Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt.

700 eng bedruckte Seiten zum Sechstagekrieg: Das zeigt schon, dass man hier recht ausführlich über die Ereignisse des Jahres 1967 im Nahen Osten informiert wird. Segev beschränkt sich keineswegs auf den Krieg selbst, sondern analysiert die gesellschaftlichen Verhältnisse vor dem Ausbruch des Krieges, die beginnende (erste!) Wirtschaftskrise des neuen israelischen Staates und die fast skurril anmutende Unfähigkeit der politischen Elite vor und nach den Ereignissen, die bis heute einen enormen Einfluss ausübt.

Alle diese Ereignisse werden mit persönlichen Schicksalen verflochten; Segev zitiert aus zahlreichen Briefen, Tagebüchern einfacher Staatsbürger, aber natürlich auch aus den Quellen jener Zeit: Sitzungsprotokolle der Regierung, Besprechungen mit Botschaftern und den Tageszeitungen nebst zahlreichen Leserbriefen, die einen Eindruck von der Stimmung im Volk vermitteln. Der Sechstagekrieg war der ultimative Sündenfall für die Situation im Nahen Osten; nicht nur, dass der Krieg selbst keineswegs eine – wie im Westen stets propagiert – unvermeidliche Angelegenheit war, auch die Zeit danach war ein einziges diplomatisches Desaster, in der alle Möglichkeiten zu einer Regelung mit den arabischen Staaten als auch mit den Palästinensern immer wieder auf die lange Bank geschoben wurden, bis eine sinnvolle Beilegung des Konflikts nicht mehr erreicht werden konnte. (An dieser verfahrenen Situation hat sich bis heute nichts geändert: Durch den Siedlungsbau in den besetzten Gebieten ist eine Zwei-Staaten-Lösung in weite Ferne gerückt und die amerikanische Außenpolitik (der einzige Akteur, der auf Israel Einfluss nehmen könnte) gießt mit der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt sowie mit der Zustimmung zur endgültigen Annektion der Golan-Höhen zusätzlich Öl ins Feuer.)

Der Weg in den Krieg wird von Segev minutiös nachgezeichnet und stellte sich durch die Ungeschicklichkeit aller Beteiligten in Israel als eine ein Art von “psychologischer Notwendigkeit” dar. Ab einem bestimmten Zeitpunkt schien der Krieg unausgesprochen eine beschlossene Sache zu sein, wenngleich niemand wirklich genau hätte angeben können, warum eine solche Notwendigkeit bestünde. Man schien nur noch über den Zeitpunkt des Erstschlags uneinig zu sein, der schwache Ministerpräsident Levi Eschkol (“ich möchte gern etwas tun, aber ich weiß nicht was”) wurde von den “Falken” immer stärker unter Druck gesetzt, bis er von sich selbst den Eindruck hatte, den Krieg schon immer gewollt zu haben (nach dem erfolgreichen Feldzug hat er dies – um die Verdienste nicht seinem ihm aufgezwungenen Verteidigungsminister Moshe Dayan zu überlassen – genau so ausgedrückt). Aber das rauschhafte Siegesgefühl verflog alsbald, sah man sich doch alsbald der Gefahr gegenüber, im eigenen Land zur Minderheit zu werden. Obskure Umsiedlungsprojekte (Palästinenser aus dem Gaza-Streifen in den Irak, die arabische Bevölkerung des Westjordanlandes nach Jordanien) wurden diskutiert (ohne der offenkundigen Unmöglichkeit solcher Aktionen gewahr zu werden), das Problem der Anschläge durch die Fatah hatte sich verstärkt und Jordanien als auch Syrien war zu einem Solidaritätsakt mit den Ägyptern gezwungen worden (gerade König Hussein hatte immer wieder geheime Kontakte zu Israel aufrecht erhalten und seine Bereitschaft zum Dialog signalisiert).

Und so wurden in der Regierung nach dem Krieg hilflose Diskussionen darüber geführt, wie man die Fruchtbarkeit der jungen arabischen Frauen einschränken bzw. jene der jüdischen heben könne. Die Versuche einer wirtschaftlichen Integration der Bevölkerung in den eroberten Gebieten wirkte stümperhaft und nach dem Triumphgehabe ward der oben zitierte Ausspruch Eschkols zum Prinzip der israelischen Politik erhoben. Die USA waren mit Vietnam beschäftigt und ließen die Israelis ebenso gewähren wie diese selbst zu glauben schienen, dass sich die Probleme “irgendwie” mit der Zeit lösen würden. Das Ergebnis sind 50 Jahre Provisorien, sind Flüchtlingslager, in denen man mittlerweile alt werden kann, sind starre Positionen auf allen Seiten. Israel wurde zum Apartheitsstaat, der über Bürgerrechte anhand religiöser Kriterien entscheidet (wer keine jüdische Mutter vorweisen kann, vermag auch kein vollwertiger israelischer Staatsbürger zu werden). – Segev gelingt es glänzend, die Stimmung dieser Zeit einzufangen: Von der wirtschaftlichen Verunsicherung vor dem Krieg zum kurzzeitigen Großmachtsdenken danach. Und dem nun schon 52 Jahre andauernden Kater nach diesem Pyrrhus-Sieg, wobei eine Lösung der Probleme derzeit ferner scheint als je zuvor. Eine gelungene, penible und lesenswerte Darstellung der Ereignisse.


Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt. München: Siedler 2007.

Zum Hören:
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