Wolf von Niebelschütz: Der blaue Kammerherr. Galanter Roman

Man schreibt das Jahr 1732. Das fiktive Inselreich Myrrha steht kurz vor dem Bankrott, und die Mächte der Ägäis lauern bereits darauf, es in ihre Herrschaftsgebiete einzugliedern. Da beschliesst König Alphanios, die Staatsfinanzen durch die Verheiratung der Kronprinzessin mit einem wohlhabenden Potentaten aufzubessern. Doch die eigensinnige Schöne ist nicht bereit, sich dem väterlichen Willen zu beugen: Ihr Herz ist für den venezianischen Botschafter entbrannt. Als die Dame einen rätselhaften Galan abweist, bricht eine Katastrophe nach der anderen über Myrrha herein. Wie hätte sie auch ahnen können, dass jener »Kammerherr« kein anderer ist als der Göttervater Zeus.

Soweit der Klappentext. (Meine Ausgabe ist 2010 bei Kein & Aber erschienen.) Solche Klappentexte machen neugierig.  Und wenn einem der Autor von anderer Seite noch als einer der grossen Vergessenen der deutschen Nachkriegsliteratur angepriesen wird, umso mehr. Gleich vorweg: An einen Albert Vigoleis Thelen oder Kuno Raeber reicht Niebelschütz nicht heran. Nicht einmal an Jürgen von der Wense. Ich würde ihn zwar immer noch über Böll stellen, aber das ist eine andere Geschichte.

Die mehr oder weniger realistische Auseinandersetzung mit der unmittelbar vergangenen Geschichte, die als “Trümmerliteratur” in die Literaturgeschichtsschreibung eingegehen sollte, ist Niebelschütz’ Ding nicht. Obwohl 1949 erschienen, handelt der Roman runde 200 Jahre früher und nicht in Deutschland – und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen: er ist nicht einmal eine Spiegelung der deutschen Gegenwart oder unmittelbaren Vergangenheit. Er ist prima vista pure Tändelei und spiegelt auf weite Strecken weit eher das Lebensgefühl des Taugenichts als das des Dr. Murke. Kein Wunder, wurde Niebelschütz nur schon aus Gründen der literaturpolitischen Korrektheit beiseite geschoben. Daran änderte auch sein zweiter grosser Roman (“Die Kinder der Finsternis”) nichts. Denn im Sinne literaturpolitischer Korrektheit machte Niebelschütz damit alles nur noch schlimmer: 1959 erschienen, spielte die Handlung zur Ritterzeit. Nun, 1960 starb Niebelschütz. Er wurde gerade mal 47 Jahre alt.

Mein Verhältnis zum Blauen Kammerherrn nun ist recht zweispältig. Die junge Dame, um die sich im wahrsten Sinne des Wortes alles dreht, ist zu Beginn 16 und im Grunde genommen erzählt Niebelschütz hier eine Coming-of-Age-Story, denn Danae – so heisst die Königstochter – muss lernen, Kompromisse einzugehen und ihre eigenen Ansprüche mit denen ihres Landes, ihrer Untertanen in Übereinklang zu bringen.

An und für sich mag ich barocke Weitläufigkeit in Inhalt und Sprache. Doch Niebelschütz tut, vor allem zu Beginn des Romans, des Guten allzu viel. Erst nach etwa 100 Druckseiten hat er sich langsam beruhigt und fährt in gutes Fahrwasser ein. Griechische Mythologie mischt sich mit literarischen Reminiszenzen. Zeus, Othello und Don Giovanni geben sich ein Stelldichein und rivalisieren um die junge Protagonistin. Das ist verwirrend – vor allem, weil die Herren auch gerne jeweils andere Verkleidungen annehmen, und Hilfs- und Nebenpersonal in rauer Menge herumschwirrt. Das ist aber auch amüsant. Allerdings – irgendwann kippt die Geschichte. Der galante Feldzug um die junge Dame wird zu echtem Krieg. Das mag barock sein und dem barocken Lebensgefühl entsprechen. Auf mich wirkte es in diesem Roman unmotiviert, störend. Verstörend. (Was ja nun auch die Absicht des Autors gewesen sein mag.) Allzu rasch kam für mich der Übergang, als dass ich dem Autor gerne gefolgt wäre.

Alles in allem aber bereue ich meine Lektüre nicht. Wer sich an barocker Verspieltheit in Sprache und Inhalt erfreuen kann, auktorielle Inkonsequenzen gering achtet und auch vor über 1’100 Druckseiten nicht zurückschreckt, mag mit Niebelschütz einen Lieblingsautor entdecken.

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