Nathalie Azoulai: An Liebe stirbt man nicht [Titus n’amait pas Bérénice]

Titus hat seine Geliebte Bérénice verlassen und ist zurückgekehrt zu seiner Frau Roma und den gemeinsamen Kindern. Diese Story ist simpel, ja banal. Doch aus solchem Stoff werden grosse Tragödien der Weltliteratur gemacht.

Dem Zürcher Secession Verlag für Literatur ist sein Mut hoch anzurechnen, einen Roman der im deutschen Sprachraum wenig bekannten Nathalie Azoulai ins Deutsche übersetzen zu lassen, und dann noch gerade diesen. Schon im Titel wird es nämlich klar: Titus n’aimait pas Bérénice steckt voller Anspielungen auf die gallico-romanische literarische Tradition. Einem in der französischsprachigen Tradition Gebildeten wird dabei sofort die Tragödie Bérénice von Jean Racine einfallen. Der französische Klassiker ist denn auch der eigentliche Protagonist dieses Romans. (Was ein weiteres Zeichen des Muts des Verlags ist, wird doch das eine oder andere Mal auch aus Racines Tragödien zitiert. Die sind in Alexandrinern verfasst, und wenn es ein Versmass gibt, das im Deutschen fast nicht wiedergegeben werden kann, sind es Alexandriner.) Racines Tragödie steht ihrerseits in einer literarischen Tradition. Sie hat ihren Stoff nämlich den Kaiserviten Suetons entnommen. Titus war gemäss Sueton mit Berenize, einer syrischen Hasmonäerin liiert. Als er aber zum römischen Kaiser avancierte, gab man ihm zu verstehen, dass eine solche Liaison in Rom nicht sehr günstig aufgenommen würde. Titus entschied sich gegen Berenize und für Rom und, so Sueton

entließ die Königin Berenice, der er sogar die Ehe versprochen haben soll, alsbald aus Rom gegen seinen und ihren Wunsch.

(Dieser Satz soll der Nukleus von Racines Tragödie geworden sein.)

Zu Beginn des Romans lernen wir eine Frau unbestimmten Alters kennen, die Bérénice genannt wird. Sie ist gerade von ihrem Liebhaber, der Titus genannt wird, verlassen worden – unter oben genannten Umständen. Schmerz und Kummer sitzen tief bei der Frau. Zufällig stösst sie auf ein paar Verse von Racine. Dessen Sprache fasziniert sie. Mehr und mehr beginnt sie sich mit dem bald 400 Jahre alten Dichter auseinander zu setzen. Im Roman zeigt sich das darin, dass die Geschichte unserer Bérénice, die in der Gegenwart spielt, über weite Strecken abgelöst wird von der Erzählung des Lebens des Jean Baptiste Racine – von dessen Erziehung im Kloster Port-Royal des Champs (u.a. bei Arnauld und Nicole) bis zum Tod als verbitterter und bei Louis XIV in Ungnade gefallener Mann.

