Svetlana A. Aleksievic: Secondhand-Zeit

Eines der beeindruckendsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, ein Glücksfall, angesiedelt zwischen konziser journalistischer Beobachtungsgabe und behutsamer sprachlicher Ausgestaltung, in dem Aleksievic die Schicksale völlig unterschiedlicher Personen in den post-sowjetischen Zeiten zwischen 1990 und 2010 dokumentiert. Ich habe aus diesem Buch sehr viel mehr erfahren und verstanden als etwa durch Schmids soziologische Aufbereitung der Putin-Zeit, ich habe von mir unbekannten Kriegen gelesen, von sozialen Missständen und Armut, von denen man ansonsten kaum Kenntnis nimmt. Und das mit einer Authentizität, die ihresgleichen sucht.

Die Interviewpartner könnten unterschiedlicher nicht sein: Es gibt überzeugte Kommunisten und Stalinisten, Gewinner der Umbruchzeit und ihre Verlierer (vor allem Menschen aus den Kaukasusrepubliken), einfache Frauen vom Land und Akademiker, Opfer, deren Geschichten in ihrer Grausamkeit fast unglaublich erscheinen und Täter, denen alles Verständnis für ihr Tun fehlt. Alle aber berichten davon, dass die Ereignisse von 1989 und 1991 ihr bisheriges Leben in einer Weise auf den Kopf gestellt, sie aus einem Dasein gerissen haben, wie es undenkbarer nicht hätte sein können. Und nur wenige konnten mit diesem so vollkommenen Bruch mit der Vergangenheit umgehen, für die allermeisten waren gerade die 90er eine fortgesetzte materielle Katastrophe – begleitet von unkontrollierter Gewalt und einer De-facto-Rechtlosigkeit. Dieser fast anarchische Zustand (und die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen mit unzähligen Toten) ist dem Westen (wenigstens mir) großteils verborgen geblieben (ich erinnere mich ausführlicher nur des Georgienkrieges), ich glaube nicht, dass der soziale Absturz und die Armut eines so großen Teiles der Bevölkerung bei uns thematisiert wurde.

Dazu kommt auch der Blick in eine archaisch anmutende Welt, die man ansonsten – literarisch aufbereitet – aus Dostojewski oder Tolstoi kennt. Ein in seinem Ausmaß unglaublicher Alkoholismus, dessen Opfer – wie fast immer – Frauen und Kinder sind, Gesellschaftsstrukturen, die man im frühen 19. Jahrhundert verorten würde und eine latente Grausamkeit und Gefühllosigkeit, die mich das Buch öfter mal weglegen ließen. Das ist fortgesetzter, unendlich gesteigerter, realer Dostojewski – aber ohne belletristische Behübschung, das „gute Herz“ des Verbrechers bleibt gut verborgen, nur für einige wenige menschliche Handlungen bleibt Platz zwischen all den Ungeheuerlichkeiten.

Mir hat das Buch vor allem gezeigt, dass wir hier im Westen im Grunde wenig Ahnung von den Lebensumständen in Russland bzw. in den Nachfolgestaaten des Sowjetimperiums haben – und ich glaube nun sehr viel besser zu verstehen, weshalb zum einen Putin einen so ungeheuren Erfolg hat, zum anderen die Anziehungskraft eines demokratischen Liberalismus so gering ist. Wobei: Theoretisch wusste ich natürlich um die Problematik, um die Schwierigkeiten, die einem Volk nach 70 Jahren totalitärer Herrschaft durch eine nie gekannte Freiheit erwachsen. Aber Theorie hat immer etwas Distanziertes, sie betrachtet analytisch, geht von einem abstrakten (meist der eigenen Person irgendwie nachgebildeten) Menschen, Denken aus. Die sozialen Unterschiede scheinen aber ein Ausmaß zu haben, das eine Übertragung politischer (wirtschaftlicher, sozialer) Strukturen noch länger (und damit auch eine Demokratie nach westlichem Vorbild) unmöglich macht. Zusätzlich erschütternd ist die Tatsache, wie dünn die zivilisatorische Firnis zu sein scheint, die die Staatsmacht seinen Bürgern aufzwingt: Die beschriebenen Metzeleien im Kaukasus zwischen Menschen, die sich noch am Tag zuvor bestens vertragen hatten und nun einander wegen einer Herkunft töteten, die ihnen zuvor kaum bewusst war, sprechen Bände. Und sollten auch uns zu denken geben: Zivilisatorisches Miteinander scheint alles andere als eine Selbstverständlichkeit zu sein. – Unbedingt lesen!


Svetlana A. Aleksievic: Secondhand-Zeit. München: Hanser 2013.

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