Charles Darwin: On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life [Über die Entstehung der Arten]

Darwin war kein Darwinianer. So könnte man das Ergebnis einer Lektüre von On the Origin of Species zusammenfassen. Oder, weniger plakativ, vorsichtiger: Charles Darwin verstand unter Evolution nicht dasselbe wie die heutige Evolutionsbiologie. Und noch vorsichtiger: Das gilt zumindest für die erste Auflage von On the Origin of Species von 1859, die ich gelesen habe. Zu Darwins Lebzeiten erschienen fünf weitere Auflagen, die er jeweils noch bearbeitete.

Im Hintergrund der Abhandlung stehen Maltus und Wallace, was Darwin in den einleitenden Worten offen zugibt. Einen wichtigen Unterschied (v.a. zu Wallace und zur heutigen Evolutionsbiologie) finden wir in der Weise, wie der Wandel stattfindet. Darwin war der Meinung, dass jede existierende Art sich ihrer Umwelt immer besser anzupassen bestrebt ist, und sich so entweder selber maximiert oder in eine neue Art übergeht. Dabei geht Darwin von recht kleinen Änderungen aus, die innerhalb von ein paar Generationen derselben Spezies stattfinden und sich sozusagen aufzuaddieren. Diese teleologische Sicht wird heute nicht mehr vertreten. Schon Darwin kam damit in Erklärungsnöte, konnte er doch kein Beispiel vorweisen, wo so eine kontinuierliche Veränderung festzustellen gewesen wäre. Auch die Geschichte half ihm nicht. Obwohl er als einer der ersten die Wichtigkeit der überall aufgefundenen Fossilien begriff und in seine Theorie einbezog, musste er auch hier zugeben, dass – wo überhaupt mehrere Exemplare einer unterdessen ausgestorbenen Art nachzuweisen waren – auch bei diesen kein Hinweis darauf gefunden werden konnte, dass da eine kontinuierliche Entwicklung stattgefunden hätte. Er erklärte das damit, dass die Bedingungen, die zu einer Versteinerung von Lebewesen führen konnten, nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort gegeben sein konnten, die fossile Überlieferung also von Natur aus äusserst lückenhaft war. (Mit diesen Gedanken wiederum nahm er eine Vorreiterrolle in der Paläontologie ein!) Zusätzlich stützte sich Darwin auf das (antike, in dieser Form von Linné formulierte) Dogma des natura non facit saltus – die Natur macht keine Sprünge. Dieses Dogma diente ihm letzten Endes an Stelle eines Beweises. (Kleine Bemerkung am Rande: Wie weit ein Naturwissenschafter der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert schon in der Neuzeit angekommen ist, lässt sich meiner Meinung nach gut daran feststellen, ob er den antiken Materialien-Sammler Plinius noch als Wissenschafter zitiert oder bereits nur noch aus wissenschaftsgeschichtlichem Interesse. Darwin zitiert ihn noch als Wissenschafter – wenn auch nur zu Beginn des Buchs, nachher lässt er Plinius Plinius sein.)

