allem an den Armen bis aufs Blut zerkratzt, ebenfalls.) Doch plötzlich wird die ganze, recht subtil und differenziert gezeichnete Wohngemeinschaft von jugendlichen Außenseitern nebensächlich. Igels Mutter kommt aus der Entzugsklinik, und Igel zieht zurück zu ihr in die alte Wohnung. Damit ändert sich Igels Verhältnis zu Sascha und der Gruppe von Inter- oder Transsexuellen, die ein neues, drittes Geschlecht propagieren. Das tut der Story nicht gut, denn, was bisher ein Porträt der Befindlichkeit verschiedener inter- und transsexueller Menschen war, verliert sich in einer wirren Geschichte, die darin mündet, dass Saschas Untergrundgruppe nicht einfach Transsexuelle versammelt, die mal Party feiern wollen, ohne von Nicht-Transsexuellen blöd angemacht zu werden. Die Gruppe hat eine politische Agenda, und die ist sinister: Sascha will aus dieser Gruppe eine Terror-Organisation bilden (oder hat es schon getan), die mit Mord und Totschlag eine Alleinherrschaft des dritten, nicht-binären Geschlechts zu Stande bringen soll. Einerseits wärmt das den Hufeisen-Diskurs der so genannten politischen Mitte auf, die behauptet, dass es einen Terror von links gebe, der ebenso schlimm sei, wie der Terror von rechts. (Was in der aktuellen deutschen Realität nicht der Fall ist. Warum also diese Theorie aufwärmen in einem, von Igels Stacheln abgesehen, an eben dieser Realität orientierten Buch?) Andererseits bildet diese Wende in der Story auch literarisch ein Problem: Sie kommt unmotiviert und wäre dramaturgisch nicht nötig gewesen. Im Gegenteil, und ich wiederhole mich: Sie zerstört die vorherige, atmosphärisch nicht ungelungene Darstellung des Lebens eines Menschen, der wegen seiner Sexualität zum Außenseiter wird, bzw. einer Gruppe von solchen Außenseitern. Der Schluss – in der dritten Person erzählt –, in dem die offenbar ziemlich betrunkene Mutter ihr Kind auf der Intensivstation besucht, wo Igel im Koma liegt, weil er sich mit seinen Stacheln endlich gegen Sascha zur Wehr gesetzt hat (und dabei sich selber – diesmal offenbar von Kopf bis Fuß – zerkratzte), sich irgendwann vor ihr Kind setzt und langsam, um dessen Wunden nicht zu öffnen, in dessen Vagina eindringt (?), ist verstörend, und ich sehe definitiv keinen Sinn in dieser Szene.

Die ersten zwei Drittel des Romans kann ich empfehlen. Danach sollte man das Buch zuklappen.


Jacqueline Thör: Nenn mich einfach Igel. O.O.: Elif Verlag, 2019

Mit bestem Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

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