Xenophon: Hellenika

Damit, dass er seinen Text anfangen lässt mit Danach, wenige Tage später […] (zitiert nach der Übersetzung von Gisela Strasburger) signalisiert Xenophon, dass er genau dort fortfährt, wo Thukydides, wohl durch seinen Tod, seine nachträglich Peloponnesischer Krieg genannte Schrift abgebrochen hatte – sieben Jahre vor dem Ende eben dieses Kriegs. Der lateinische Titel Hellenica (= Griechisches) signalisiert des weiteren, was nun Xenophon seinerseits liefert: Eine Fortsetzung der Geschichte der diversen Stadtstaaten auf dem europäischen Festland, den umliegenden Inseln und in Vorderasien. Das Ende des Peloponnesischen Kriegs wird dabei fast nebenbei behandelt; kaum, dass man in Buch 2 mitkriegt, was er da erzählt.

Überhaupt ist es mit dem Erzählen bei Xenophon so eine Sache. Cicero empfahl Xenophons attische Sprache als einfach und doch elegant (ein Lob, das man später wiederum seinem Latein angedeihen lassen würde), und diese Einschätzung hat sich bis heute gehalten. Ich selber kann kein Altgriechisch und bin auf Übersetzungen angewiesen, muss das also glauben. Wichtiger als die Sprache ist mir deshalb hier der Inhalt; und da muss ich gestehen, dass ich mit Xenophons Art, zu berichten, so meine Mühe hatte. Er erzählt unaufgeregt, um Sachlichkeit und Objektivität bemüht. Insofern ist er sicherlich ein idealer Geschichtsschreiber. Er scheint mir aber zugleich keinen übergreifenden Leitstern für seinen Bericht zu haben. Wo es bei Herodot ganz klar die Warnung vor menschlicher Hybris war, und auch Thukydides noch ähnlich argumentierte und zusätzlich immer wieder die Lebendigkeit bis zur Aufgeregtheit und manchmal voreilige Entschlusskraft der Athener der manchmal in Trägheit und Unentschlossenheit übergehenden Ruhe der Spartaner entgegensetzte, fehlt bei Xenophon ein solcher – ich nenne das einmal: literarischer – Standpunkt, von dem aus er seine Welt aus den Angeln hätte heben können. Die Ereignisse plätschern am Leser vorbei, ohne dass er so richtig gewahr wird, dass da das Ende des Peloponnesischen Kriegs erzählt wird und die Athener sich den Forderungen der Spartaner beugen müssen. Dass da binnen kurzem die von Sparta oktroyierte Regierung zu einer Spaltung in der athenischen Bürgerschaft führte, da die eingesetzte Regierung eine Form von Tyrannis anstrebte. Das Resultat war ein Bürgerkrieg, in dem die demokratische Partei die Oberhand behielt. Doch Athens Vorherrschaft unter den griechischen Stadtstaaten blieb gebrochen. Sparta, das sich im Peloponnesischen Krieg als Befreier von der athenischen Tyrannei gerierte, verfiel seinerseits in denselben Fehler wie vor ihm Athen – ein Moment, bei dem wohl sowohl Herodot wie Thukydides ihre mahnenden Zeigefinger erhoben hätten. Xenophon schweigt. Es war im Folgenden nicht mehr Athen, das Spartas panhellenischen Gelüste zu stoppen vermochte, sondern Theben, eine Stadt, die schon im Peloponnesischen Krieg eine Sonderstellung eingenommen hatte. Die Thebaner vermochten Sparta zu besiegen und wurden nun ihrerseits griechische Hegemonialmacht. (Xenophons Zeigefinger? Fehlanzeige.) All dies muss man aus Xenophons Text mehr erraten, als dass es unter dem Wust an geschilderten Details und Schlachten klar hervor ginge.