Zog sie ihn, fiel er hin? Was war zuerst, das Huhn oder das Ei? Nicht diese Frage zwar versuchte Darwin zu lösen – er weigerte sich explizit –, aber er versuchte das Problem der fehlenden Zwischenglieder in der Evolution einer Art über den Umweg der von Menschenhand initiierten Zuchtformen (vor allem von Tauben) zu lösen. Ob das nun dem Umstand zuzuschreiben ist, dass Darwin selber gerne züchtete oder dem Umstand, dass er wirklich eine greif- bzw. sichtbare Form von Evolution suchte – jedenfalls entnahm er den menschlichen Züchtungen viele Beispiele für die natürliche Selektion. Dabei „entdeckt“ er, dass eine Verpaarung von greif- und sichtbar völlig unterschiedlich geformten Elterntieren bei menschlichen Zuchtformen dazu führt, dass aus den gezüchteten Sonderform ein Rücksprung, oft bis zur wilden Originalform, stattfindet. (Mendel hatte zu der Zeit seine Studien, die zur heutigen Theorie der rezessiven und dominanten Allele eines Gens führten, zwar bereits durchgeführt, allerdings erst 1865 zum ersten Mal veröffentlicht. Und noch später, erst um ca. 1900, wurde den Biologen klar, was er da herausgefunden hatte. Dass menschliche Züchtungen fast immer bedeuten, dass rezessive Allele in den Vordergrund treten, die das natürlicherweise nie tun könnten, konnte Darwin also noch gar nicht wissen.) Nicht nur, dass die heutige Biologie die natürliche Selektion nicht mehr mit der menschlichen Zuchtwahl gleich setzt – Darwin war zusätzlich behindert durch die (meines Wissens auch noch von Konrad Lorenz vertretene) Ansicht, dass der Hund (der ähnliche Varietäten aufzuweisen gehabt hätte wie die Taube) seine Abstammung von verschiedenen Wildtieren nimmt, namentlich dem Wolf und dem Fuchs. Das war dann für Darwin zugleich der Beweis, dass Verpaarungen verschiedener Spezies nicht steril zu sein hatten, womit er (seiner Meinung nach) einen weiteren Punkt festgemacht hatte, an dem eine Variation der Arten entstehen konnte: die Verpaarung von bestehenden Arten.

Darwins Buch war nicht als wissenschaftliche Abhandlung konzipiert, sondern von Anfang an für breite, gebildete Publikum der Zeit. Es ist auch in einem eleganten und leicht lesbaren Stil geschrieben. Vielleicht ist es aber diesem Umstand geschuldet, dass Darwin oft unpräzise formuliert, so dass man z.B bei manchen Sätzen nicht genau weiss, ob er nun nicht doch schon an Stelle einer graduellen Variation eine punktuelle, sprunghafte annimmt, und man sogar Sätze als Beispiele zitieren kann, dass er tatsächlich einer Theorie der sprunghaften Entwicklung anhing. Meiner Meinung nach sind diese Beispiele aber eindeutig in der Minderheit. Ähnlich steht es übrigens um Lamarcks Theorie, dass im Laufe des Lebens eines Individuums erworbene Fähigkeiten den Nachkommen weitergegeben werden können. Auch hier nimmt Darwin in On the Origin of Species nicht präzise Stellung. Es gibt Formulierungen in diesem Buch, die durchaus Lamarcks Meinung zu vertreten scheinen. Andererseits streift er in seinen geologisch-paläontologischen Ausführungen einige Male die Theorie der Kontinentalverschiebung, wenn er festhält, dass die heutigen Küsten und Kontinente zur Lebenszeit der heute nur noch versteinert anzutreffenden Arten ganz anders ausgesehen und vielleicht sogar ganz wo anders auf der Erdkugel positioniert gewesen sein könnten. Das scheint mir allerdings mehr der Not gehorchend, als aus der Tugend geboren zu sein, konnte doch Darwin so ein weiteres Argument für die lückenhafte Überlieferung der Arten finden.

Den Menschen lässt Darwin in seinem Erstling zur Evolutionstheorie übrigens fast vollständig weg. Nur einmal, als er festhält, dass zwar nicht unbedingt die Form oder Grösse eines Knochens bei den Wirbeltieren identisch sind, aber Zahl und relative Lage zueinander immer die gleiche sind, nimmt er auch kurz den Menschen als Beispiel. (Ansonsten lässt sich festhalten, dass Darwin garantiert schon 1859 nicht die Ansicht vertreten hätte, dass der Mensch vom Affen abstamme, die man ihm fälschlicherweise bis heute unterschiebt. Gemeinsame Vorfahren: ja; direkte Abstammung: nein.)

(Und, ach ja: Der Begriff des Survival of the Fittest existiert in diesem Werk noch nicht – es bleibt beim auch im Titel anzutreffenden Struggle for Life.)

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