David Crystal: The Disappearing Dictionary [Das verschwindende Wörterbuch]

Warum werden so wenige Wörterbücher besprochen? (Ich meine jetzt nicht jene literarischen Werke wie Ambrose Bierce’ The Devil’s Dictionary oder Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze, das wir hier ein bisschen adaptiert haben. Das sind Orchideen, die auf den grossen Urwaldriesen der Wörterbücher und Lexika blühen. Ich meine die Urwaldriesen selber.)

Dabei Wörterbücher (im weitesten Sinn) Anfang jeder modernen Nationalliteratur. Sobald sich eine Nation dessen bewusst wurde, dass sie eine eigene Sprache sprach, und dass ihre Literatur in dieser ihrer Sprache verfasst werden könnte, entstand auch das Bedürfnis danach, die Wörter dieser Sprache systematisch zu sammeln und mit Erklärungen dem Publikum wie dem Dichter zur Verfügung zu stellen. Das ereignete sich, π mal Daumen, in der Aufklärungszeit.

Es waren immer grosse Einzelne, die diese Arbeit des Sammelns und Aufbereitens auf sich nahmen. Nicht alles waren Wörterbücher im heutigen Sinn.

Pierre Bayles Dictionnaire historique et critique zeigte Wirkung nicht nur auf die nachfolgende Encyclopédie. Da Französisch zu seiner Zeit die Sprache des Hofs, der Diplomatie und der Gelehrten war, wurde sein Dictionnaire über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Zumindest indirekt wurde Bayle zu einer Schlüsselfigur der Französischen Revolution. In Grossbritannien war es Samuel Johnson, der das erste bekannte Wörterbuch verfasste. Es ist den Briten hoch anzurechnen, dass Johnson für dieses Werk bei ihnen noch immer berühmt ist. Anders ist es im Deutschen. Der Gymnasiallehrer Konrad Duden war ja bei weitem nicht der erste, der ein Wörterbuch erstellte und die Rechtschreibung des Deutschen zu systematisieren suchte. Wer – ausser ein paar Germanisten – kennt heute noch den Adelung? Lange Zeit war Johann Christoph Adelungs Wörterbuch Referenzwerk eines jeden Autors und Kritikers, und ich bin nicht sicher, ob sich jeder deutsche Verfechter der traditionellen Unterscheidung (bzw. Schreibweise) von ‘ss’ und ‘ß’ dessen bewusst ist, dass sie aufs von Adelung zwischen 1774 und 1786 veröffentlichte Grammatisch-kritische Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen zurückgeht. Und wer – ausser ein paar Germanisten – weiss, dass die Brüder Grimm viel mehr als für ihre (unterm Strich sehr unsystematisch gesammelten und stark bearbeiteten) Kinder- und Hausmärchen dafür zu loben sind, dass sie den Anstoss gaben zu einem immensen Wörterbuch, das erst 100 Jahre nach ihrem Tod abgeschlossen werden konnte?

In einem Zeitalter, wo die in jedem Computerprogramm integrierte Autokorrektur dem Schreiber von Texten das Nachschlagen zumindest der Rechtschreibung abnimmt, sind viele Wörterbücher, Lexika oder Enzyklopädien tatsächlich daran, ganz von der Bildfläche zu verschwinden. Aber David Crystal meinte mit dem Disappearing Dictionary nicht dieses Phänomen. Crystal (der im englischen Sprachraum dafür bekannt ist, dass er als linguistischer Experte bei Shakespeare-Aufführungen mitgewirkt hat, wo versucht wurde, Shakespeare in der Original-Aussprache des 16. Jahrhunderts wiederzugeben) bezieht sich auf Joseph Wrights The English Dialect Dictionary von 1898-1905. (Es war ja der logische nächste Schritt, dass man sich, nachdem man sich der Gemeinsamkeiten seiner Nationalsprache versichert hatte, um die regionalen Unterschiede kümmerte, und so die Identität nicht nur im Grossen, Nationalen, sondern auch im Kleinen, Regionalen zu sichern suchte.)

Wright stammte aus einfachsten Verhältnissen, wie man so schön sagt. Schon als 6-Jähriger musste er Geld verdienen. Schreiben und Lesen brachte er sich selber bei. Später ein einfacher Arbeiter mit einem Wochenlohn von 1 £, sparte er sich soviel, dass er für ein Semester nach Heidelberg konnte, um dort zu studieren. Er wurde Lehrer, studierte in England weiter, bis er 1885, erneut in Heidelberg, seinen Doktor-Titel erlangen konnte. Im Anschluss daran berief ihn die Oxford University als Lecturer. Er beschloss dort seine Karriere als Professor für vergleichende Philologie. (Er war in Oxford der Tutor von Tolkien und korrespondierte u.a. mit Thomas Hardy für seinen Dictionary. Virginia Woolf sah in Wrights Leben ein Beispiel dafür, dass auch Personen aus einfachsten Verhältnissen sich Bildung aneignen konnten – etwas, das für sie natürlich auch auf die Frauen der damaligen Zeit anwendbar war.)

Neben einer kleinen Biografie von Wright bringt Crystal Beispiele und Ausschnitte aus dem Dictionary. Das kleine Büchlein soll nicht für Gelehrte sein, so kommentiert Crystal die gefundenen Dialektwörter auch selber, was oft sehr witzig ist. Es ist nicht nur das Wörterbuch selber, das am Verschwinden ist, sondern auch die von Wright gesammelten Dialektwörter werden immer weniger verwendet. Crystal bedauert das und fordert den Leser auch auf, sich doch umzuhören, ob das eine oder andere Wort in seiner Region nicht doch noch immer verwendet werde. Oder ein anderes, nicht zum Standard-Englischen gehörendes. Dazu sind am Ende sogar leere, aber linierte Seiten eingefügt, wo der Leser Folgendes notieren kann: Word or expression / Where did you find it? / Source details. Idealerweise wird man Crystal diese Blätter mitteilen, damit er diese Wörter seiner eigenen Sammlung einverleiben kann.

Das Büchlein – wen wundert’s? – gibt’s nicht auf Deutsch, der Titel wurde für dieses Aperçu von mir übersetzt. Eine vergnügliche Lektüre für den Linguisten im Leser. Im Übrigen hat es mir, obwohl darin – wenn auch unsystematisch – ganz England, Schottland und Wales abgedeckt sind, nicht bei der Lektüre von Burns geholfen… 🙂

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