Allerdings will mir Xenophon dann doch nicht nur ein einfacher Verfasser von Annalen scheinen. Da ist zum Beispiel der Schluss seines Werks. Ich frage mich, ob er sich, als er sein Buch mit dem unentschiedenen Ausgang der Schlacht von Mantineia enden lässt, dessen bewusst ist, dass hier zwar die thebanische Hegemonie nach wenigen Jahren bereits wieder zu Ende ist, sich aber keine neue Hegemonialmacht unter den griechischen Stadtstaaten herauszubilden vermag – das Modell der unabhängig agierenden Polis, der rivalisierenden griechischen Stadtstaaten, war zum Auslaufmodell geworden. Aber legte sich Xenophon darüber Rechenschaft ab, als er seinen Text mit den folgenden Worten beendete?

Doch was mich betrifft, so sollen meine Aufzeichnungen bis hierher gehen. Was danach kommt, wird vielleicht einen anderen beschäftigen. [Es hat meines Wissens sogar mehrere andere beschäftigt, aber deren Berichte sind nicht auf uns gekommen; die Kette kontinuierlicher Geschichtsschreibung durch Augenzeugen, die Thukydides angedeutet und Xenophon explizit eingeführt hat, reißt mit diesem bereits wieder ab.]

Xenophon liefert – vor allem in den späteren Kapiteln – ein paar schöne Charakterstudien, Vignetten mehr oder weniger bekannter Feldherren und Politiker. Da stört es auch nicht, dass er die persischen Satrapen oder ein Alkibiades, die eine Zeitlang noch eine wichtige Rolle in seinem Werk spielen, ziemlich unvermittelt aus dem Fokus verliert.

Interessant macht Xenophons Geschichtswerk, dass er in einigen Fällen, wie zum Beispiel beim gerade zitierten Schluss seines Werks, zwar vielleicht nicht wusste, aber doch spürte, wenn da ein historisch bedeutsamer Moment vorlag. Ein anderes Beispiel ist seine recht ausführliche Darstellung des Iason von Pherai, eines thessalischen Tyrannen, der sich im Krieg Thebens gegen Sparta aktiv einmischte, indem er bei den Thebanern erreichte, dass das geschlagene spartanische Heer nach Hause zurück kehren durfte. Es lag nicht im Sinne dieses Mannes, der selber panhellenische Gelüste hegte, dass in Griechenland einer der Stadtstaaten eine wirklich bedeutende Vormachtstellung erreichen würde. Er hatte sich bereits mit Makedonien verbündet, und offenbar hatte der Bericht über den Zug der Zehntausend sowie andere Berichte, die die persische Militärmacht als auf tönernen Füssen stehend schilderten, in ihm bereits den Gedanken gezeugt, dass es doch möglich sein müsse, mit einem gut einexerzierten Heer (über das er verfügte) auch dieser Großmacht den Garaus zu machen. Ob Xenophon den mazedonischen König Philipp II., dem es gelang, Griechenland unter seine Herrschaft zu bringen, noch zur Kenntnis nahm, kann ich nicht beurteilen. Von Alexander dem Großen kann er nicht gewusst haben. Doch in den Plänen des Iason von Pherai stellt er bereits vor, was später Realität werden würde. Dass dieser Iason nicht ganz das politische Geschick Philipps II. besaß und die Griechen ihn ermordeten aus Furcht davor, dass er die Macht über ganz Griechenland übernehmen würde, bevor er eben dieses tun konnte, war ein historischer Zufall; die historische Notwendigkeit zielte dennoch darauf hin, dass man die Stadtstaaten, die unter- und miteinander nichts Stabileres zu bilden vermochten, als eine Pattsituation nach jahrzehntelangen, alle Ressourcen erschöpfenden Kriegen, gewaltsam unter eine mehr oder weniger fremde Herrschaft brachte. Dies scheint mir Xenophon vielleicht nicht verstanden, aber bereits geahnt zu haben.

Als simpler Leser und Nicht-Historiker fand ich die Geschichtswerke von Herodot und von Thukydides, offen gesagt, zugänglicher. Xenophon gelingen ein paar gute Vignetten, aber einen Gesamtaspekt, unter dem er sein Werk verfasst hätte, konnte ich nicht finden. (Ich weiß aber, dass andere einen gefunden zu haben vorgeben.)

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