Søren Kierkegaard, * 5. Mai 1813

Vor ein paar Tagen feierten wir den 200. Geburtstag von Søren Kierkegaard. Wobei mir “feiern” etwas übertrieben scheinen will. Zugegeben, Jahrestage gehen zwar sowieso meist unbemerkt an mir vorüber, aber dennoch habe ich den Eindruck, dass Kierkegaards Geburtstag ausserhalb der Feuilletons der grossen Zeitungen recht wenig beachtet wurde.

Die Gründe liegen meiner Ansicht nach auf der Hand. Kierkegaard ist nicht mehr zeitgemäss. Der Existenzialismus, als dessen Ahnherr er gilt, ist heute nur Erinnerung der Grossväter und Amüsement der Enkel, wenn sie in Filmdokumentationen Bilder sehen von Jünglingen und jungen Frauen, die – erstere wohlrasiert, letztere wohlfrisiert – in schwarzen Hosen und schwarzem Rollkragenpullover in völlig verrauchten Kaschemmen sitzen und schwarzer Musik, nämlich Jazz, zuhören. Es war eine grossartige Zeit für die Grossväter und -mütter. Selbst Günter Grass ist ja, wenn wir seinen Erinnerungen (Beim Häuten der Zwiebel) trauen wollen, noch heute am meisten stolz darauf, dass er in jener Zeit, den 50ern des letzten Jahrhunderts, in solch einer Kaschemme mit einem der Grossen des Jazz – Musik machen durfte. Im Übrigen ist der Jazz zu seinen existenzialistischen Ehren nur durch den historischen Zufall gekommen, dass diese Musik genau zu jener Zeit aus den USA importiert wurde, als das existenzialistische Lebensgefühl aufkam. Die Ästhetik Lautréamonts wurde für ein paar Jahre Realität, dem als Ideal der Schönheit bekanntlich „das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ galt.

Doch der Existenzialismus ist tot, so tot wie Nietzsches Gott. Das Gefühl einer Geworfenheit und einer Unbehaustheit in Raum und Zeit, nun gar jenseits von Raum und Zeit – es ist von den Medien durch Werbung und Talentwettbewerbe der Talentarmen zugeschüttet worden. Man ist heute nicht mehr unbehaust, sondern man findet in seinen 15 Minuten Ruhm (Andy Warhol) den Sinn seiner Existenz.

Und was soll eine Gesellschaft heute mit Kierkegaards “Sprung in den Glauben” – heute, wo der Papst ein Popstar ist, der mit seinen Followern über Twitter kommuniziert (und dabei auch nichts Dümmeres von sich gibt, als 99,9% der Twitterer), heute, wo ich meinem Hund homöopathische Globuli verabreiche und meine Kinder in eine Rudolf-Steiner-Schule schicke, in der u.U. der Kreationismus als eine dem Darwinismus gleichberechtigte Wissenschaft gepredigt wird? Ich brauche nirgendwohin mehr springen, ich bin immer schon mitten in der Sauce.

Auch des Theologen Kierkegaard Kritik am flachen Christentum der protestantischen Staatskirche Dänemarks seiner Zeit ist unzeitgemäss in einem Jahrhundert, wo protestantische Bischöfinnen – heute ebenfalls Popstars – sich scheiden lassen, in Begleitung eines Unbekannten besoffen Auto fahren und sich erwischen lassen. Ohne, dass das ihrer Beliebtheit viel Abbruch tun würde. Noch mehr Profil als so eine Kirche kann man ja nicht haben.

So steht nun beim 200. Geburtstag das Feuilleton vor der Krux, Kierkegaard entweder in post-existenzialistisch dunklem Gemunkel (Bsp.: Uwe Justus Wenzel: Reflexion von Anfang bis Ende, NZZ-on-line vom 3. Mai 2013) zu gratulieren, oder sich vom Philosophen und Denker mehr oder minder völlig abzukehren und den Romancier Kierkegaard zu ehren (Bsp.: Peter Urban-Halle: Perfektes Verbrechen, NZZ-on-line vom 4. Mai 2013). In letzerem wird zwar darauf hingewiesen, dass Kierkegaards literarisches Werk im Grunde immer nur Nebenstück zu seinen philosophischen Reflexionen war. Dennoch wird der Romancier Kierkegaard, wird dessen Tagebuch des Verführers in den Himmel gelobt. Das erinnert nun, mit Verlaub, an die Verehrung von Goethe oder Schiller von vor 100 oder 150 Jahren. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, darf ein Kierkegaard nichts Mittelmässiges verfasst haben.