Azoulai folgt dabei den biografischen Fakten treu, weshalb man das Buch auch eine Roman-Biografie Racines nennen könnte. Immerhin nimmt der Dichter mit seiner Vita einen weitaus grösseren Raum ein, als die weitere Entwicklung der Gegenwarts-Bérénice und ihrer Affäre mit dem Gegenwarts-Titus. Racine wird dabei als ein von der Liebe Umgetriebener gezeigt. Seine ganz grosse Liebe ist die Sprache. Schon der junge Jean, noch unter jansenistischer Obhut im Kloster, beginnt damit, seinen Vergil nicht einfach mechanisch ins Französische zu übersetzen. Er sucht die eleganteste Übersetzung, eine Übersetzung. die womöglich Versmass und Silben des Originals 1:1 wiedergibt. Seine Lehrer müssen zugeben, dass seine Übersetzungen zwar nicht unbedingt korrekt sind, aber gut – besser als die wörtlichen Übersetzungen seiner Mitschüler. Diese Liebe zur Sprache und zum Feilen am Silbenmass wird Racine nie verlassen. Dann ist da die Liebe zu den Frauen. Entdeckt, wie es bei einem jungen Bücherwurm nicht anders sein kann, bei der Lektüre. Der junge Jean liest – ausserhalb des Curriculums – bei Vergil auch die Liebesgeschichte zwischen Dido und Aeneas und – gänzlich ausserhalb des Curriculums und heimlich – Heliodor. Später werden es dann die grossen Schauspielerinnen seiner Zeit sein, denen seine Liebe gelten wird – jene Schauspielerinnen, die auch als erste die jeweiligen Hauptrollen in seinen Tragödien spielen. Liebe – verschmähte und enttäuschte Liebe – wird über weite Strecken Motivator der Handlungen seiner tragischen Figuren sein, die die Liebe bis zum Exzess, im wahrsten Sinn des Wortes bis zur Raserei treiben. Weiter ist da in Racines Leben die Liebe zum Prunk, zum Luxus und zum guten Leben, die ihn über lange Zeit hinweg seinen asketischen (weil jansenistisch gesinnten) Lehrern und Verwandten entfremdet. Mit dieser Liebe Hand in Hand geht eine seltsame Liebe oder Faszination einher, die er zum praktisch gleichaltrigen Sonnenkönig verspürt. Sie führt ihn, zusammen mit einer weiteren Liebe, nämlich der zur Intrige, zu einer Anstellung als Historiographe du roi, königlichem Geschichtsschreiber, und gar Königlichem Kammerherrn, womit er endlich dem Verehrten bei dessen Levée nahe sein darf. Gegen Ende seines Lebens ist es dann wieder die Liebe zu seinen jansenistischen Lehrern, zu seinen jansenistischen Wurzeln, die ihn ihrerseits vom einst so geliebten Hof und vom König entfremdet und dazu führt, sich nach seinem Tod auf dem Areal des Klosters neben seinem Lieblingslehrer beerdigen zu lassen.

Azoulai erzählt mit Zug und mit Tempo, ohne dabei zu hudeln. Dabei beherrscht sie die Kunst, Racines Sexualität zwar nicht zu verschweigen, aber nun auch nicht jeden vorkommenden Liebesakt im Detail auszumalen. Auch die Intrigen, die Racine mit seinem Freund Boileau (zum Teil auch mit dem Fabel-Dichter La Fontaine) spinnt, und die sich vorwiegend gegen seinen grossen literarischen Feind Corneille richten, aber auch gegen Molière (mit dem er eine Zeitlang gegen Corneille zusammenspannt, um sich dann mit ihm zu verkrachen) – auch diese Intrigen also werden erwähnt, aber nicht geschildert, wofür ich der Autorin dankbar bin, denn das trägt eindeutig zum notwendigen Tempo des Romans bei. Azoulai bleibt immer sehr distanziert von ihren Figuren, sowohl denen der Gegenwart wie denen der Vergangenheit. Sie beschreibt die Gedanken und Gefühle ihrer Protagonisten, wertet aber nie. Die Autorin ist auch klug genug, die beiden Fäden ihrer Geschichte zwar miteinander zu verzwirnen, aber nie parallel zu führen. Die Figuren haben ihr jeweils eigenes Leben, ihre jeweils eigene Form von Liebe, der sie folgen (müssen?).

An Liebe stirbt man nicht (ein Zitat aus einer Tragödie Racines!) bzw. Titus n’aimait pas Bérénice erreichte 2015 den dritten Platz beim Prix Goncourt. Für einmal bin ich mit einer literarischen Ehrung einverstanden. Ich glaube zwar nicht, dass dieser Roman ebenso mehr als ein Vierteljahrtausend überleben wird, wie es Racines Tragödien getan haben, aber einer Lektüre wert ist er allemal.


Nathalie Azoulai: An Liebe stirbt man nicht. Aus dem Französischen von Paul Sourzac. Zürich: Secession Verlag für Literatur, 2017.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.