Das Tagebuch des Verführers beinhaltet, zugegebenermassen, ein interessantes Experiment – den Versuch, eine rein ästhetisch motivierte Existenz zu schildern. Oscar Wildes Dandy lässt grüssen und natürlich wiederum Lautréamonts Maldoror, der seinerseits eine amoralische, gegen die herrschenden Vorstellungen eines korrekten Lebens geführte Existenz versucht. Doch Kierkegaards literarisches Experiment scheitert. Es scheitert daran, dass der Autor die ästhetisch motivierte Existenz anhand einer erotisch motivierten Don-Juan-Existenz veranschaulichen will. Doch die Strategeme von Kierkegaards Don Juan sind – kindisch. So stellt sich der junge Gymnasiast im ersten Aufkochen seiner Hormone einen Don Juan vor. “Johannes’ [des Ich-Erzählers] infames Vorgehen” ist eben nicht “ebenso wunderbar wie unheimlich”, wie es Urban-Halle im oben angeführten NZZ-Artikel will. Es lächert nur. Wie viel unheimlicher ist doch Dorian Gray, wie viel unheimlicher die Figuren des von Urban-Halle zum Vergleich herangezogenen Edgar Allan Poe (der, zugegebenermassen, auch sehr viel Pubertäres in sich hat – insofern ist der Vergleich legitim)!

Das meiner Meinung nach wirklich Interessante bei Kierkegaard liegt aber in seiner Auseinandersetzung mit der (deutschen) Romantik. Schon der Titel seiner Dissertation, Über den Begriff der Ironie mit ständiger Rücksicht auf Sokrates, zeigt, woher Kierkegaard kommt, wohin er will: Wie Johann Georg Hamann will Kierkegaard seiner Zeit einen Spiegel vorhalten, wie Johann Georg Hamann, soll das Licht in diesem Spiegel aber durch Ironie gebrochen sein. Wobei die Ironie hier nicht die alltägliche ist, auch wenn das uneigentliche Sprechen, das wir damit meinen, in der romantischen, auf Hamann zurückgreifenden Ironie selbstverstädlich inbegriffen ist. Aber Hamanns und Kierkegaards Sokrates verwenden beide die Maske des Unwissenden, des Naiven, um ihrer Umwelt einen moralischen Spiegel vorzuhalten. Beide Sokratesse verfolgen ein klares Ziel, aber sie verschleiern dies hinter einem Spiel mit Masken. Der Geburtshelfer als pädagogisches Rollenspiel: Nur, was der Gesprächspartner selber herausgefunden zu haben glaubt, ist für diesen auch wertvoll und verwendbar. Hamann wie Kierkegaard versuchen, auf diese Weise einem fundamentalen, theologisch unbeleckten und unbefleckten Glauben das Wort zu predigen. (Viele Texte Kierkegaards sind bekanntlich pseudonym erschienen.)

Doch das Spiel mit der Maske hat sich bei beiden gegen den Urheber gerichtet. Sie gelten als dunkel, schwer verständlich, nur dem Spezialisten zugänglich und verständlich, und werden deshalb beiseite geschoben. Dabei liefern beide – jenseits jeglichen Fundamental-Christentums, das sie predigen – eine ebenso fundamentale Analyse der Romantik, um nicht zu sagen der romantisch geprägten europäischen Kultur. Einer Romantik, die aus aufklärerischem Fundus stammende Mittel – Hamanns Konzeption der Ironie wurde bekanntlich anhand seiner Lektüre von Shaftesbury entwickelt – gegen diese Aufklärung und gegen sich selber richtet. Vielleicht wäre es unsere Aufgabe, von hier aus einen Sprung zu tun, der woanders landet als im Glauben?

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